Chronik des Dorfes Körbecke / Teil 6

Eisenbahnbau

Als eine Erlösung aus dem Notstande erschien der Eisenbahnbau. Es war zur Zeit der Hungersnot im Jahre 1847, als die erste Bahnlinie hiesiger Gegend, die Strecke Warburg-Kassel in Angriff genommen wurde. Für kräftige Arbeiter war das ungewöhnlich guter Verdienst. Nach einer Aufzeichnung beteiligten sich aus Körbecke 32 Arbeiter am Bahnbau, zunächst in der Gemarkung Ostheim, später in geringerer Zahl an der Diemelüberführung bei Haueda. Einige waren auch mit Pferd und Wagen an der Herstellung des großen Viadukts bei Altenbeken beschäftigt.

Während das für die Beteiligten eine Erlösung aus der Hungersnot war, verblieben schwächere Elemente, namentlich auch schwächere, unbemittelte Handwerker mit zahlreichem Kindersegen ihm länger unterworfen.

Über den Verdienst am Bahnbau konnte ein auswärtiger Teilnehmer noch folgende Auskunft geben: In der ersten Zeit erhielten die Arbeiter pro Tag eine Mark Vorschuß und außerdem, je nach der Tüchtigkeit 20 bis 50 Pfennig Nachschuß. Später wurde die Erdbewegung karrenweise mit 4 bis 5 und zuletzt mit 6 Pfennig für die Karre bezahlt. Hierbei habe ein tüchtiger Arbeiter es auf 2 Mark pro Tag gebracht. Das war und galt derzeit als ein außerordentlich guter Verdienst, der noch langen Ruhmes genoß. Über die Schwere der Arbeit aber wurde lebhaft geklagt. Es waren schlesische Arbeiter am Bahnbau, denen die hiesigen Arbeiter die Waage nicht halten konnten. Mangelnde Übung und voraufgegangener Nahrungsmangel mochten daran mitschuldig sein.

Als indes zu spätern Bahnbauten ostdeutsche und italienische Arbeiter zuströmten, haben hiesige Arbeiter nicht konkurrieren können und haben vom Wettbewerb Abstand genommen.

Nach gestiegener Wohlhabenheit und Einführung von Arbeitsmaschinen hat man sich hier der schweren Arbeiten mehr und mehr entwöhnt. Daß übrigens beim damaligen Bahnbau auch hiesige Leute, wenn auch vereinzelt, sich ungewöhnlich großen Anstrengungen unterzogen, möchten folgende Beispiele dartun:

Ein Mann schnitt des Winters nach Mitternacht bei seinem Ackersmann sein Quantum Häcksel und ging in der Morgenfrühe zum Bahnbau nach Haueda.

Ein anderer Teilnehmer sehnte sich nach einem eigenen Häuschen. Bauplätze hatte die Gemeinde. Ein Hausplatz mit Gärtchen kostete 20 Taler. Diese brauchten nicht gleich bezahlt zu werden, sondern wurden gegen jährliche Entrichtung von 1 Taler Zins auf beliebig lange Dauer gestundet. Jetzt sind jene Plätze mit 2 Reihen Häuser bebaut und bilden nach Süden die sogenannte Vorstadt.

Bei besagtem Tagelöhner nun mochte der gute Verdienst die Baulust beleben. Indem er sich die Sache überlegte, kam er zu der Meinung, die eichenen Schwellen,wie sie massenhaft am Bahnzuge lagerten, seien vortrefflich verwendbar zu Bauholz. Er versuchte daher probeweise, eine Schwelle abends auf den Schultern mit heim zu schleppen. Da die bauleitenden Aufseher dem fleißigen Besuche der Bahnschänken oblagen, mochten ihnen Kleinigkeiten bei dem großen Apparat leicht entgehen. Auch beim damaligen Bahnbau scheint es sich bewährt zu haben, daß "der große Geldbeutel manches ertragen kann."

Eine neue, eichene Bahnschwelle jenseits der Diemel die lange und starke Steigung am Schwiemelstein und im überaus holprigen und steilen Asborne herauf nach Körbecke zu schleppen, war gewiß ein hartes Unternehmen. Und nun erst nach vollbrachtem, sehr schweren Tagewerk! Nachdem es einmal gelungen war, wurde es fortgesetzt. Als unter langer, zäher Ausdauer der Bedarf endlich zusammengeschleppt war, kam Verrat. Bahnaufseher ließen nun mit leichter Mühe wieder hinabfahren, was in vielen Einzelanstrengungen keuchend und schweißtriefend heraufgeschleppt war. Der hoffnungsvolle Traum vom eigenen Häuslein leitete über in eine Gefängniszelle. Die harten Anstrengungen wurden ihm nicht angerechnet.

Später hat die Sehnsucht nach einem eigenen Heim auf einem ungefährlichen Wege doch seine Erfüllung gefunden.

Die Schwere der Bahnarbeit mochte ältere und schwächere Arbeiter für hiesige Bedürfnisse zurückhalten. Auch gab es damals Handwerker, welche nach Ersteigung des Zunftbaumes das Durchklettern sämtlicher Zweige bis zur Erreichung des Gipfels zu schwierig befunden und deshalb auf einem einzelnen Aste sitzen geblieben waren.

So gab es z. B. einen Sackschnieder und einen Gamaschenschnieder. Diese nebst Konsorten und Meisterinnen waren bereit, auf Bestellung Aushilfe in landwirtschaftlichen Arbeiten zu leisten, als Kartoffelpfanzen, hacken, behäufeln, ausmachen, beim Einernten, am Schneiden von Rauhkorn mit der Sichel usw. Das alles waren Handarbeiten. Zum Schneiden von Rauhkorn wurde bei trockenem Wetter morgens gegen 3 Uhr ausgerückt, weil es sich im Tau besser schnitt.

Die Streifung der ehrsamen Schneidergilde erinnert an einen vollkommeneren Jünger dieser Zunft, in dessen Wirken wir durch nachbarliche Einblicke manchmal eingeweiht wurden. Im Vorbeigehen sei es gestattet, aus dem vielgestalteten Wirken unseres ehrenwerten Ellenreiters einige Zwischenfälle einzuschalten.

Wir drängten ihn zuweilen zum Erzählen. Wenn er sich dann ein "Snüweken" einverleibte so war das ein Zeichen, daß er loslegen wollte.

Wir Kinder umstanden ihn dann mit offenen Munde und bewundernden Äuglein, den derben Nachbar Johann, wenn er uns einen fabelhaften wundersamen verlaufenen Roman aus seinen Wanderjahren aufband, den er auswendig gelernt hatte. Am Schluße der Erzählung belohnte er sich mit einem weiteren "Snüweken". Unsere Phantasie beschäftigte sich dann noch lange mit dem Gehörten und bewunderte den Erzähler und einstigen Helden, der aus den schwierigsten Lagen unter Beihilfe glücklicher Zufälle unbeschädigt hervorgegangen war.

Auch im gesetzten Alter überkamen unsern Meister noch verzwickte Lagen. Wir wollen im Nachfolgenden über einige berichten und werden sehen, wie er ihnen zu begegnen verstand.

Nicht ohne Stolz erzählte unser Kunstjünger, welche Handlungen und Neuerungen ein verständiges Geschick an einem Kleidungsstück vorzunehmen vermöge, wenn es dem jeweiligen Zwecke nicht mehr entspreche. So hatte er einst aus einem Rocke ein Stoffel gemacht, nachher auch Wamms oder Jacke genannt, welches die Jünglinge seinerzeit am Sonntagnachmittag trugen. Als später das Stoffel nicht mehr wollte, hatte er einen Rump (Weste) daraus geschaffen, und als der Rump versagte, wußten seine kunstfertigen Hände noch ein Paar regelrechte Fausthandschuhe daraus herzustellen. Für den Lumpenmatz blieb somit wenig übrig.

Als er den erstmaligen, damals seltenen Auftrag erhielt, selbständig einen neuen Sonntagsrock zu nähen, fühlte er sich beklommen. Im Falle des Mißlingens konnte dieser ehrenvolle Auftrag zur Klippe für das Vertrauen und seinen Meisterruhm werden. Meister Zwirn ersann eine List. Sein Auftraggeber war in der Statur einem seiner Nachbarn nicht unähnlich. Deshalb entlieh er unter einem harmlosen Vorwande dessen Rock. Diesen trennte er nun in seine einzelnen Teile und legte diese seinem neuen "Wand" als Schnittmuster auf. Danach mußte die Passe des neuen Rockes stimmen, wenn es nicht mit unrechten Dingen zuging; weil es damals nicht so genau genommen wurde. Äußerte ein Kunde Zweifel am guten Sitz, so wußte der Meister ihn zu beschwichtigen mit der Versicherung: "So nigge Tüeg is ümmer es en bitten widerspänstig, dat mot sek erst nan Liewe teihen, dat gift sek balle".

Als der rockleihende Nachbar sich am nächsten Sonntag zum Kirchgang rüsten wollte, hatten die Teile seines Obergewandes ihre volle Wiedervereinigung noch nicht gefeiert. Der Notlage halber mußte die einmalige Versäumnis des sonntäglichen Gottesdienstes Vergebung finden.

Geniale Unternehmungen enden manchmal ohne den verdienten Erfolg, weil ihre Ausführung auf unvorhergesehene Mißgeschicke stößt. Das ist eine Erfahrung aller Zeiten, die auch unser Meister verkosten mußte.

Als eimmal sein Eheweib einen Ausgang ins Dorf machte, stieg des Meisters Sehnsucht nach Mettwurst wieder einmal zu unbezwinglicher Höhe. Er beschloß sie diesmal zu befriedigen, die Gelegenheit war günstig. Fleisch und Würste hingen damals auf der Dehl unter der Balkendecke in der Nähe der Küche, wo sie auch geräuchert wurden. Die Fleisch- und Wurstwaren wurden mit einer Fleischgabel aufgehängt und abgenommen. Dies war eine lange Stange, deren Gabelenden in zwei kurze, eiserne Hörner ausliefen, in die ein Fleisch- oder Wurststock hineinpaßte. Der kleinere Häusler entlieh sich die Gabel von seinem größern Nachbarn. Unser Meister hielt im besagten Falle das Leihen der Gabel nicht ratsam. Die ungewohnte Tageszeit konnte die nachbarliche Neugier reizen und weibische Geschwätzigkeit dann leicht zu Verrat führen. Und die dann folgende Auseinandersetzung war ihm zuwider. Somit band er ein Messer an einen längern Stock, damit mußte es möglich sein, von

der angestellten Bühnenleiter aus den Wurstband durchzusäbeln. Die List gelang, bums! lag die Erkorene am Grunde, im Absturz von des Meisters Freudenlaut begleitet. Nachdem er das Objekt zur Strecke gebracht, stand die Erfüllung seiner Sehnsucht in nächster Nähe. Näher jedoch war die gefürchtete Wächterin, deren Zwieklatsch mit der Gevatterin durch äußere Umstände an der vollen Entfaltung behindert war und die deshalb in unerwartet rascher Rückkehr vor der Schwelle erschien, als das begehrte Objekt abstürzte. Dies im Sprunge aufraffen und ein helles Zetergeschrei über die Freveltat erheben, war eins. Dann folgte eine Lektion, wie sie bei Mathäi nicht kraftvoller geschrieben steht. Der überraschte Meister stand währenddes sprachlos mit Wehr und Waffe oben auf der Leiter. Unter der kraftvollen Kernsprache seiner Meisterin war seine Zunge gelähmt und zu jeder Gegenwehr unfähig. Somit erlitt er eine glatte Niederlage und stieg in bedingungsloser Kapitulation von seinem hohen Standpunkte herab und seufzend auf seinen Nähtisch. Seine Sehnsucht blieb wieder ungestillt.

Wenn man ein ersehntes Ziel nach gehabter Anstrengung endlich mit den Händen zu greifen meint und es dann plötzlich wieder entschwinden sieht, so sind solch grelle Gegensätze geeignet, das Gleichgewicht auch des Starken zu erschüttern. Des Meisters Kummer wurde dadurch vertieft, daß seine Ehehälfte es nicht unterlassen konnte, es schnell den Nachbarinnen zuzustoßen, wenn sie ihm eine Niederlage beigebracht hatte.

Unser Held aber ließ sich nicht entmutigen. Zum Beweise dessen sehen wir ihn in einer neuen Operation auf verwandtem Gebiete begriffen. Der Anlaß wurzelte in dem Umstande, daß er während der Prozession am Feste Christi Himmelfahrt den Kochtopf bedienen mußte. Seine gehobene Feststimmung verdichtete sich zu dem Wunsche nach einem Extraschmaus und lenkte sich nicht vorteilhaft auf Schweinsfuß. Also Schweinsbein in den Topf und dann mit vollen Backen in die Flammen geblasen.

In der Kochkunst stak unser Meister offenbar noch in den Lehrjahren, sonst hätte er wissen müssen, daß ein "Fikkelnfot" während der Prozession nicht gar werden würde. Bald drang an seine Ohren das Te Deum, unter dessen Absingen die Prozession der Kirche wieder zuzog. Unter seinem Schalle mußte der Schweinsfuß abgegessen und die Knöchel sorgsam beseitigt werden. Bei dem folgenden Mittagsmahle hatte der Appetit in ungeminderter Stärke zu walten, damit in der Frauenseele kein Verdacht aufstieg. Alles verlief glatt. Nach vollbrachter Atzung konnte des Meisters Danksagung aus festlich befriedigtem Herzen aufsteigen. Hiernach schlug sich der Meister abseits, um einer behaglichen Verdauung obzuliegen. Nun aber nahte die Nemesis eiligen Laufs und benutzte die ungaren "Fikkelnföte" zur Erregung heftiger Bauchgrimmen, die sie später in ungestüme Furganz überleitete. Der Schmerz stimmte zur Reue. Stöhnend gestand er seine Missetat als Ursache seines Zustandes. Nun wurden seine weiteren Anfälle von seinem zungenfertigen Weibe mit einer Philippika in steigender Tendenz begleitet. Während sie also eifrig und andächtig in das Te Deum eingestimmt hatte, hatte ihr Herr Schnuckezunge in schnöder Weise sich über die Hausgesetze hinweggesetzt. Auch die Samariterinnen am nahen Brunnen wurden vom Fenster aus schnell verständigt. So lag denn der arme Sünder in stöhnendem Schmerze und drückendem Schuldbewußtsein den kritischen Augen der neugierigen Nachbarweiber ausgesetzt. Zu dem körperlichen Schmerz kam die peinliche Wahrnehmung, daß die Lauge aus dem reichen Sprachschatze der Meisterin, womit diese den geschlagenen Strategen in seinem Harme mit immer neuem Gusse überbeizte, in den Augen und Wangen der lieben Nachbarinnen einen schalkhaften Kitzel erregte. Du böser Schweinsfüßetag! Des morgens umgaukeltest du des Meisters Sinne im verführerischen Festhochrot, um nachher seine Verdauungswerkzeuge umso schmerzlicher zu revolutionieren, ihn in der schätzbaren Reputation der lieben Nachbarinnen beschämend herabzuwürdigen und die labsame Atzung an Schweinsfüßen langzeitig mit einer dumpfen Nachempfindung belasten. Für solche Tücke sollst du im Kalendergedächtnis des Meisters mit einem tiefschwarzen Tupf langjährig haften bleiben.

Bedeutsame Träume sind nicht bloß Alleingut von Pharaonen und Potentaten, sondern Morpheus steigt auch unter das Strohdach und umgaukelt seine schlafenden Insassen mit den mannigfachsten und wundersamsten Bildern. So war es auch bei unserm Meister. Sein Traumgesicht sah an der Gemarkungsgrenze mit handgreiflicher Deutlichkeit einen Münzenschatz von erheblicher Größe im Boden funkeln und glänzen, mehr Gold als Silber. Von dem Schatz stieg eine Flamme an die Oberfläche, die sich zu einer Hand formte, welche gegen den Meister eine winkende Bewegung oft wiederholte. Das war wichtig genug, es der Ehegattin ungesäumt mitzuteilen. Diese deutete den Traum als eine Einladung zu Reichtum, Ansehen und Glück. Diese Auslegung erschien umso wahrscheinlicher und durfte ebenso weniger ignoriert werden, als man wußte, daß auf demselben Felde - Neunschenholz vor der Alster - schon wiederholt sogenannte "Geldfeuer" auch am Tage gesehen worden waren. Das noch nicht einmal beobachtete Winken mit der Hand schien doch andeuten zu wollen, daß unser Meister der Erkorene war, der das Glück haben sollte, die "Braut" heimzuführen, wie der Volksmund zu sagen pflegt. Und welcher Erdensohn wäre unempfindlich gegen irdisch Gut und Glück?

So sehen wir unsern Meister in der Schwebe zwischen überquellender Hoffnung und Ratlosigkeit. Es wurden einige Bekannte ins Vertrauen gezogen. Man brachte in Erfahrung, in Hofgeismar wohne ein Mann, der sich auf das Heben unterirdischer Schätze verstehe. Schatzgräber Jungheim wurde also berufen und leitete den Angriffsplan ein. Am selben Spätabend wollte man ausrücken, um mitternächtig an der Arbeit zu sein.

Niemals waren die hoffnungsvollen Weiber zuvorkommender gewesen, wie an jenem Abend. Sie stärkten sie zu dem wichtigen Werke bereitwillig durch ein mundgerechtes Abendessen besserer Güte und vergaßen nicht, sie unter freundlichem Zuspruche mit einem rechtschaffenen Stärkungstrunke zu bestecken.

In verheißungsvoller Stimmung wurde ausgerückt. Hacke, Spaten, Schaufel, einige Säcke wurden auf mehrere Schulter verteilt.

Meister Schatzgräber trug die wichtige und geheimnisvolle Wünschelrute. Er hatte die strenge Anweisung gegeben, von dem Augenblicke an, wo er auf der Stelle mit seiner Wünschelrute die Operation beginne, dürfe niemand mehr einen Laut von sich geben. Bei zu erwartenden Vorkommnissen wollte man sich durch Zeichen verständigen, woüber man sich instruiert hatte. So sollte z.B. bei einem Flaschenstulp das hierlands gebräuchliche "Prost" durch ein Kopfnicken versinnbildlicht werden - bei Leibe aber keinen Laut!

Als der Meister seine Gefolgschaft auf sein Traumfeld und die ungefähre Stelle geführt hatte, wurde der spezielle Punkt mit Hilfe der Wünschelrute bald festgestellt. Nachdem dann Meister Schatzgräber die bedeutsame Stelle mit der Wünschelrute dreimal umkreist und überzeichnet hatte, begannen die Genossen, mit Hacke Spaten und Schaufel emsig tiefwärts zu arbeiten. Der Schatzgräber begleitete die Arbeit mit bedeutsamen Bewegungen und Zeichen der Wünschelrute.

Nachdem eine entsprechende Tiefe erreicht war, verständigte der Wünschelmeister im Anschluß an die vorhergegangene Instruktion einen Genossen, den Grubengrund mit der Hand zu untersuchen. Der Betreffende mußte sich auf den Bauch legen, den Oberkörper in die Grube hinabbeugen und mit der Hand eifrig auf dem Grunde wühlen. Die Genossen umstanden ihm mit höchster Spannung und erwarteten ein Zeichen.

Bei dem Wühlmann trat zu der seelischen Gespanntheit noch die straffe Spannung des Hinterkörpers und eine Pressung gegen den Bauch hinzu. Wurde diesen mehrfachen Spannungen, die nach einem Ausweg suchten, nicht vorsichtig ein stiller Abzug geöffnet, so preßten sie gemeinsam gegen das Ventil und eine Katastrophe stand in Sicht. Zeigte nun die Instruktion in dieser Hinsicht eine Lücke oder hatte die vermeintlich handgreifliche Nähe des Schatzes jede andere Erwägung und Vorsicht übertäubt - genug, es geschah das Unvermeidliche - die gemeinsamen Spannungen erzwangen einen Ausweg durch eine regelrechte Explosion schlagender Unwetter, deren Schall durch die stille Nacht dahinrollte.

Das verstieß gegen die Vereinbarung.

Der Schatzgräber erhob dann auch ein bestürztes Lamento, weil die Sache verdorben war. Die Gnomen, Wächter des Schatzes, die er mit dem Zauberstabe in Schlummer versetzt habe, seien durch die Explosion erschrocken aufgewacht und mit ihrem Schatz hundert Klafter tiefer in die Erde geflüchtet. Erst nach längerem, unbestimmten Zeitraum würden sie wieder gegen die Oberfläche steigen.

Der Mann mochte seine Geister kennen.

Das dermalige Schatzgraben hatte sich also in eitel Wind und Dunst verflüchtigt. Reich ist niemand davon geworden. Als die Hände sich schon zum Ergreifen geöffnet hatten, entschwand der Schatz jählings wieder in die Tiefe. Enttäuscht und entmutigt trollte die Gesellschaft heimwärts. Da der Bann des Schweigens gebrochen war, fielen schmollende Worte und Vorwürfe gegen den Unseligen, einen Zweispänner, daß er im leichtsinnigen Gehenlassen das Unheil angerichtet, Schatz und Hoffnungen hinterlings verscheucht hatte. "Konnteste nieh dunne hallen" hieß es usw. Grimmige Pfeile des Unmuts haben die enttäuschten Weiber gegen den Missetäter geschleudert, als ihnen statt des erwarteten glanzvollen Goldes der dumpfe Mißklang von der windigen Zerstörung ihrer Hoffnungen heimgebracht und dadurch ihre Rachegeister geweckt wurden.

Unser hoffnungsbetrogener Meister mußte wieder zu Elle, Schere und Nadel greifen und ward mißtrauisch gegen Träume. Nur einmal noch trieb ein Traum von "en Düwele" aus dem sein "Wickeweib" ihm nichts Gutes prophezeite, ihn nach Paderborn, wo er im Dom einem Beichtvater sich offenbarte. Nachdem er belehrt worden war, wie er sich verhalten solle, daß der "Gläunige" ihn nicht packe, trollte er erleichtert heimwärts, forcht sich in Zukunft vor dem Deubel und seiner Großmutter nicht mehr, wollte auch keinen Pfifferling mehr auf Träume geben.

Den damaligen Pfarrherrn führte eines Winterabends sein Weg an unsers Meisters Wohnung vorbei, als just eine gepfefferte Zwiesprache zwischen diesem und seiner Eheliebsten hin- und herflog. Beide verfügten über ausgiebige Stimmen, er im Baß, sie im Quint. Wenn sie richtig abgestimmt waren und ihre Inhaber in Hitze und stärkere Spannung gerieten, so konnten sie ein höchst erbauliches Duett, eine elektrische Entladung loslassen, ähnlich dem Krater eines feuerspeienden Berges. Sie spie die glühende und zischende Lava, in welche der grollende Zeus mit dröhnenden Donnertönen hineinfuhr.

Das seelsorgliche Interesse vermag sich umso erfolgreicher zu betätigen, je mehr sein Träger über alle Verhältnisse unterrichtet ist. Nun pflegen Zwiesprachen - sowohl in Scharmützel als auch in Koseform - vor geistlichen Ohren selten zu voller Abwicklung zu gelangen. Machte sich daher mal eine vereinzelte Wahrnehmung geltend und möglich, so ist sie nicht von der Hand zu weisen. Diese Empfindung mochte den geistlichen Herrn veranlassen, sich einige Schritte seitwärts dem an der Hausecke befindlichen Brunnen zu nähern, um einige Deckung und ein ungestörtes Verständnis im seelsorglich Interesse zu gewinnen.

Das Wasser wurde damals eimerweise aus dem Brunnen aufgewunden. Die Brunnenkette wickelte sich an einer Holzwelle auf und ab. Im Winter fror das verschüttete Wasser zu Eis. An dem Brunnen bildeten sich deshalb Eisflächen, die sich seitwärts allmählich abflachten.

Zur Zeit unseres Vorkommnisses war eine solch schräge Eisfläche vorhanden. Dem Pfarrherrn mochte die Fertigkeit im Balancieren auf dem Eise, die ihm als Knabe eigen war, inzwischen abhanden gekommen sein. Vielleicht wurde auch durch das Interesse an der kräftigen Unterhaltung die Vorsicht zeitweilig ausgeschaltet. Genug, ehe er sich's versah,hatte er das Gleichgewicht verloren und lag lang auf dem Eise. Zum bleibenden Andenken an unsern ehrenfesten Meister Zwirn hatte er ein Bein gebrochen. Hiermit war das Interesse an der innerhäuslichen Unterhaltung jäh erloschen und wurde diese durch lauten Zuruf unterbrochen.

Als sie gewahrten, daß ihr Duell außerhalb der Schußlinie eine fatale Blessur angerichtet hatte, waren sie umso verblüffter, als ihre Attacken bisher immer blessurlos verlaufen waren, so oft sie auch im Feuer exerziert hatten. In solcher Stimmung neigten sie zu einem stillschweigenden Präliminarfrieden. Eine ältere, im Hause wohnhafte Verwandte gelobte zur Sühne eine Wallfahrt nach Werl.

Unsers Meisters Unternehmergeist haben wir bei geeigneten Anlässen in Taten hervorbrechen sehen. Geringfügige Ursachen können unter Umständen bedeutende Wirkungen veranlassen, wie Geschichte und Erfahrungen lehren. So auch in unserm Falle. Ihm wurde stets vorgehalten, die Mettwürste müssen seinen Ackerleuten vorsetzt werden. Diese Vorenthaltung und Einschränkungen mußte ihn zu stetem Verdrusse reizen. Da sein Bestreben nach gebührender Anteilnahme einigemal mißlungen war, griff er schließlich zu einem Mittel, das andere Potentaten auch zuweilen anwenden, wenn ihnen die Sache gegen den Strich läuft.

Es heißt, eines Tages warf er Schere, Nadel und Bügelbolzen bei Seite, spannte Kühe ein und zog zum Staunen von Jung und Alt zu Felde als selbstständiger Ackersmann.

Das war eine förmliche Umwälzung. Aus dem Industriestaate war ein Agrarstaat geworden. Alle Zuwendungen mußten sich also hinfür auf den letztern beziehen, selbstredend auch hinsichtlich der Mettwurst.

Ganz glatt konnte die Sache indes nicht verlaufen, denn alle Umwälzungen, die total sind, stoßen in den Anfängen auf geringere oder größere Schwierigkeiten. Diese Erfahrung mußte auch unser Ellenritter verkosten. Zunächst machte er die fatale Wahrnehmung, daß seine neuen Untertanen, Blome und Brune, ein steifnackiges Hornvieh und weit ungefüger zu regieren seien, als Schere, Nadel und Bügeleisen. Während diese dem leisen Drucke eines einzelnen Fingers gehorchten, widerstanden die ungeschlachteten Biester seinen vereinten Fäusten. Für sein kraftvolles "Hüh! Hott! Ha!" waren sie teilnahmslos und taub. Die ausgesuchtesten Drohungen, die ihr Herr und Gebieter ihnen unter drohender Zustreckung der geballten Faust im höchsten Zorn und grimmen Baßtönen zudonnerte, nahm das Vieh mit kalter Gelassenheit entgegen. Griff er sie darob wütend an das Gehörn, so drehten sie gar das Weiße im Auge zu. Gut nur, daß er in Unbotsamkeit und Nichtachtung seiner Donnerstimme nicht ohne einige Erfahrung war, aber von diesem Rindvieh hatte er es doch nicht erwartet. Sogar die gelegentliche Anwendung von Bibelworten blieb erfolglos, denn als einst unter den grimmen Zuruf " Du sollst wissen und sehen, daß es bitter ist, deinen Herrn verlassen zu haben" mit einem langen Braken feste rückenlängs drüberhieb, ließen sie ihn mit Vorwärtsbringen einer Fuhre dennoch im Stich. Das waren fatale Situationen.

Auch seine leblosen Güter hatten zuweilen ihre Launen. Als einmal sich zwischen Vorder- und Hinterschar ein Stein festgeklemmt hatte und der Pflug nun plötzlich und gänzlich versagte, stand der neugebackene Ackersmann in starrer Verwunderung vor einem Rätsel. Auf dem einsamen und entlegenen Felde däuchte ihm die Sache nicht geheuer und eine sofortige Heimkehr schien ihm das Geratenste. Als er auf dem Heimwege einem Fachmann sein beklommenes Herz ausschüttete, bereicherte dieser seine Kenntnisse, indem er durch Entfernung des Steines den Pflug von dem Banne befreite und zum frühern Gehorsam zurückführte.

Übermütige Burschen hatten eines Samstagsabends seinen Wagen stückweise auf ein Strohdach geschleppt, welches über einen niedrigen Anbau hinweg ziemlich erdwärts reichte, ihn oben ineinandergesetzt und ihn mit Dünger beladen. Am folgenden Morgen und am ganzen Sonntag thronte auf dem Bauernhause rittlings ein Fuder Dünger zum Gaudium der herbeilaufenden Jugend. Außerdem gab es Gesprächsstoff und dem Wageneigentümer nicht geringen Ärger, sowie Schwierigkeiten in der Herabschaffung.

Indes Mensch und Tier besitzen die Fähigkeit der Akklimatisierung und so kam unser Freund nach und nach mit Blome und Brune leidlich zurecht. Auch die bösen Buben verschonten ihn mit größeren Schabernack, wenn sie ihn auch gerade nicht für zünftig anerkennen mochten.

Ob unser Ritter es nun nicht ertragen mochte, daß ihn im neuen Gewerbe die vollendete Meisterschaft nicht blühen wollte, oder kam es ihm, wie man sich zuweilen ausdrückt, schließlich mit dem Vieh zu dumm vor - genug, nach einigen Kampagnen griff er zum Wanderstab und kehrte seiner Heimat den Rücken, um sich als kinderloser Rentner in der Stadt niederzulassen. Hiermit hatte er seine Herrschergewalt beschränkt und konzentriert auf sein Ehegespons, vermutlich mit bestem Erfolg. Dabei genoß er Pökelfleisch und Fikkelnföte wieder mit vermehrten Wohlgefallen, immer frisch vom Metzgertisch weg. Da er die Zubereitung seiner Ehehälfte überließ, wurden sie auch wacker gar und mürbe, zum Lecken, derweil war er ihrer des Lobes voll. Die Mittel hierzu gewährte ihm der Erlös aus seinen hiesigen Liegenschaften. Somit sonnte sich unser Freund am Ende seiner rühmlichen Erdenlaufbahn mit gewohnter Tapferkeit noch mal in einer letzten Meisterschaft bis zu seinem gottseligen Ableben.

Von einem andern Genossen der respektablen Schneiderzunft erzählt mir ein Altersgenosse, daß er in seinem Elternhaus oftmals die Bekleidungsstücke einer zahlreichen Kinderschar reparierte. Beim Frühstück, das derzeit aus Brot, etwas trockenem Käse und Schnaps bestand, gebrauchte der Meister den Trick, wenn er sich unbeachtet glaubte, die eine und andere Brotschnitte unter die Weste zu schieben und sich neues zu schneiden, als habe er das vorige verzehrt. Beim Nachmittagskaffee desgleichen. Die Arbeitgeber drückten dem Hausfreunde gegenüber ein Auge zu. Hatte die Sache gut gegangen, so kam Meister Zwirn abends mit geschwollenem Busen heim, aus dem er dann pelkanähnlich seine Jungen atzte.

Manche unserer direkten Vorgänger besaßen eine gute Schulbildung, wogegen wieder andere wegen unterlassenen Schulbesuchs, wozu damals kein Zwang bestand, oder wegen mangelnder Aufmerksamkeit nichts mitbekommen hatten. Diese waren unsicher in der Entscheidung, ob sie in der Kirche ihr Buch richtig hielten oder ob es auf dem Kopf stand. Da sie nicht mitsingen konnten, beschränkten sie sich auf die Vorschrift, die Hl. Messe mit Andacht zu hören. Rechnen aber lernten sie im praktischen Leben, konnten daher in Geldangelegenheiten mitsprechen und kamen hierin nicht zu kurz. War ihre Namensunterschrift erforderlich, so zeichneten sie mit drei Kreuzen. Es fand sich manches Schriftstück, in welchem die Namensunterschrift mit 3 Kreuzen war.

Ein Sohn Israels, dem die Kreuze zuwider waren, unterzeichnete mit 3 Nullches. Er hatte mit irdenen Töpferwaren nach hier hausiert, z. B. Milch- und Milchseihetöpfe, Teller und Näpfe. Mit der minderwertigen Ware, die er in der Kiepe auf dem Rücken trug, mochte sein Vermögen ungefähr abschließen. Er freite dann ein hiesiges Mädchen ohne Vermögen und mietete sich hier ein. Hat sich dann aber schön emporgenullt. Wurde Besitzer von 2 Häusern, 3 Grundstücksplänen, hielt Kühe, Pferd und Wagen, handelte mit Getreide, Schafen, Wolle etc . Seine Frau behauptete von ihm, er wolle immer alle Lait retten, denen es schofel ginge-- !?

Als sein Sohn Geschäftsnachfolger war, hielt dieser einmal in Lamerden, um sich zur Heimfahrt noch durch den Genuß einigen gebrannten Wassers zu stärken, worin er es zuweilen zu einem kleinen Spitz bringen konnte. Meister Henriks war auch schon da und lag der gleichen lieben Beschäftigung ob. Als sie genug hatten, machten sie Anstalten zur Heimfahrt. Es war winterabends und lag Schnee.

Drinnen hatten sie schon vereinbart, Meister Henriks solle den Fuhrmann machen, weil er als der Zuverlässigere galt. Nachdem sie sich vorsichtig zurechtgesetzt hatten, fuhren sie los, auf Körbecke an. Als Henriks vor seiner Behausung anlangte, rief er "Brrr! " und das Pferd machte halt. Man hatte schon auf ihn gewartet und so kam der verheiratete Sohn mit der Leuchte heraus. Im Herabklettern sprach Henriks: " So, Pinnes, nun habe ich dich weit genug gebracht, nun mußte sehen, daß du auch bald nach Hause kommst." Auf diese Ansprache hin leuchtete der Sohn suchend in den Wagen. Als er nichts sah, fragte er: "Wo haste denn Pinnes, ich sehe nichts?" "Ei", entgegnete der Vater, "muß doch da sein, ich habe ja eben bei der Amtscheune noch mit ihm gesprochen". Darauf machte der Sohn das Pferd fest, leuchtete zurück bis zur Amtscheune, rief nach Pinnes, sah und hörte aber nichts. Er kehrte also um, brachte Pferd und Wagen heim und berichtete der Frau Pinnesen. Diese bewog ihn den Weg bis Lamerden mit der Leuchte nach dem verlorenen Pinnes abzusuchen. Als der Suchende unterwegs nichts entdeckte, ging er bis zur Wirtschaft, um dort vielleicht einen Hinweis zu des Rätsels Lösung zu erhalten. Hier saß der Gesuchte zwischen den Einheimischen und taten in fidelster Stimmung einen rechtschaffenen Trunk, weil Pinnes Malör gehabt, aber keinen Schaden dabei genommen hatte. Es hatte sich folgendermaßen zugetragen:

Pinnes hatte nicht auf dem höheren Fahrsitz Platz genommen, sondern sich vorsichtshalber niedriger im Wagen auf einen liegenden Sack gesetzt. Als ein Hilfsmann ihn hinaufgeholfen, das Pferd eingesträngt und losgebunden hatte, reichte er dem Fuhrmann die Zügel. Dem Pferd hatte der Aufenthalt schon zu lange gedauert und mit Ungeduld erwartete es den Augenblick der Abfahrt. Der angeheiterte Henriks wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich als forscher Fuhrmann zu zeigen. Er schwappte das Pferd mit dem Zügel und, heidi, gings im scharfen Tempo von dannen. Als der Hilfsmann eines kleinen Bedürfnisses halber noch eine knappe Minute verweilte, hatte das Gefährt Lamerden verlassen. Bei dem ruckweisen Angehen des Pferdes hatte Pinnesens etwas pendelnder Kopf die Haltung verloren. Deshalb hatte sein Träger, da der Wagen ohne Steg war, ein rücklings geschlagenes Purzelbäumchen vollbracht und lag hinter dem Wagen auf dem weichen Schnee. Vielleicht war es Schadenfreude, daß sein Pferd ein wieherndes Gelächter anstimmte. So sah ihn der Hilfsmann bei seinem Umdrehen zu seinen Füßen, nahm ihn auf und erschien mit seinem Findling wieder in der Wirtsstube zum Gaudium der Anwesenden. Diese machten nun den naheliegenden Gedanken geltend, er müsse als Fundgeld und da er ein Malör gehabt, ohne Schaden zu nehmen, Einen traktieren. Während Pinnes also hier in fröhlicher Gesellschaft seine Auferstehung feierte, hatte sein angeheiterter Reisekumpel, der im flimmerigen Zwielicht Mann und Sack nicht zu unterscheiden vermochte, auf dem Heimwege bis zur Amtscheune in fideler Redsamkeit mit ihm gesprochen.

Ende gut, alles gut. Das Begebnis löste sich in Wohlgefallen auf. Auch die harrende Frau, wenngleich ihr Männlein erst nach Mitternacht ihr zugeführt werden konnte, war tief entzückt, als sie ihren Pinnes nach allen Ereignissen unbeschädigt wieder in den Armen hatte.

Eine Feuerwehr

Vor etwas über 50 Jahren wurde hier erstmalig eine Feuerwehr gegründet. Unsere Väter wurden mit Armschildern ausgerüstet, auf denen der Anfangsbuchstabe der Abteilung, zu der sie zählten, weithin sichtbar war. Die Abteilungsdirigenten führten zwei, der Kommandeur des Ganzen drei Buchstaben im Schilde. Als sie ordnungsmäßig beschildet waren, wurde verabredetermaßen in den nächsten Tagen auch mal die Brandglocke gezogen. Die Wehr sammelte sich am Dorfteiche. Es mußte doch mal ersichtlich werden, wie sie sich in den neuen Schildern ausnahmen, nebenbei fand auch eine kleine Spritzenprobe statt. Alles verlief in bester Ordnung.

Nun war zur Bewältigung kommender Brände eine legitime Macht vorhanden. Wer indes weitgehende Erwartungen hieran geknüpft hatte, kam nicht auf seine Kosten. Als nach einer Reihe von Jahren ein Brand ausbrach - die Zwischenräume von einem bis zum anderen Brand haben jeweils 15 Jahre betragen -, waren Vorgesetzte und Gemeine teils verstorben, teils verzogen und an Ersatz nicht gedacht worden. Die Armschilde, nicht unter Verschluß gehalten, waren von den Kindern als Spielzeug benutzt worden und danach verkommen, die ganze Sache in Vergessenheit gekommen. Der Brand wurde also ohne alle Umstände in vormaliger, legitimationsloser Weise angegriffen. Nach geschehenem Brand erinnerte man sich, daß mal eine Feuerwehr gewesen war. Gut noch, daß wenigstens eine einmalige Schildparade stattgefunden hatte, sonst wäre kaum eine Erinnerung daran verblieben.

Eine Bürgergarde

Etwa um die gleiche Zeit, als man sich dem gefahrdrohenden Element des Feuers gegenüber des Schutzes einer Feuerwehr versichert hatte, wurde auch eine Bürgergarde, kriegerischen Andenkens, errichtet. Zu diesem Zwecke mußten alle streitbaren Männer beim Vorsteher zu Protokoll erklären, ob sie ihre Tapferkeit mit einer Flinte oder Lanze offenbaren wollten. Die meisten wählten Flinte, wahrscheinlich in der besonnenen Erwägung, damit in angenehmerer Entfernung vom Feinde verbleiben zu können und zugleich im Falle eines Retirierens einen schätzenswerten Vorsprung zu haben. Zu einer Bewaffnung und kriegerischen Übung aber kam es nicht. Dies war für uns Knaben eine große Enttäuschung. Wir hatten uns baß gefreut, eine leibhaftige Kriegsführung erwachsener Männer mit blitzenden Waffen, die an Sonntagnachmittagen stattfinden sollten, vor Augen zu sehen. Was war das gegen unsere eigenen Kriegsübungen mit Ruten und Stöcken, Steinen und Schneebällen. Nach dem Beispiel der Schützen rechneten wir auch auf musikalischen Aus- und Einmarsch, wozu hier ein Musikkorps vorhanden war. Wir wurden durch die Nichtausführung stark verschnupft.

Wenn aus unsern kriegerisch veranlagten Reihen nicht wieder ein General hervorgegangen ist, wie im Jahrhundert vorher, so ist das ohne Zweifel besagter Enttäuschung zuzuschreiben.

Ein hessisches Nachbarstädtchen war mit seiner Bürgergarde weiter gediehen. Als sie zu einer ersten Übungsprobe auf einer Weidefläche erschienen, wurden sie unversehens von einer regelrechten Kriegserklärung überrascht. Der bösartige Gemeindebulle kam unter drohendem Gebrüll aus der Herde hervor, als wolle er die Weideruhe der Herde nicht stören lassen. Auf solch jähen Angriff war die junge Garde nicht eingerichtet. Der Kampfesmut hatte die Knospe noch nicht gesprengt, sondern schlummerte noch in friedlicher Umhüllung. Durch die bevorstehenden Übungen sollte er erst zu allmächtiger Entfaltung kommen. Was war nun zu tun? Durften sie ihre ungeschulten Kräfte, deren das Vaterland vielleicht bald bedurfte, angegen ein ungeschlachtetes, blindwütiges Ungetüm aufs Spiel setzen und ihr erstes Debut vielleicht mit Opfern bezahlen? Das hätte einen Mangel an Patriotismus bekundet, der einer Bürgergarde fremd bleiben soll. In weiser Besonnenheit fanden sie den richtigen Ausweg aus der ernsten Lage, indem sie unter Befolgung der bewährten Devise "Der Klügste gibt nach" früh genug aus dem Bereiche der Gefahr schieden. Sie erwählten der Tapferkeit besten Teil, indem sie sich dem Vaterland noch länger unversehrt erhielten.

Fromme Bräuche

Vor dem Anschneiden eines Brotes war es allgemein üblich, mit dem Messer ein Kreuzzeichen am Brot zu zeichnen.

Bei Hauserhebungen kommandierte der Zimmermeister vor der Richtung des schwersten Stückes - ehemals Giebel, jetzt Dachstuhl - "zum Gebet!"

( Übrigens wurden größere Haushebungen früher mit Musik begleitet. Bei der Hebung unserer Scheune am 20. Oktober 1869 hatte ich ein Musikkorps von Beverungen. )

Die Antreibung der Arbeitstiere geschah - wenigstens bei unsicheren Anlässen - mit den Worten: " Hoi, in Guads Namen".

"Gesundheit" wurde als Trinkspruch und beim Niesen gewünscht.

Die Ausstreuung von Saatgut begann der Sämann nicht andere als mit 3 Kreuzwürfen.

Kamen die Arbeitstiere nach beendeter Arbeit einer Einsaat zum Stehen, so zogen einige Ackerherren die Mütze vom Kopf, schwenkten sie gegen den Acker und taten folgenden Segensspruch: "Herr, ich habe nun das Meinige getan, tue nun du auch das Deinige hinzu, dann wird es gut werden". Manchmal hatten die Schelme das Ihrige etwas recht schwach bemessen und mochten glauben, den Herrn besonders aufmerksam machen zu müssen, nachdem sie ihm das meiste überlassen hatten. Ein Ackersmann begegnete einst dem Vorhalt ungenügender Bearbeitung seines Saatackers mit den Worten: "Ei was, man muß auch auf den Herrn hoffen".

Es konnte nicht ausbleiben, daß ihre Hoffnungen oft unerfüllt blieben. Das machte sie indes im Vertrauen auf den Herrn nicht wankend. Manche kleinere Ackerleute waren nämlich dazumal ihrer Acker und ihrer ganzen Wirtschaft recht lässige Besteller. "Lat sachte gahn" lautete ein Vorbeigehegruß, den sie auch beachteten. War es Gewohnheit oder die niemals besiegte Knappheit, die eine Aufraffung der Energie hemmte? Vielleicht auch das Beispiel. Gegenwärtig ist die Lässigkeit ausgestorben, der eine tuts dem andern zuvor. Damit hat auch eine behäbige Fülle allenthalben auch in kleineren Verhältnissen den frühern elterlichen Mangel abgelöst.

Als zwischen Preußen und Kurhessen noch Zollschranken bestanden, waren in Körbecke zwei Zollwächter oder Kontrolleure stationiert, welche die Grenze kontrollierten und überwachten, damit nicht zollpflichtige Waren ohne Zollabgabe eingeführt wurden. Die Schmuggler rechneten auf gut Glück und ersannen nebenbei allerhand List, um die Kontrolleure zu täuschen, zu umgehen und auf falsche Fährten zu leiten. Manch ergötzliches Stückchen wurde davon noch erzählt.

Der letzte hier zugezogene Kontrolleur erschien im Trauerflor und beklagte den Tod seiner jungen Frau. Da er im Wirtshause wohnte, benutzte er die Gelegenheit, seinen Gram mit manchen Gläschen tiefbetrübt zu begießen. Die Wirtstochter war nicht nur ein ansehnliches Mädchen, sondern besaß auch ein teilnehmendes Herz, welches von dem offensichtlichen Harme gerührt ward. Ungeachtet des abweichenden Religionsbekenntnisses kam zwischen den beiden bald ein Verlöbnis zustande. Die Braut gestattete indes, daß er das Andenken an seine"Seelige" noch einige Zeit durch das Tragen der Trauerabzeichen ehren durfte. Unser Kontrolleur nun, um nicht in den Verdacht zu kommen, als schätze er die Brautstandsfreuden geringer als den frühern Schmerz, war in ehrlicher Unparteilichkeit darauf bedacht , die angebrochene Freudigkeit mit manchem Gläschen aus lieber Hand aufs fleißigste zu befeuchten. Die Jungfer Braut dagegen, nachdem sie erfahren hatte, daß dem Glase vermehrte Zärtlichkeit entquoll, war im Einschänken nicht lässig. Somit standen sie im schönsten wechselseitigen Einklang und schwelgten in feuchtfröhlicher Zärtlichkeit. Unser Kontrolleur traf mit dem gleichzeitigen erfolgreichen Umwerben zweier begehrenswerter Objekte immer zwei Fliegen mit einem Schlage.

Wie schade, daß solch schöner Zustand vom Verhängnis ereilt werden konnte. Als er nämlich eines Tages gerade wieder ein Tröpflein zum Munde führen wollte, öffnete sich die Tür und mit einem "Gude Morgen Keunig!" trat seine "Selige" über die Schwelle. In sprachloser Verwirrung entfiel das Glas seiner Hand.

Als er wieder Worte fand, lautete sein Gegengruß: "Wie führt dich der Deibel hierher, du hohlnäsige Tater!" Ihre Nase war nämlich einflüglich, weil das Mittelstück fehlte, sonst war sie ganz komplett. Sie hatte ihm aus der Gegend von Gütersloh nachgeforscht und ertappte ihn hier im schnäbelnden Brautstande. Obgleich das wieder Traurigkeit über ihn brachte, mußte er die äußern Trauerabzeichen doch ablegen und seine "Hohlnäs" behalten. Auch der Feuchtigkeitsmesser sank um mehrere Grade.

Die Zollgrenzen fielen bald nachher und auch seine Beamteneigenschaft. Da er kein Handwerk erlernt hatte, sank der Feuchtigkeitsmesser nochmals erheblich. Oftmals saß er völlig auf dem Trockenen. Da mochte er zuweilen nicht ohne Wehmut an die feuchtfröhlichen Tage des Brautstandes mit Wirtstöchterlein zurückdenken. Nur in den Tagen des Schützenfestes schwamm er alljährlich einige Tage wieder in feuchtfröhlicher Wonne, indem er etatmäßiger Paukenschläger war. Seine "Tater" mochte ihm eine zweite Härmung und Beflorung um ihretwillen nicht zumuten und hielt es deshalb für angemessen, ihn zu überleben.

Die Ackergeräte bestanden ehemals aus Wagen, Pflug und Egge. In größeren Bauernhäusern war neben dem Wagen noch eine zweirädrige Karre. Die Wagenachsen einschließlich der hölzernen Schenkel waren aus einem Stück. In die untere Reibfläche des hölzernen Schenkels war eine etwa 3-fingerbreite eiserne Schiene eingelassen, damit die Reibung das Holz nicht so stark angreife. Zu gleichem Zwecke waren in die Radnabe mehrere schmale Eisenschienen eingelassen. Zu unserer Knabenzeit kamen die ersten eisernen Achsen in Gebrauch und wurde auch ein zweiter leichterer Wagen in größeren Bauernhäusern zugelegt.

Die Pflüge hatten hölzerne Streichbretter oder Reister, an deren hinterem Eck eine kleine Eisenschiene oder Lappen aufgenagelt war, und hölzerne Sohlen, ebenfalls mit einer Eisenschiene. Das Pflugvordereisen stand mitten im durchlochten Grengel, in welchem es oben und unten mit je 2 hölzernen Keilen in die richtige Stellung gekeilt und festgehalten wurde. Ohne eine genaue Stellung des Vorderschars ging der Pflug nicht. Deshalb erforderte die Zurichtung der Keile und das Einkeilen ein gutes Verständnis. Gingen die Keile verloren oder fehlte es an Ersatz, so war das Arbeiten zu Ende. Deshalb mußte der Pflugmann möglichst eine Barte und etwas Keilholz mitführen, um nachkeilen zu können. Die Barte wurde stets mit nach Hause genommen, damit sie nicht abhanden kam.

Später erhielt das Vordereisen seinen Stand neben dem Grengel. Ein Bügel lag in 2 befestigten eisernen Rinnenlatten um den Grengel. Auf diesen wurde eine Platte mit 2 Schraubenmuttern angedreht, wodurch das Vordereisen gegen den Grengel gepreßt wurde. Das war eine weit einfachere und sichere Stellung, die mit einer kleinen Holzunterlage leicht regulierbar war und nicht verloren ging, weil die Schraubenmutterbefestigung sich nicht selbstständig löste.

Die jetzigen Pflüge arbeiten, nachdem auch der Boden durch Entwässerung und kräftige Düngung erheblich gemildert ist, um so viel sicherer und leichter, daß ein Knabe den Pflug leichter führt, wie ehedem ein guter Großknecht. Die schwereren Pflüge auf den Gütern sind Selbstgänger, die ohne jegliche Führung sicher gehen. Als die Pflugwiede von Eisen nach und nach in Gebrauch kam, mußten sie langjährig mit nach Hause genommen werden, damit sie nicht abhanden kamen. Sie wurden einem Pferde um den Hals gehängt. Jetzt sind auch sie außer Gebrauch und durch 2 am Vorderpfluge befestigte Ketten abgelöst.

Die Eggen bestanden aus 4 Holzbalken, die mit 3 Scheiden verbunden waren. Jeder Balken enthielt 8, der Zugbalken 7 eingebrannte Zinken. Jede schwere Ackeregge hierlands war für 2 Pferde berechnet. Für Zweispänner und für manche Gegenden mit leichterm Boden waren sie leichter und für 1 Pferd berechnet.

Wurde 4-spännig geeggt und mußte in hängigen Lagen bergab umgedreht werden, so war es leicht der Fall, daß die Pferde nicht genug Abstand hielten. Dann ging die hintere Egge zu nah hinter der Vorderegge, konnte diese fassen und aufrichten, wonach dann beide Eggen rücklings den Pferden nahezu auf die Hacken schlugen und die Tiere wild machten. Da durfte man bei Leibe keinen Jungen eggen lassen. Im gegebenen Fall mußte der Führer kurz vor dem Umwenden die hintere Egge schnellstens seitwärts werfen, ohne die unruhig gehenden Pferde einen Augenblick aus sorgfältiger Führung kommen zu lassen. Dazu gehörte ein ganzer Mann.

Es wurde auch 6 spännig geeggt, aber an hängigen Lagen ging das nicht. Es war eine Erlösung, als die jetzigen eisernen Zugeggen erschienen, die an einem Balken gekettet in stetig gleichem Abstande nebeneinander gehen, was ein Umstürzen unmöglich macht. Sofort nach ihrem Erscheinen beschaffte ich den ersten hiesigen Zug.
Die Eggen wurden ehedem nicht auf dem schwerem Ackerwagen gefahren, sondern auf einem niedrigen Eggenschlitten. Die Säcke mit Saatfrucht wurden auf die Pferde gelegt.
Walzen kamen erst in unserer Knabenzeit in Gebrauch. Vorher wurden, wenn das Land grob war, die Eggen auf den Rücken gefahren (geschleift), damit die Balken mit den vorstehenden Zinkenköpfen die Kluten zerkleinerten. Genügte das voraussichtlich nicht, so kamen hölzerne Klutenklöpper in Tätigkeit, die fast in jedem Bauernhause vorrätig waren.

Vor etwa 30 Jahren führte nicht ein einziger Wagen ein Hemmgeschirr. An starken Hängen wurde mit der Hemmkette ein Rad gehemmt, meist aber mußten die Hinterpferde durch Rückwärtsstemmen Widerstand leisten. Hierzu mußten die Tiere durch vorhalten der Peitsche oder Schläge vor den Kopf angehalten werden. Das strengte die Tiere an und war nach keiner Seite angenehm.

Als Schreiber ds. wegen seiner hängigen Grundstücke und Zugangswege das erste hiesige Hemmschraubewerk führte, fand es bei allen älteren Fachgenossen eine sehr abfällige Beurteilung. Heute hat jeder Wagen diese nützliche Vorrichtung. Hier scheint die Anmerkung nicht überflüssig, daß jetzt bei den meist gehärteten und sehr gut gehaltenen Wegen knabenhafte Jünglinge vielfach die alleinigen Führer schweren Fuhrwerks sind. Früher bedurfte es dazu eines kräftigen und erfahrenen Mannes, dem bei Fuhren nach auswärts stets ein Begleiter assistierte. Daß ein Fuhrwerk unterwegs festliegt und nicht vorwärts kommen konnte, wie das früher bei den elenden Wegeverhältnissen an der Tagesordnung war, kommt schon nicht mehr vor.

Zu den Ackergeräten zählen jetzt große, mittlere und einspännige Wagen, gewöhnliche Pflüge, Schäl-, Hack- und Häufelpflüge, gewöhnliche Eggen, Löffel- und Saateggen, hölzerne und eiserne Walzen, Sämaschinen, Mähmaschinen, Pferdeharken u. m.

Tische, Stühle und Bänke blieben ehemals ohne Anstrich. In größern Bauernhäusern kam sonntags zum Mittagstisch eine weißleinene Tischdecke in Gebrauch. Unsere Vorfahren, die in ihre Einfachheit von der Überkultur noch nicht angeleckt waren, kannten weder andere Tischdecken, noch Fenstergardinen und Vorhänge, Teppiche, Bettspreiten usw., ohne die es jetzt Tagelöhnerweiber nicht mehr tun wollen.

Die ungestrichenen Stubenmöbel wurden samstags gescheuert. Dazu diente Sand, der aus Steinen geklopft wurde, die aus einzelnen Gemarkungsfeldern gelegentlich mit heimgebracht waren. Ein Strohwisch, aus einer handvoll Stroh lose zusammengebunden, diente als Handhabe. Damit wurden auch Küchentisch und Eimer gescheuert. Tischplatten wurden in längerer Zeit etwas dünner gescheuert,so z.B. meiner Großmutter Brauttisch, der jetzt 114 Jahre alt ist und in der Gesindestube noch als Eßtisch dient. Gegenwärtig dient zum Scheuern gekaufter Sand und eine Wurzelbürste. Ohne Geld geht es nicht mehr.

Der frühere Zehnte an Feldfrüchten zerfiel in einige Teile, den großen, den kleinen und andere. Sie wurden verpachtet. Den sogenannten großen Zehnten teilten mehrere Pächter - richtiger den Erlös des großen Zehnten teilten mehrere Pächter unter sich, nachdem sie die Zehntsammlung und den Ausdrusch gemeinschaftlich bewirkt hatten.

In der Erntezeit sandten die Pächter mehrere Männer zu Felde, sogenannte Zehntsammler. Diese erspähten alle Felder und Acker, auf denen Früchte gebunden wurden, nichts entging ihnen. Jedes zehnte Bund legten sie aus der Reihe, das mußte der Eigentümer liegen lassen. Von Erzeugnissen, die nicht gebunden wurden, z.B. Sommersamen nahmen sie die zehnte Schwade. War das zehnte Bund nach ihrer Ansicht geringer gemacht, oder die Schwade, so nahmen sie das 11., 21. usw.; Streitigkeiten blieben dabei nicht aus. Den Zehntsammlern folgten Wagen, welche die Bunde sammelten und in eine gepachtet Scheune fuhren, hier langjährig die Amtscheune. Das Geschäft mochte meistens ein gutes sein, was daraus zu schließen ist, daß nach den Erzählungen beim gemeinsamen Ausdrusch mehr wie sonst gebräuchlich ein anregender Trunk zwischendurchlief.

Frühere Feiertage

Vom 1. Januar 1785 ab kamen im Bistum Paderborn nach dem Vorgange anderer Länder und Diözesen 19 Feiertage in Wegfall. Von den verbliebenen sind später noch 6 in Wegfall gekommen, teilweise auf die nachfolgenden Sonntage verlegt. Vor dem 1. Januar 1785 bestanden also 25 Feiertage mehr wie gegenwärtig.

Ehemalige gutsherrlich-bäuerliche Verhältnisse

Die Dörfer Daseburg, Rösebeck, Körbecke, Bühne, Manrode und Muddenhagen bildeten ehemals die sogenannte Herrschaft Desenberg. Sie standen zu den Herren von Spiegel zum Desenberg in verschiedenen Verhältnissen. Zunächst waren sie das Jahr hindurch frohndienstpflichtig. Ein Vollmeier mußte im Jahre 83 Tage Spanndienst leisten und zwar von Petri bis Michaeli wöchentlich 2 Tage, von Michaeli bis Petri wöchentlich 1 Tag. Ein Kötter dagegen mußte im Jahr 66 Tage Handdienst leisten und zwar von Johanni bis Michaeli 2 Tage, von Michaeli bis Johanni wöchentlich 1 Tag. Auf einen Halbmeier und Halbkötter entfiel je die Hälfte von vorstehenden Leistungen. Die Wahl der Tage stand den Frohnleuten nicht zu, sie mußten auf Bestellung kommen. Sie standen unter Frohnvögten, erhielten Mittagessen und eine "Micke", das war ein runder Laib Brot, item Trinkwasser zur Beschwichtigung etwaigen Durstes. Machten sie sich mißliebig, so wurde kurzer Prozeß mit ihnen gemacht, indem sie für eine Nacht oder länger in die "Eule" gesperrt wurden. Einen Rechtsweg hiergegen mochte es nicht geben. Daher war es auch nicht ratsam, auf geschehene Bestellung auszubleiben.

Körbecke frohndete auf Übelngönne.

Es war Rede davon, den Köttern sei Heede zum Spinnen ins Haus geworfen. Flachs wurde gezehntet und da im Winter weniger Beschäftigung in Handdiensten war, wählte man den Ausweg, die bei der Flachsbereitung gewonnene Heede von den Dienstpflichtigen in ihrer Wohnung spinnen zu lassen. An Abgaben, welche unsere Vorväter leisten mußten, nennen verstreute Urkundennotizen folgende:

Frucht- und Blutzehnten, Heuerfrüchte, Schillinge, Hofgeld, Weinkaufsgeld von jedem neuen Besitznachfolger, Maibeede, Hahnen, Rauchhühner, Eier, Kruggeld, Trifthämmel und Triftlämmer. Auch von einem Heimfallsrecht bei mangelnder Nachkommenschaft ist die Rede. Daneben spielt Dienstgeld eine große Rolle, welches später an die Stelle der Frondienste getreten zu sein scheint. Übrigens berichten mir Jetztlebende, daß ihre Väter noch Frondienste geleistet und auch gelegentlich in die "Eule" gewandert sind.

Neben diesen Leistungen schrieb die Landesregierung ihre Schatzungen aus. Welche Lähmungen diese Frohnlasten und endlosen Abgaben auf das eigene Fortkommen üben mußten, ist leicht zu ermessen. Neben denen von Spiegel zum Desenberg waren unsere Vorfahren auch an andere Adelsgeschlechter und an Klöster pflichtig. Diese Verpflichtungen sind zunächst teilweise, später aber allgemein in Geldabgaben verwandelt worden. Danach wurden sie unter staatlicher Vermittlung zur Ablösung gebracht. Die langjährigen Zinsen u. Amortisationsbeträge hießen Renten, weil die Ablösung durch Rentenbanken erfolgte. Auf des Unterzeichneten Grundstücke betrugen diese Jahresrenten pro Morgen 1 Mark 3 Pfennige. Ein Teil war am 31. Dezember 1890 getilgt, der andere Teil am 31. Dezember 1897.

In den Zeiten des sogenannten Raubrittertums war es notwendig, daß die Ritter ihre Hintersassen vor Überfällen und Plünderungen benachbarter Ritter beschützten. Auch ließen sie Verwaltung und Gerichtsbarkeit ausüben. Somit stand den Abgaben und Dienstleistungen einige Gegenleistung gegenüber. Oft genug mochte es aber zutreffen, daß ein Ritter, weil er seinem Gegner auf bergtrotzender Burgfeste nicht beikommen konnte, sich an dessen Hintersassen durch Raub und Plünderung rächte, ohne das diesen Ersatz geleistet wurde.

Hierbei sei daran erinnert, wie die Ritter einst den Kaufmann, mit dem sie niemals in irgend welcher Verbindung standen, auf seinen Warenzügen tributpflichtig machten. Der Kaufmann erwehrte sich dieser anwachsenden Tributnahme im Zusammenschlusse mit bewaffneter Hand. Dies war nur möglich, weil er geldkräftig war und sich am häuslichen Herd hinter dreifachen Stadtmauern vor Überfällen gesichert wußte.

Dem offen wohnenden, geldarmen Bauern standen keine Mittel zu Gebote, sich einer anwachsenden Tributpflicht zu erwehren und somit mußte er ihr erliegen.

Nun waren im Verlauf der Zeit Schutz, Rechtspflege und Verwaltung an die Landesregierungen übergegangen. Dementsprechend erhoben diese auch Abgaben. Danach blieben die frühern gutsherrlichen Leistungen ungeschwächt bestehen, obwohl ihnen durch Wegfall jeglicher Gegenleistung die Berechtigungsgrundlage fehlte. Der Bauer war also doppelt mit Abgaben belastet, einmal dem Staat, daneben vom sogenannten Gutsherren, von letztem in stärkerem Maße. Zudem beschränkte dieser ihn in der Verfügung über sein Eigentum.

Unsern Leistungen an den Staat, die Kirche, die Gemeinden und Kommunalverbänden stehen allseits Gegenleistungen gegenüber.

Danach mußten besagte Verhältnisse unhaltbar und ihre Umgestaltung als Frage der Zeit erscheinen. Vielleicht aber hätten sie noch eine lange Fortdauer erfahren, wenn nicht neue Ideen gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts, von Frankreich ausgehend, Geltung erlangt hätten.

Bis dahin hatten die Standesvorrechte und Feudalverhältnisse allseits als die stärksten Stützen der Staaten gegolten. Die französische Revolution und der aus dieser hervorgegangene Napoleon brachen mit diesen Anschauungen und somit gelangten Söhne aus dem Volke, talentvolle Bauernsöhne und gewesene Fleischergesellen in die höchsten Staats- und Heerführerstellen. Als Napoleon diese gegen die europäischen Feudalstaaten marschieren ließ, kamen letztere in überraschend schneller Weise nicht nur ins Wanken, sondern zu jähem Sturze. Danach wurde die Morschheit der bestehenden Verhältnisse allseitig erkannt. Weitschauende Staatsmänner suchten nach einem breitern und zuverlässigern Fundament, um die Staatenreste auf ihnen umformen und wieder aufrichten zu können. Sie erkannten es in einem freien Bauernstande und vermochten - sicher nicht ohne Kampf - die Aufhebung der Leibeigenschaft durchzusetzen (1809). - Hiernach mußte die Zeit nicht fern scheinen, in welcher auch die Anhängsel der Leibeigenschaft, die gutsherrlichen Leistungen, denen keine Gegenleistungen gegenüberstanden, in Wegfall kamen.

In dieser Voraussicht mochte es geschehen, daß unsere Vorfahren nun zur gerichtlichen Anerkennung der Hauptleistungen veranlaßt und diese dann in die Hypothekenbücher eingetragen wurden. Das geschah gegen 1812. Nun waren sie festgelegt und mußten später im Wege der Ablösung getilgt werden.

Somit hatte der Staat aus dringendem Staatsinteresse uns die Freiheit zurückgegeben, nachdem er einst unsere freien Vorfahren durch ein Wort der Staatsallmacht ihrer Freiheit entäußert und sie in die Gewalt mächtiger Geschlechter gegeben hatte. Aus der hieraus abgeleiteten Dienstbarkeit und Abgabenpflicht mußten wir uns loskaufen.