Chronik des Dorfes Körbecke / Teil 5

Aus der Gutsverwalterzeit.

Einmal im Jahre, an einem Sommers- Sonn- oder Feiertage fuhren wir - der Administrator, der zugleich Rentmeister war, dessen Frau und Kinder nebst 3 Verwaltern von Gütern - des Nachmittags zu einer einzeln gelegenen Wirtschaft am Möhneflüßchen. Dort wurden Waffeln und Kaffee bestellt, wozu beim männlichen Teile dann noch etwas Bier nachfolgte. Außerdem tranken wir im ganzen Jahre weder Schnaps noch Bier - Reise und Reisefuhren allerdings ausgenommen.

Andere Zeiten andere Sitten!

Die Auslohnungen fanden jeden Sonntag in des Administrators Wohnung statt. Einbegriffen waren Tagelöhner und Gesinde dreier Güter, Handwerker, zuweilen auch Bauhandwerker, der Schloßgärtner mit seinen Arbeitern, 4 Forstbeamte, 1 Försterwitwe, 1 Flurhüter, 1 Privatpostbote, Wegebauarbeiter, Steinebrecher, Forstkulturarbeiter.

Jeder hatte sein Lohnbuch, in welches Soll und Haben eingetragen wurde und dessen Inhalt dann in ein Hauptbuch übertragen wurde.

Des Sommers bei Beschäftigung vieler Arbeiter wurden die Tagelöhner pp. eines Gutes und Dorfes, welches zunächst des Administrators Wohnung lag, morgens vor dem Hochamte ausgelohnt. Zu diesem Zwecke mußte Schreiber ds. bei seiner 3jährigen Führung des Hauptbuches jeden Sonntag morgen um 7 Uhr zur Stelle sein und dieserhalb einen Weg von etwa 20 Minuten mit starker Steigung zurücklegen. Zwei meiner Kollegen, welche nacheinander des Administrators Wohnung teilten, also keinen Weg hätten machen brauchen, wurden zur Buchführung nicht herangezogen. Bei dem Gedanken an diesen Gegenstand mischte sich später wohl die Meinung ein, für diese mehrjährigen Sonntagsextraleistungen, die teilweise über unsere Verwaltungsaufgaben hinausgriffen, hätte von Rechts wegen einige Entschädigung gewährt werden sollen.

Zeitungen waren auf dem Lande unbekannt. Größere Tagesneuigkeiten wurden durch fahrende Leute, Uhrmacher, Hausierer pp. im Wirtshause vertrieben. Wurde ein fremder Gast in der Wirtschaft wahrgenommen, so fanden sich immer einige Wissensdurstige ein, um das Neueste zu erfahren. Je mehr der Mann nun auszukramen verstand, desto rühmlicher machte er sich bei Wirt und Gästen.

Durch Austausch mit Genossen an Sammelplätzen und durch Übung erlangten manche der Fahrenden nicht nur an Virtuosität im Erzählen, sondern auch im Erfinden von weltbewegenden Neuigkeiten. Diese wurden dann nach Verlauf von 2 mal 24 Stunden Gemeingut aller Einwohner.

Der Postbote erschien im blauen Kittel höchstens einmal wöchentlich oder alle 14 Tage und lieferte hie und da ein Brieflein ab. Das war ein Ereignis. War er von einem verwandten oder Bekannten aus der fernen Stadt oder gar über das Weltmeer aus Amerika gekommen? Vielleicht hatte die eine oder andere Nachbarin den Postmann zufällig ins Haus gehen sehen. Nun mußte sie doch in nicht langer Zeit wissen, um was es sich handelte. Ein Anlaß, etwas zu borgen oder zu erfragen, war bald gefunden. Von der einen oder anderen Seite wurde dann auf das Ereignis übergeleitet. Somit kam die Nachbarin in Kenntnis und diese durchsetzte dann das Dorf, wie jener Sauerteig, den das Weib im Evangelium zwischen einige Maß Mehl mengte.

Das Briefporto war hoch. Ein gewöhnlicher Brief konnte in Preußen, je nach durchlaufener Entfernung, die in Staffeln eingeteilt war, bis 60 Pfennig kosten. Von Amerika betrug es 1,30 M bis 1,50 M. Wegen der Verschiedenheit, die sich aus der Länge der Entfernung ergab, mußte das Porto auf der Post erfragt werden. Meist mußte es der Empfänger tragen, dann war der Satz von der Postbehörde auf dem Brief angegeben.

War ein Brief freigemacht, so kostete seine Überbringung durch den Boten noch einen Groschen Landbestellgeld.

Freimarken und Postkarten waren unbekannt.

Unser Generalpostmeister Stephan rief einen Weltpostverein ins Leben. Auf seinen Vorschlag wurde das Porto auf eine einfache, bequeme und billige Grundlage gestellt. Das steigerte den geistigen Verkehr aller Völker gewaltig, beseitigte die umständlichen Verrechnungen der verschiedenen Staaten unter sich über den jeweiligen Beförderungsanteil und brachte den Postverwaltungen wachsende Überschüsse, wenngleich sie ihre Einrichtungen sehr vervollkommneten und vermehrten.

Das Eisenbahnfahrgeld in gleicher Weise zu vereinfachen und zu verbilligen, hat trotz Anregungen noch keinen Stephan gefunden.

Der Kalender war ein geschätzter Hausfreund. Er erteilte Auskunft und Rat in allen belangreichen Vorkommnissen. Zunächst kündigte er die kommende Witterung an nach Tagen, Monaten und Jahreszeiten.

Danach wurde den "Finsternüssen" gebührende Beachtung gewidmet. Diesem folgte eine Übersicht der Krankheiten und Gebrechen bis zu Zahnweh, Ohrenstechen und Melancholie, die jeder einzelne Monat über die Menschheit ausschütten würde. Auch verschwieg es der Kalender nicht, wenn einzelne Monate es auf das eine oder andere Geschlecht oder auf gewisse Altersstufen besonders gemünzt hatten und diesen hart zusetzen wollten.

Nach der Vorhersage von Fruchtbarkeit und dem Gedeihen hinsichtlich der Hauptgewächse kam die wichtige Frage nach Krieg und Frieden.

Hierzu muß man wissen, daß die Planeten ehemals abwechselnd eine Mitregentschaft am Weltenlaufe ausübten. Da diese kurz bemessen war, suchte jeder einzelne Planet sie in seiner Richtung nach Möglichkeit auszunutzen.

Hiernach möchte es verständlich sein, wenn wir ein Prognostikum des Paderborner Almanachs aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hier folgen lassen:

"Vom Krieg und Frieden"

"Nach astronomischen Mutmaßungen vom Kriege zu urteilen, so möchte der in sehr kräftiger Dignität stehende stürmische Saturnus durch die vermittelnde Würkung der zween friedliebenden Planeten Jupiter und Venus den ganzen Frühling und Sommer hindurch keine besondern Zerrüttungen zu verursachen im Stande sein, bis im Herbst sein feuriger Mitbruder, der Mars, zu regieren beginnt."

Das Folgende ist abgerissen, mag aber wahrscheinlich besagt haben, daß dieser kriegerische Herr dann aller Ecken und Enden zugleich losschlagen läßt.

Der Prophet mochte leicht zu seinem Rechte kommen. Bei der damaligen Kleinstaaterei lagen sich fast alle in den Haaren. Meist beteiligten sich dann später mehrere an dem Tanze, dem gewiß schon Kombinationen vorausgingen. Auf das Zusammentreffen mit der angegebenen Zeit mochte es weniger ankommen. Konnte man Reibungen oder drohende Verwicklungen mit der Vorhersage, wenn auch auf einem Umwege gemessen, in Verbindung bringen, so hieß es: "Sühste wall, dat het he witten!"

Die Planeten sind später dem Schicksale der Absetzung verfallen und haben sich ins regierungslose Privatleben zurückziehen müssen. Damit ist in den höheren Regionen der Kleinstaaterei ein Ende gemacht.

Mit dem Kalender sind wir aber noch nicht fertig. Für die weltlichen Verrichtungen waren im Kalender unter Berücksichtigung der Mondphasen die günstigen Tage angegeben. Wer pflanzen oder säen, auf Reisen gehen, Zähne ziehen, Ader lassen, schröpfen, Kindlein entwöhnen wollte, item wenn durch Unpässlichkeiten der Verdacht aufstieg, in seinem Leibesinnern triebe rückständiges Unrat sein Spiel, um ihn zu molestieren, und der nun den Plan erwog, solchen Unrüstigkeiten mit einigen Purgieren gründlich den Garaus zu machen - für all diese Unternehmungen hatte der Kalender seine Zeichen jenen Tagen beigesetzt, an welchen die Sache glatt und ohne Unbill verlief. Mit der halben Mixtura wurde am richtigen Tage die doppelte Wirkung erzielt.

Heute müssen die Menschen mit den wichtigsten Verrichtungen ins Dunkle hineintappen. Der Kalender hat nur noch Zeichen für Mondänderungen, für Fasten und Abstinenzen, als ob man erstere nicht mit Augen sehen, und an letzteren großes Gefallen haben könnte.

Da standen die Sterngucker von anno dazumal dem Himmel näher, indem sie neben dem Wetter nicht nur die Sonnen- und Mondfinsternisse, sondern auch Krieg und Frieden, Gesundheit und Krankheit nach Geschlechtern, Alter und Jahreszeit, sowie die günstigste Zeit für alle täglichen Verrichtungen bis herab zum Zähneziehen und Purgieren, alles in den Sternen lasen.

Nachdem jene Leitzeichen fehlen, mußten die Wirkungen unsicher werden. Daher ist gegen manche Nützlichkeiten ein Mißtrauen aufgekommen, das sie der Vergessenheit zu überantworten droht.

Kriegsprophezeiungen wurden außerdem noch vervollständigt aus Sybillenbüchern, die in jedem Winter fleißig gelesen wurden und die entsprechende Auslegung erfuhren. Nach richtiger Deutung passte ihr Inhalt auf gegenwärtige Machthaber. Demnach mußte es ohne Zweifel bald losgehen.

Die große Entscheidungsschlacht bei Werl in Westfalen, die der Sieger vom Birkenbaume aus befehligte, allwo er sein Schlachtroß von der rechten Seite aus bestieg, setzte der Sache vorläufig ein Ziel.

Aber, o Weh! Die streitbare Männerwelt war derart zusammengeschmolzen, daß 3 Weiblein sich einen Mann strittig machten. Unter solchen Aussichten mochte manches Maidlein den stillen Wunsch hegen, noch vor dem großen Aufräumen in den Besitz eines Männleins zu gelangen.

Jene große Schlacht steht vorläufig noch aus. Somit ist es der heiratslustigen Weiblichkeit auch bis dato erspart, sich um einen Mann gegenseitig die Haare zu rupfen.

Rief die Frühlingssonne zu vielerlei Arbeiten, so wurden die Kriegsprophezeiungen und die Kriegsfurcht bis zum kommenden Winter vertagt.

Ein Nordlicht färbte eines Winterabends mit wechselnden Strahlenflammen das Firmament rot. Die Bevölkerung, die nach Mitternacht dem Dreschen obliegen mußte, pflegte der Nachtruhe. Mütter, Kinder und ältere Spinnemädchen, ältere Männer sammelten sich auf der Straße und betrachteten mit Staunen und Furcht die ungewöhnliche und rätselhafte Erscheinung. "Kingers, düt bedütt Krieg" prophezeite ein alter Nachbar. Eine ähnliche Färbung sei am Himmel erschienen vor dem verhängnisvollen Kriegszuge nach Rußland.

Eine totale Sonnenfinsternis stand an einem Sommertag bevor. Es gingen beunruhigende Erzählungen vorher, z. B. sollten während der Finsternis Brunnen und Viehweiden vergiftet sein. Vielleicht waren das Nachklänge von abergläubigen Anschauungen früherer Zeiten. An dem Tage fand es keine sichtliche Beachtung.

Eine Synagoge erstand, nachdem mehrere der 9 Judenfamilien wohlhabend geworden waren und ihren Geschäftskreis erweiterten, daß selbst die Bürger der Nachbarstadt Borgentreich ihnen mit Eselskarawanen Getreide zuführten.

Zur Tempelweihe waren auswärtige Stammesgenossen geladen und in reicher Zahl erschienen, um an der Festfreude und Feier teilzunehmen und ein Opfer zu dem Werke beizusteuern.

Die Ehrenaufgabe, das "Rollchen" mit der Abschrift der Gesetzestafeln in den neuen Tempel zu übertragen, war dem alten ehrwürdigen Mannes zugefallen, der ein Makler bei Heu- und Strohverkäufen an das Magazin zu Hofgeismar war.

Um dieser feierlichen Aufgabe gemäß sein Äußeres entsprechend auszustatten, sann Mannes auf Ausrüstungsgegenstände. Es gelang ihm von Plengen Clemens eine schwarze Bux, die dieser aus der Fremde her noch besaß und von Knaken Johannes in Rösebeck einen hochstöckigen Zylinder, der noch von anno dazumal stammte, aufzutreiben und sich damit auszustaffieren. Wenn der schalkhafte Schreinermeister Menne Gelegenheit nahm, sich einen Zylinder aufzustülpen und sich mit einem weißen Umhang versah, so vermochte er die auf- und abwogenden Bewegungen, die Mannes mit dem Oberkörper und "Rollche" gemacht hatte, trefflich nachzuahmen. Unkundige wurden dadurch zum Lachen gereizt.

Zur Vollkommenheit der Festfeier gehört auch die Sorge, daß der Magen zu seinem Rechte komme. Das ist von Alters her überall beachtet worden. Auch unsere Israeliten hatten eine Festschänke vorgesehen und sie einem unbemittelten Stammesgenossen übertragen. Neben der Befriedigung der Festteilnehmer wurde auch ein ansehnlicher Verdienst des Schenkhalters damit bezweckt. Der hohen Feier entsprechend hatte der Schenkwirt natürlich auch Wein beschafft. Der Verlauf zeigte ihm bald, daß Teilnahme und Feststimmung über seinen bescheidenen Weinvorrat hinaus wuchsen. Am Platze war Ersatz nicht zu haben, guter Rat also teuer. Nun zeigte sich die Gewandtheit und Gelehrigkeit der Kinder Israels im schönsten Lichte. "Hat sich zu helfen gewußt, tüchtig Suer und Wasser gemischt - hat so auch gut geschmeckt und - hat schaine daran verdient."

Somit steht unser Schenkhalter mit diesem Griffe gleich als vollendeter Meister auf der Höhe des Faches welche die meisten christlichen Genossen wahrscheinlich erst nach spröden Anfängen und längerer Übung erreichen mögen.

Bei seinen Namensgenossen bestand der Brauch übrigens schon vor 2000 Jahren, daß erst guter Wein gereicht wurde und nach Erreichung einer erhöhten Verfassung der Gastgeber unversehens geringeren hinschob, der tat es dann auch. In unserm Falle, wo zwei junge , glutäugige Heber kredenzten, konnte sogar mit "Suer und Wasser" operiert werden.

Der Kramladen des Gastwirts Wehmann war der meinem Elternhause nächstgelegene. Dort mußte ich als Knäblein und Knabe zuweilen Essig und Gewürz einkaufen, je einen Tagesbedarf für wenige Pfennige. Im Kramladen sammeln sich Kunden für verschiedene Bedürfnisse. Kinder holten oft einen Tages- oder Mahlzeitsbedarf an Branntwein. Der Krämer drückte ein Läppchen mit pulverigem Inhalt in den zu füllenden Flaschenhals. Dies Läppchen hielt er dann mit 2 Fingern fest. Die Finger bildeten somit einen Trichterrand , und durch diese goß er den Branntwein in den Lapptrichter. Ein Verständnis hierfür erlangte ich erst später.

Der alte Wehmann in seiner weißen Zipfelmütze und geblümten Kattunjacke war nämlich sein eigener Destillateur und machte in verschiedenen Naturschnäpsen. Kalmuswurzeln, die Lamerder Weiber vom Kelzer Teiche holten, dienten ihm zur Herstellung eines angesehenen "Bitterlikörs". Ein Anhänger desselben behauptete, Methusalem wäre nicht so jung gestorben, wenn er Kalmus getrunken hätte. An unseren Berghängen wachsen Wacholderbeeren, aus denen Wehmann einen "Wachollern" bereitete, der nicht unberühmt war. In Wiesen und an Wegen gedeihet der Kümmel. Aus dem gequetschten Samen bereitete er durch Auslaugung den beliebten "Kümmel", der im Ansehen stand als Spediteur mißliebiger Dünste.

Das waren erfolgverheißende Qualitätschnäpse, die Wehmann aus Erzeugnissen der heimischen Fluren für Männlein und für Weiblein herzustellen verstand.

Bei der Sorte, "wo die ganze Welt von trinkt", und die ursprünglich weißfarbig ist, betätigte sich Wehmanns Erfindergeist in der Färbung. In dem erwähnten Läppchen des kombinierten Fingertrichters befand sich gepulverte Cichorie. Bei der Durchfilterung erhielt der weiße Tropfen die Färbung Strohgelb. Der Preis blieb bei all den guten Eigenschaften, entsprechend den billigen Materialien, ein mäßiger, welches die Zufriedenheit seiner Kundschaft vervollständigte.

Neben vorerwähntem, meist auf das Herbe gerichteten Schöpfergeiste Wehmanns, wohnte unter seiner Zipfelmütze aber auch Verständnis für das Milde. Zu seinen Kunden zählten nämlich auch etliche trinkhafte Weiber, an denen es nimmer mangelte. Diese verlangten zwischendurch nach einem "Süßen". Diesem Verlangen kam Wehmann dadurch entgegen, daß er ihnen aus getrockneten Kirschen einen angenehmen "Kirschlikör" destillierte. Hatten die trinkbaren Weiber diesen über ihr Zünglein gleiten lassen, so setzte sich dieses in lebhafte Bewegung zur Festigung der Herrschaft nach der einen oder anderen Art. Ähnelte dies bei Einigen den bekannten Stimmäußerungen schätzbaren Hausgeflügels, so fehlte auch nicht die kräftige Tonart, die in streithaftem, schier unerschöpflichen Redeflusse den Hausgenossen und Nachbarn einen Spiegel von Schwächen und Nachteilen vorführte, den sie nötigenfalls von den Vorfahren herholten. Dabei regneten die verzwicktesten Titulaturen und Komplimente auf die Erkorenen herab. Die Betroffenen waren davon keineswegs erbaut, während es den Fernerstehenden im einförmigen Alltagsleben als erheiternde Abwechslung galt.

Zuweilen nahm es bei den trinkhaften Weibern einen anderen Verlauf. Nach oftmaligen Wiederholungen ihrer An- und Ausfälle, oder wenn diese etwas gar zu stark waren, setzte es auch wohl mal zur Abwechslung Hiebe und Flucht, Gefangenschaft und Befreiung, die häufig komischer Beigaben nicht entbehrten.

Einmal meinte ein Mann, seine Frau läge in den letzten Zügen, welche Meinung hinzugekommene Nachbarfrauen teilten. Der Mann hatte im Bette nach einer Ursache gesucht und eine Flasche mit der Flüssigkeit hervorgezogen. Für Branntwein hielt man es nicht, man mutete also, die Frau habe einen Mißgriff getan, wodurch eine Art Vergiftung herbeigeführt sei. Der Pfarrer müsse gerufen werden, um für den letzten Gang geistliche Hilfe zu spenden. Ein kleiner Knirps aus der Verwandtschaft, der im Hause zuweilen herumsprang, löste die Spannung. Als wieder die Flasche mit der rätselhaften Flüssigkeit betrachtet wurde, begriff er, um was es sich handelte und stammelte: "Veddere! Is Lum".

Er war mitgelaufen, als Größere hatten Rum holen müssen. Durch sein "Veddere! Is Lum" sprang den Anwesenden ein Reifen vom Herzen. Kam es vom Rum, so war es der oft vorhandene Zustand, diesmal in verstärkter Potenz, der sich schon wieder geben würde.

Die Dilirierende hatte also, ähnlich unserm Altvater Noah, die Kräfte des Rums unterschätzt, oder sie hatte etwas zu tief in die Flasche geschaut. Nun mochte sie sich in einer Art von Verzückung wie im Paradiese wähnen und gebärden, woraus die Umstehenden schlossen, sie wolle die Reise ins Jenseits antreten. Kam aber wieder zu sich.

Längere Zeit vor Wehmann hatte ein gering bemittelter Mann über die Verbesserung seiner Verhältnisse nachgesonnen. Vor seinem Geiste tauchte immerzu ein verheißungsvolles Wirtshaus. Schließlich war es ihm vergönnt, den ausgestreckten Arm mit dem Schild an die Hausecke zu heften. Diese war nicht nur abgelegen, sondern auch äußerst bescheiden, daher zur Anlockung regen Zuspruchs wenig geeignet. In dem kleinen Häuslein mochte wahrscheinlich noch niemals ein Schweinchen gestochen sein.

Vermögenslage und Geschäftserfahrungsmangel geboten Vorsicht gegen Verluste. Daher sollte zunächst Barzahlung als strenges Prinzip innegehalten werden. Zum Betriebe mochte damals erst mal ein Faß Branntwein genügen. Der Zuspruch beschränkte sich zunächst auf einige neugierige Sonntagsburschen. Somit hätte das Faß sehr lange vorhalten können, wäre ihm nicht ein günstiger Umstand zu Hilfe gekommen.

Zu allen Zeiten ist die Meinung in Geltung gewesen, den freien Mittrunk der Wirtsleute müsse das Geschäft abwerfen. Hankestoffel und Trienemrigge, die neuen Wirtsleute hatten für diesen Grundsatz volles Verständnis. Aus großer Vorsicht jedoch beschlossen sie, sich vorerst selbst unter das Prinzip der Barzahlung zu stellen. Wer also "Einen" trinken wollte, mußte sich ihn vom Partner gegen Bar geben lassen.

Damit lebten sie in dem Bewußtsein, sich vor Nachteilen völlig gesichert zu haben. Nach solcher Sicherstellung ist es verständlich, daß unser Paar die Attacke auf das Faß mutig begann. Früher hatten sie es selten zu einem Tropfen bringen können - nun war die Zeit des Ausgleichs gekommen. Die neue Anrede: "Trienemrigge - gif mek für veier Häller - Hankestoffel, heerste, gif mik auk für veier Häller" klang ihnen so angenehm und erwies sich so wohltätig, daß sie ihnen schnell geläufig wurde und in gegenseitigem Eifer zur Anwendung kam. Die veier Häller wanderten mit kurzen Unterbrechungen vor dem Fasse hin und her und waren der Talisman geworden, der den Zapfen löste.

Nach dieser Seite standen also die an das Geschäft geknüpften Erwartungen in voller Erfüllung.

Leider werden die meisten Menschen von dauerndem Glücke nicht begünstigt. Lächelt es ihnen auch mal eine kurze Spanne, so zeigt sich seine Unbeständigkeit doch nur zu bald.

So auch bei unseren Wirtsleuten. Nach einigen angenehmen Monaten versagte der Talisman eines Tages. Das kräftig speiende Faß fing matt an zu rinnen und danach gab es keinen Tropfen mehr. Der äußerlich volle Bauch war ganz leer.

Diese befremdliche Wahrnehmung veranlaßte eine Kassenrevision mit dem Resultate, daß trotz strenger Barzahlung an dem Rechnungspreise des Fasses ein nicht unerheblicher Betrag fehlte. "J du mien Guod! We herre dütt dacht" riefen die verblüfften Wirtsleute.

Aber die Rechnung kann nicht stimmen, wenn bei geringem Zuspruch die Wirtsleute die Sache allein bezwingen sollen. Bei heutiger Geschäftsroutine würde man noch nicht verzweifeln, sondern Betrieb und die Tätigkeit des Talisman auf Kosten des Lieferanten vorerst noch munter fortsetzen. Damals stand die Menschheit dem Kindesalter noch näher, weshalb Irreführung und Überlistung noch nicht auf der Vollkommenheit standen wie in der aufklärten Zeit.

In schlichter Ehrlichkeit holte Hankestoffel das Schild wieder herunter, wozu es bei dem einstöckigen Häuslein nicht mal eines Aufstiegs bedurfte.

"Behüt Dich Gott, es wär so schön gewesen", hatte Scheffel damals noch nicht gesungen. Die frühere Abstinenz trat wieder in Geltung, die umso drückender wirkt, wenn man sich ihr als einer Zwingherrin unterwerfen muß. Ein rundliches Bäuchlein, das Attribut fast aller rechtschaffenen Wirte, war Hankestoffeln übrigens in der kurzen Zeit noch nicht angeformt, weshalb in dieser Hinsicht kein Rückschlag zu verzeichnen ist.

Eine andere Wirtschaft mußte später den Arm wieder einziehen bei flottem Zuspruch. Es war ein Vierspänner der unter dem Schilde sein Glück machen wollte. Als Handwerker das Schild hintrugen, sprach ein schalkiger Augenzeuge: "Jetzt bringen sie dem N.N. die letzte Salbung". Das Geschäft aber florierte prächtig. An Wochentagen war spärlicher Abendbesuch gebräuchlich.

An Sonntagen aber ähnelte unser Wirtshaus einem Taubenschlage. Die jungen Burschen hatten noch nie so lebhaft im Wirtshause verkehrt. Auch Knaben waren Zuschauer des Trubels in vermehrter Zahl . Zuweilen folgten auch vorbeigehende Mädchen dem freundlichen Zurufe und gingen für einige Zeit hinein, um bunte Gesellschaft zu machen.

Wollte der Trunk nicht sonderlich mehr munden, so fand sich die Wirtin auf einen Wink bereit, ihn durch Herstellung einer konsistenten Grundlage wieder zu beleben, indem sie eine Wurst oder einen Block Schinken herunterholte, was hier nimmer gebräuchlich gewesen war. "Kinkel de Kankel machen" nannte es die Wirtsfrau und fand bei ihren Gästen entgegenkommendes Verständnis. Die Gasthalter ließen es sich mitschmecken und neben materiellen Süßigkeiten sogen sie behaglich das Lob der jungen Leute hinzu und empfanden ihre helle Lust an deren lebhaftem Treiben.

Das mühevolle Amt des Ausschenkens besorgte inzwischen ein Tagelöhner, der sich in dieser schwierigen Periode als Hausfreund aufgetan hatte und eigene Letze nicht vergaß, sondern in Einklang und passenden Wechselbeziehungen mit den Bedürfnissen der Gäste zu setzen verstand.

Nach dem Prinzip "Leben und leben lassen" mochte es mit der Bezahlung nicht immer haarscharf gehalten werden. Eine scharfe Geschäftspraxis in dieser Hinsicht würde die jugendliche Kundschaft leicht verschnupft haben, weil das Geld ihr dazumal recht knapp war. Das ging einige Jahre gut, dann begann es zu hapern. Das Ende vom Liede war, daß Arm und Schild eingezogen werden mußten. Es ging mit neuem Namen zu einem neuen Anfänger über. Es wohnte sich aber nicht mehr völlig so behaglich unter ihm.

Die Hälfte der Grundstücke ging hinter dem Schilde her zu neuen Besitzern. Aus dem Vierspänner wurde ein Zweispänner. Und das hatte mit ihrem Singen die Loreley getan, vulgo Wirtshausschild.

Vergnügte Jahre aber waren es für alle gewesen, die sie zu würdigen verstanden hatten. Ihnen blieben sie noch lange in angenehmer Erinnerung. "Ein Märchen aus alten Zeiten, das will mir nicht aus dem Sinn". Unseres Wissens büßte noch ein Dreispänner seine Habe unter dem Wirtshausschilde völlig ein.

Des Sommers wurde an Sonntagnachmittagen ehemals regelmäßig Grünklee eingeholt, wobei man sich selbstverständlich etwas beeilte. Ging gegen Herbst der Grünklee zu Ende, so begaben sich die Mägde nach der Sonntagsnachmittagsandacht mit dem Krautlaken zum Kohlfelde, brachen ein Bund Blätter und trugen sie auf dem Kopfe heim. Hierzu bedurfte es keinen besonderen Geheiß, es waren althergebrachte Bräuche.

Die grellfarbenen Kleider mit Einsatz und Litze, die schneeigen Schürzen, mit denen die Mägdlein jetzt am Sonntagnachmittag und Abend flanieren gehen, hätten sich zu damaliger Beschäftigung nicht geeignet.

Am Grünendonnerstage kam ein Grünkohl auf den Mittagstisch, sogenannte "Niegenstiärkede". Der Name kam daher, daß erstens 9 Kräuterlein darin Verwendung fanden und zum andern, daß diesen am genannten Tage neunfache Kraft und Stärke inne wohnen sollte. Die Hecken und Zäune der Gärten wurden lebhaft nach ihnen abgesucht. Dort sproßten im Frühling: Gäßeln, Hopfen, Kümmel, Scharbock, Brennessel - - - wer kennt die übrigen?

Am Maitage sah man hie und da Stalltüren mit weithin sichtbaren Kreuzzeichen. Das hatte folgenden Grund: Gemäß einer alten Volkssage zogen in der ersten Maiennacht - Walpurgisnacht - die Hexen, auf Besenstielen reitend durch die Lüfte zum Blocksberge, um auf hochragender, umwaldeter Bergeskuppe unter der Direktion und Anführung des obersten Hexenmeisters einen nächtlichen Hexensabbath zu feiern.

Vor Jahren bestieg ich ihn auch mal, den Brocken it seinen gewaltigen Felstrümmerblöcken von Andreasberg aus über den kleinen Brocken und das sumpfige Brockenfeld. Das Wetter war zur Fernsicht sehr günstig, welches auf dem Brocken recht selten zutreffen soll. Im Schneeloch und Ilsetal gings wieder hinab nach Ilsenberg.

Besagte Hexen hatten nun die böse Gewohnheit, auf ihrem nächtlichen Ritte hie und da in einen Viehstall hinabzusteigen und im Vorbeigehen eben einem Stück Vieh den Hals umzudrehen.

So indes einige Kreuzzeichen auf der Tür angebracht waren, so konnte keine Hexe hineinkommen, sondern mußte unverrichteter Dinge schleunigst umkehren und davonjagen.

Vorsichtige versahen also am Abend des 30. April ihre Stalltüren mit weit sichtbaren Kreidekreuzzeichen.

Die Reformation soll ihre Wellen auch nach Körbecke geworfen haben und einen Teil unserer Vorfahren zum Abfall veranlaßt haben. Die Tradition besagte, ein lutherischer Geistlicher habe in der sogenannten "Hohlenweide" gewohnt. Aus diesem Anlasse seien auf dem sumpfigen Ausgangspfad nach der Kirche hin in trittweisem Abstande die noch vorhandenen größern Trittsteine gelegt worden.

Ein namhafter Geschichtsforscher teilte mir aus urkundlichen Informationen gelegentlich mit, Körbecke habe sich unter dem Einflusse der Herren von Spiegel zum Desenberg bis 1600 der lutherischen Lehre zugewandt. Hierbei sei erwähnt, daß bei einem Besuch der Wartburg bei Eisenach der oft zitierte Tintenklecks, den der Reformator von Wittenberg dort im Lutherzimmer gestiftet haben soll, nicht mehr vorhanden war. Die Stelle wurde nur noch rechts vom Türeingang gezeigt.

Als Schreiber ds. das Kaiserhaus zu Goslar am Harz besichtigte, zeigte und erklärte der Schloßwart u.a. auch im Reichssaal die Wandgemälde, Darstellungen aus der Deutschen Dichtung, von Professor Wislicenus.

Die Darstellung, daß Kaiser Heinrich III mit seinen stolzen, gewappneten und gepanzerten Mannen den greisen Papst Gregor VI als Gefangenen über die Alpen nach Deutschland führt, erläuterte er mit sichtlichem Behagen. Dann auf eine Figur in der Nähe des Papstes zeigend, fuhr er gereizten Tones fort: "Und dieser schwarze Mensch hier, ist der Hildebrand, der später noch Papst wurde und den Kaiser zwang, nach Kanossa zu gehen." Auf diesen schwarzen Menschen und den Canossa-Gang schien in der biedern Kastellansseele ein ernster Pick zu haften, der ihm die Freude an dem sonst so erbaulichen Gemälde in der Seele vergälte.

Holzkohlen mußten bei Schmieden Verwendung finden, als Eisenbahnen den Kohletransport noch nicht förderten. Über Kohlenbrennen in den Waldungen bei Bühne ist die Rede in unsern Holzprozeßakten. Nach mehr denn 15jährigem Betrieb der Bahnstrecke Warburg-Kassel sah ich einen Schmied von Liebenau Kohlen brennen hinter Friederichsfeld.

Franz, ein Leineweber , trug eimmal einige Ersparnisse nach Warburg, um sie in der Sparkasse anzulegen. Aus seinen Kreisen kamen Sparkasseneinleger damals sehr selten. Franz machte eine Ausnahme, weil er alljährlich ein nettes Sümmchen aus verkauftem Leinen löste. Seine alljährlich gute Bleiche wurde teilweise auf Nutzanwendungen bei der Weberei zurückgeführt.

Auf besagtem Gange traf er Joseip, einen Kleinbauern, der seine städtischen Geschäfte hauptsächlich mit "Hähren Bäckers" machte. Bei dem Hin und Her des Zwiegesprächs über die Zwecke des Stadtbesuchs offenbarte Franz auch sein Vorhaben bei der Sparkasse.

"Dat nümmet dek Hähr Bäckers auk af un gift dek de sülftege Tinse" sagte Joseip, und redete eindringlich auf Franz ein zur Anknüpfung mit "Hähren Bäckers", "weil dat so ne gewältig gooden Mann is". Als sie dessen Haus betraten, hatte sich die Umschnürung um Franzens Geldbeutel schon merklich gelockert.

Nachdem dann noch die Schleusen von Hähren Bäckers zuvorkommender Redegewandtheit sich gegen Franzen ergossen, sprang der Geldbeutelverschluß völlig auf und mit Freuden schüttete Franz den Inhalt vor seinen neuen Gönner hin.

Nun wurden die beiden Weggenossen in Hähren Bäckers Wohnstube zum Sofa geleitet und ihnen ein Kaffee mit Zucker und Wegge serviert, wie er in fürstlicher Schmackhaftigkeit Franzens Zunge niemals passiert hatte. Dabei fand eine angenehme Nötigung zum Zugreifen statt, der sie willig nachgaben. Nachdem sie somit eine erkleckliche Anzahl Tässlein geschlürft hatten, wartete ihrer eine Zigarre, die man damals nur unter der Nase Vornehmer zu sehen gewohnt war. "Nei! wenn ick düt mit der Sparkasse verglieke" sprach der entzückte Franz mit dankbarem Aufblick zu seinem Reisekumpel, "dann kümmet mek et für, orre wemme innen Himmel is. So ne leven, fründleken Hähren hawwek in der Stadt nau nie eemal andruopen. Up der Sparkasse, dat sind de reinen Jiesbärens hiejigen - de beiet enen nie mal ne Stohl an. Meindagdeslebens set ek diän Kärels kienen Foot wieder över de Schwelle."

Dann beklagte er, diesen charmanten Hähren Bäckers nicht früher gekannt zu haben und so dumm gewesen zu sein, nach der Sparkasse zu gehen.

So hatte "Hähr Bäckers" in Franzen einen begeisterten Lobredner mehr gewonnen. Nur schade, daß des Letzteren Bekannte nicht in der Lage waren, Depositen zu dem Gepriesenen hinzutragen.

Franz mochte seine neue Anlage noch nicht oft vermehrt, den obligaten Süßkaffee noch nicht häufig verkostet haben, als eines Tages die Kunde seine Ohren erreichte , Hähr Bäckers sei Pleite. Ein Donnerknall aus wolkenlosem Himmel hätte ihn nicht heftiger erschrecken können. Wie elektrisiert sprang er vom Webstuhle auf und stürmte nach Warburg, um sein Geld zu retten. "Hähr Bäckers" erklärte ihm mit bekümmerter Miene, er habe den Konkurs anmelden müssen und dürfe nun keinerlei Zahlungen mehr machen. Er vertröstete ihn auf die Konkursmasse. Diese war indes so wenig massig, daß sie an die nicht bevorzugten Gläubiger längst nicht heranreichte. "J, du mien Guod! " rief Franz nun das eine über das andere mal, "sollek denn düt dacht hawwen!". Sein Geld aber sah er nicht wieder und zum ferneren Lobgesange auf "Hähren Bäckers" war ihm die Melodie abhanden gekommen. In der Schlußrechnung stellte sich der Süßkaffee sehr teuer, dem ein "anderer Tee" mit anhaltend ätzendem Nachgeschmack folgte.

Als Franz später wieder einiges erübrigte, hat er den Eisbären auf der Sparkasse ihre Schnuffigkeit in christlicher Weise verziehen und sich mit ihnen wieder angefreundet.

Etwa in der gleichen Zeit, als Franz seinen neuen Bankhalter huldigte, erhielt ein hiesiges Mädchen von der Gerichtskasse zu Warburg einen Geldbetrag von mehreren hundert Talern ausgezahlt. So wie es die Summe in die Schürze gerafft hatte, trug sie es unter Assistenz der ratsamen Frau Lene direkt zu "Hähren Bäckers" und schüttete sie in dessen Schoß. Darin verschwand sie ebenfalls auf Nimmerwiedersehen.

Der Nachtwächter war amtlicher Schutzwart gegen Diebstahl, Einbruch, Brandstiftung etc., verkörperte also das wachende Auge des Gesetzes während der Nacht. Zu diesem Zwecke patrouillierte er stündlich durch das Dorf, rief auf bestimmten Stellen die Stunde ab und tutete deren Zahl durch das Wachthorn. Dies geschah im Sommer von 10 bis 2 Uhr, im Winter von 9 bis 3 Uhr.

Sollte dieser nüchternen Tätigkeit einige Poesie angehaucht werden oder war es Zufall, daß der Stundenruf in Verslein erscholl. Er lautete:

Der Wächter muntert, nannte man diesen Stundenruf.

In der Christnacht gesellten sich freiwillige Sänger hinzu, um beim mitternächtlichen Stundenrufe die Strophe eines Weihnachtsliedes zu singen. Kälte und Schneelage waren daran kein Hindernis.

Am Neujahrstage blies der Wächter allen Einwohnern ein "Glückseliges Neues Jahr"! ins Haus. Dabei flocht er in einen Spruch die Heischung einer Neujahrsgabe. Diese bestand in Bauernhäusern aus Brot und Fleisch. Es mochte auf die Gabe einwirken, wenn in der Christnacht das Weihnachtslied hübsch zum Vortrag gebracht war.

Dorfbewohner am Tage als Herren anzusprechen, war damals nicht üblich. Vielleicht mochte ihr Äußeres nicht sonderlich dazu einladen. Wenn sie jedoch nachts schliefen, unterschieden sie sich nicht von städtischen Herrenleuten. Mit Fug und Recht gebührte ihnen also auch die gleiche Titulatur, welches der Nachtwächter begriff und beachtete. Daß sie deshalb obstinatig würden, war nicht anzunehmen, da sie nach dem Erwachen beim nächtlichen Dreschen immer wieder ernüchtert wurden.

Als alle Leistungen sichtlich zurückgingen, wollte der Nachtwächter keine alleinige Ausnahme machen. Nachdem er abends geblasen, zog er sich in seine Klus und ließ sich nachts weder sehen noch hören. Dadurch dämmerte bei den Dorfvätern die Meinung auf, es müsse sich auch ohne Wächter schlafen lassen, wofür wir Außenwohner, ein entsprechendes Beispiel waren. Der Posten wurde also ganz eingezogen. Seit einigen Jahren schläft man den Schlaf des Gerechten ohne Nachtwächter.

Knabenspiele waren zwischen Winter und Frühling das Ballschlagen und Blindekuh, im Herbst das Sauhüten oder -schlagen. Beim Ballschlagen und Sautreiben waren es immer 2 Parteien, die ihre Kraft und Geschicklichkeit gegeneinander setzten. Des Winters wurde unter Umständen geglitscht auf kleinen Eisbahnen im Dorfe, auf größeren unter den Thünen oder auf dem vorderen Bruche, wo sich zuweilen eine ausgedehnte Eisfläche befand. Ferner wurde Schlitten gefahren in Beckers Worth oder an der Lieth, bei Tauwetter geschneebällekert. Vom Frühling bis Herbst wurden Feld und Wald durchstreift. Die Mädchen lagen viel einem Fangspiel mit 5 Steinen ob.

Im Nachwinter verkündeten die schrillen Schreie des Sägenschärfers, daß Zimmerleute und Sägenzieher an der Arbeit waren, um mit der Dielsäge Bauholz zu schneiden. Hierzu wurden die Eichenstämme auf zwei Sägeböcke gewälzt, die mit einem Ende auf dem Boden ruhten, während das entgegengesetzte Ende auf zwei starken Beinen von über Mannshöhe stand. Beim Sägen stand der eine Mann oben auf dem Baume, der zweite unter dem Baume auf der Erde. Auf gleiche Weise wurden Eiche und Esche in Bohlen geschnitten zu Tischlerholz. Latten wurden mit der Faustsäge geschnitten. Gattersägen wurden wenig in Anspruch genommen, weil Handarbeit im Angebot war. Auch Holz für den Handel wurde mit der Hand geschnitten, teils im Walde, teils auf Holzlagerplätzen.

Staketteinfriedigungen waren unbekannt. Alle Umfriedigungen bestanden aus lebenden Hecken oder aus verbundenen Zäunen. Infolgedessen war der lebhafte Zaunkönig ein vielgesehener Gast, der auch im Winter zuweilen seine Strophe in kräftiger Tonart hören ließ, als wolle er dem Froste trotzen.

Auch Nachtigallen waren mehrfach unsere alljährlichen Gäste. Am Spätabend und nachts konnte man die seelenvollen Töne dieses ersten Sängers vernehmen, wenn man sich draußen befand oder das Fenster öffnete. In kurzen Pausen sang sie auch am Tage.

Damals waren die Gärten mit größeren und stärkeren Obstbäumen bestanden, die in der Laubfülle stellenweise einen waldartigen Eindruck machten.

Manche Großbauern hatten ihr eigenes Backhaus. Diese standen in den Gärten und bei ihnen lagerte Hecken-, Stangen- und Astholz in größeren Haufen. Diese Zusammengehörigkeiten boten den Singvögeln geschützten, dunkeln Aufenthalt zu Nistplätzen und zur Nahrungssuche.

Mit dem Aufhören dieser Verhältnisse schwanden auch die Lebensbedingungen der Singvögel, die demnach seltener wurden oder ganz verschwanden.

Zwei Storchenpaare waren immer hier beheimatet, um sich die Sorge um die Ankunft und Verteilung des kleinen, weltbürgerlichen Nachwuchses aufbürden zu lassen. Ihre dornige Sommerresidenz bauten sie sich auf der Giebelspitze von Strohdächern.

Als die Strohdächer verschwanden, siedelten sie sich zwischen Schornstein und Dach, auch auf der Giebelfirst eines Ziegeldaches an. In letzterm Falle wurde ihnen durch Anbringung eines alten Wagenrades ein Fundament gelegt. Seit längern Jahren wohnt nur noch ein Paar hier.

Die musikalische Kunst zählte auch hier ihre Jünger. Eine Familie Voland war in allen männlichen Mitgliedern gut musikalisch. Daneben waren noch einige ältere Musiker. Somit benutzten noch junge Leute die Gelegenheit, sich musikalisch auszubilden. Daher waren Kräfte zu einem ständigen, vollständigen Musikkorps von 6 Mann vorhanden. Diese leisteten die Musik zu Haushebungen, Tanz, zum Schützenfeste, Kirchenmusik bei Erstkommunionen und am Frohnleichnamsfeste, zu Hochzeiten und vereinzelt zu Erntehahnen.

Als Bezahlung am Platze erhielten sie für sonntägige Tanzmusik je Mann 1 1/2 M, 6 Mann also 9 Mark, damals 3 Taler.

Sie zogen auf Verdienst nach den Frankfurter Messen und haben jedenfalls auch in der Umgegend gelegentlich Musik gestellt.

Aemmelke - Amalie, die bejahrte Jungfrau, war in den Jugendjahren mit ihrem Vater König auf Kunstreisen gezogen und hatte dessen Geigenspiel mit den Klängen der Harfte sekundiert.

Ein alter Geiger Hofmann, geistig nicht mehr normal, ergeigte sich seinen Lebensunterhalt.

Die frühern musikalischen Familien sind fast alle ausgewandert. Gegenwärtig beschränken sich die musikalischen Fähigkeiten auf einige Klavierspieler, von denen einer auch ein geläufiger Orgelspieler ist, und auf einige Harmonikaspieler.

Das Schützenfest begann alljährlich am 2. Pfingstfeiertage. Eingeleitet wurde es durch den großen Zapfenstreich den Trommel und Pauke am Vorabend des Festes unter Gefolgschaft einer ansehnlichen Kinderschar durchs Dorf trugen. Das war ein Ereignis. Mit ihm kündigten sich die höchsten Freudentage im Jahreslaufe für die Schuljugend, nicht minder für die Erwachsenen an.

Dem feierlichen Ausmarsche nach dem Strumbook am zweiten Pfingsttage gingen Sammelmärsche im Dorfe voraus, die alle Einwohner in die Türen und auf die Straße lockten. Auf dem Strumbook war Königsschießen, Schenke und Tanz, alles im Freien am nahen, frühlingsgrünen Walde bei schöner Fernsicht. Zuschauer und Gefolge fand sich in Menge ein. Regelmäßig erschienen hessische Nachbarn aus Liebenau, Ostheim, Lamerden, kurfürstliche Dragoner von Hofgeismar in ihren damaligen farbenreichen, beschnürten Uniformen.

Am Spätnachmittage erfolgte der feierliche Einmarsch mit dem neuen Könige und Festmarsch durch die Dorfstraßen zur Darbringung militärischer Ehren. Die neue Königswürde nahm das Hauptinteresse des Tages in Anspruch. Diejenigen, die zu Hause verblieben waren, hatten sich vor dem Einmarsch schon von Heimkehrenden die Frage beantworten lassen: "We ist Künnig woren?" und die Antwort von Mund zu Mund weitergegeben.

Der Festmarsch durch die Dorfstraßen mit der Darbringung militärischer Honneurs wiederholte sich am folgenden Tage zweimal.

Wenn der hünenhafte Adam Jostes, Ackermann und ehemaliger Kürassier, mit Pferdekraft die tonangebende Klarinette zum Präsentiertusch blies, in welchen der wirre Trommelwirbel und dröhnende Paukendonner hineinklang, während der Fähnrich Bremer das große Banner von einem Ackerwagen herab in weitem Bogen schwang, so war das für bewegliche Knabengemüter zu viel, um nicht in einen Rausch von Begeisterung zu geraten. Das Schwenken des Banners vom Ackerwagen herab geschah ausnahmsweise vom genannten Fähnrich. Manchmal schwang er sich mit großer Gewandtheit auf den Wagen, um den Eindruck zu erhöhen. Die großen, weiß, rotwallenden Federbüsche neben den breiten, roten Schärpen der Chargierten übten auf Kinderaugen und Gemüter eine bezaubernde Anziehungskraft. Diese säbel- klirrenden Chargierten, meist hochgewachsene Männer, übertrafen bei uns Kindern die Heldenhaftigkeit von Blücher und Wellington, die den Kaiser Napoleon besiegt hatten.

Mit der Königswürde war die Aufgabe verbunden, einen Schinken zu stiften, der am zweiten Tage nach festlichem Einmarsch in seiner Wohnung mit dem üblichen Zubehör feierlich verspeist wurde. Warf nun beim Einmarsch ins Haus die Musik verstärkte Schallwellen zurück, welche den kleinen König zu rasenden Gewaltschlägen auf die Pauke entflammten und im Vorgefühle von dem seltenen Genusse die ganze Schützengarde elektrisieren, so lohte auch die Begeisterung der begleitenden Kinderschar zu heller Flamme auf.

Das Schützenbier wurde auf gemeinschaftliche Rechnung bezogen und dann frei verzapft. Der schäumende Trank mundete köstlich und hielt sich für lange Zeit in lieblicher Erinnerung. Die Knabenschar schwelgte in den Schützentagen in Augen-, Ohren- und Phantasiegenüssen. Der Gaumenkitzel steckte bei ihr noch in den Kinderschuhen und auf den unbekannten Biergenuß war sie nicht begehrlich. Nichtsdestoweniger taten einige Knaben mal unter Vorbehalt des Vaters, Onkels oder Hausgenossen einen Zug des schäumenden Saftes aus dem Bierglase und flossen dann über von Ruhm über die kapitale Köstlichkeit. In den letzten Schuljahren und der nächsten Folgezeit empfingen Knaben als Pfingstgabe einige Pfennige oder Groschen, womit auf dem Strumbook ein gemeinschaftliches oder selbsteigenes Bier bestritten wurde.

Die Schützen erhielten aus Gemeindemitteln einen Kostenzuschuß, der aber später wegfiel.

Die Schützenkompanie bestand aus verheirateten Männern und älteren Junggesellen. Jüngere Leute wurden nicht zugelassen.

Als das Schützenfest im Erstlingsflore stand und sich aus der Einwohnerschaft ein Musikkorps zusammenfand, war es ein Ehrendienst der Schützengarde , die Frohnleichnamsprozession zu begleiten. Sie bildeten unter präsentiertem Gewehr bei jeder Station Spalier zum Durchzug des Sanktissimum. Die Prozessionslieder wurden wechselweise eine Strophe gesungen, die nächste mit Musik vorgetragen, wobei jedes Teil zu Atem kam. Den jedesmaligen Segen begleiteten Gewehrsalven.

Die Festpredigt fand regelmäßig unter Mantels Linde statt. Diese stand oberhalb des Dorfes an einer Anhöhe. Dort saßen zu Füßen des Predigers die weiblichen Zuhörer auf abhängigen, blumenbesäten Rasenteppich. Seitwärts saß der männliche Teil an den Böschungen eines Hohlweges. Die weitausgreifenden Äste der altehrwürdigen Linde breiteten sich über die Teilnehmer aus und senkten ihr Gezweig schattenspendend und schützend auf sie nieder. Am äußern Ende des Hohlweges besorgte dies Röttkers große und breite Rundhecke. Das waren lauschige Sitzplätze.

In die Stimme des Predigers mischte sich das leise Lispeln der Lindenblätter und das Trillern der Lerchen, welche ringsum aus den Feldern emporstiegen.

Das war ländliche Poesie.

Nicht selten gewahrte man unter Mantels Linde die Prozession der Gemeinde Bühne unter der Hohenfelder alten Linde.

Wir Knaben krochen aus kindlicher Beweglichkeit oder bedürfnishalber während der Predigt wohl mal um Röttkes Rundhecke. Für die verwunderliche Wahrnehmung, daß einige Schützen hinter der Hecke sich eine Flaschenstärkung gestatteten, brachte die spätere militärische Schulung erst das richtige Verständnis.

Der Soldat soll nämlich bei seinen Feldzügen einen Vorrat an Lebens- und Stärkungsmitteln mitführen, auch in der Feldflasche. Da das Schützentum nun eine militärische Nachbildung ist, so kann auch der Feldflasche ihre Berechtigung nicht abgesprochen werden. Offenbar war es eine Konzession an die vielen Teilnehmer, die von militärischen Dingen verstanden, wenn sie nicht offen am Riemengehenk schaukelte, sondern sich mit dem verschämten Rocktaschenversteck begnügte. Hier war sie auch sicherer. In offener Hüftenstellung hätte sie seitens militärisch ungeschulter Schützen, die bei der Hantierungen mit ihren "Kuhfüßen" einen etwas weiten Bogen schlugen, leicht einen mörderischen Klatsch erhalten können.

Der Flaschenstulp hinter der Hecke mochte vielleicht die erhebende Wirkung der Festpredigt noch steigern, oder die Nerven für die kommenden Gewehrsalven stärken, vielleicht auch beides zugleich bewirken sollen. Hatten die Schützen somit am Frohnleichnamstage nach Kräften zur Erhöhung der Festlichkeit mitgewirkt, so ließen sie die Feststimmung am folgenden Tage noch in einer weltlichen Feier ausklingen.

Ein Torflager wurde im Jahre 1816 in einer Muldensenkung an der Borgentreicher Gemarkungsgrenze entdeckt. Es wurde bis über die Mitte des abgelaufenen Jahrhunderts dort in beträchtlicher Menge guter Brenntorf gegraben. Das war ein billiges Brennmaterial, welches fast allgemein mehr oder minder benutzt wurde. Mit seiner Entdeckung war also der Gemeinde, besonders den weniger bemittelten Eingesessenen, ein sehr schätzungswerter Dienst erwiesen. Nach meiner Erinnerung ging die Ausgrabung 6 bis 8 Fuß tief.

Entdecker war der Schulmeister Heeger. Als Sohn des Münsterlandes mochten Jugenderinnerungen ihn zu der Entdeckung führen. Heeger war Klosterbruder in Herstelle gewesen. Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die meisten Klöster aufgehoben wurden, zerstreuten sich ihre Insassen in alle Welt. Heeger kam nach Körbecke und wirkte hier lange als Küster und Lehrer höchst befriedigend. Weil der damalige Pfarrer Finkelnburg wegen Gichtbeschwerden zuweilen unfähig war zur Ausübung geistlicher Funktionen, wurde dem ehemaligen Klosterbruder eine Weihe erteilt, und so war Heeger Vikar, Küster und Lehrer in einer Person.

Neben seinem Wirken für geistige Hebung war er in selbstloser Weise auch auf das materielle Wohl der Gemeinde bedacht.

Ein Zeugnis hierfür ist, daß er bei den damaligen bescheidenen Einkommen eine Mauer von 4 bis 5 Fuß hoch und ca. 90 Meter Länge rings um das Schulgrundstück und einen Brunnen auf eigene Kosten anlegen ließ. Seine Steine- und Holzfuhrleute bewirtete er nach deren Begriffen fürstlich. Dabei kam seine eigene Letze nicht zu Schaden, denn bei der Nachlaßauktion konnten 2 Männer sich probeweise gleichzeitig mit seiner Weste umknöpfen. Eine solch gedeihliche Lehrperson ist uns seither nicht wieder beschieden worden. Er blieb lange im besten Andenken.

Die Kartoffelkrankheit, hervorgerufen durch einen Pilz, Perenospera infestan, trat erstmals im Jahre 1845 auf. Wahrscheinlich war die Kartoffel damals noch nicht 150 Jahre hier heimisch. Der Zeitpunkt ihrer Einführung wird sich schwer nachweisen lassen. Als im Jahre 1709 meine damalige Ahnmutter mütterlicherseits, Lucia Derenthal, ihr Gut ihrer heiratsbeflissenen Tochter Magdalene Derenthal übertrug, bedingte sie sich Leinland und Kohlland, aber kein Kartoffelland aus. Dies läßt zwar noch die Deutung zu, daß sie von ihrem andern, sogenannten Derenthal'schen Stammgute, welches später zu dem jetzigen Gutshofe Marienburg ausgewachsen ist, und welches sie vorher an ihren Sohn Friedrich Derenthal übertragen hatte, Kartoffelland ausgedungen habe.

Wenn ich indes erwäge, daß meines Wissens die Tradition noch davon belebt war, vor der Kartoffelzeit sei in Bauernhäusern viel Sauerkraut eingestampft, so neige ich unter Berücksichtigung des Umstandes, daß Traditionen sich im allgemeinen nicht weit über 100 Jahre fortgepflanzt zu haben scheinen, zu der Annahme, bei besagter Gutsübertragung von 1709 sei die Kartoffel hier noch unbekannt gewesen.

Hier möchte ich die Bemerkung einschalten, daß das Gut, welches im Jahre 1709 von meiner Ahnfrau auf die folgende überging, später in meinen Besitz kam. Ferner, daß Pfarrer Grüe in Borgholz in der Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, in dem er das Adelsgeschlecht derer von Derenthal behandelt, welches urkundlich im 16. und 17. Jahrhundert auf seinem Rittersitze zu Borgholz und Natzungen saß, S. 152 u. 153 die Meinung äußert, die Familie Derenthal zu Körbecke möge von jenem Adelsgeschlecht abstammen.

Der letzte männliche Sproß der hiesigen Hauptfamilie Derenthal, Joseph Derenthal, Gutsbesitzer und Landtagsabgeordneter, sprach meines Wissens einmal davon, seine Familie solle ehemals zum Adel gezählt haben.

Nach dieser Abschweifung wieder zur Kartoffelkrankheit. Das Kraut wurde trocken unter unangenehmen Geruch und die Knolle faul. Im folgenden Jahr 1846 trat die Krankheit sehr stark auf und minderte den Ertrag gewaltig. So erzählte mir kürzlich ein Mann, sein Vater habe im Frühjahr 6 Sack ausgepflanzt und im Herbst 3 Sack geerntet.

Im gleichen Jahr war auch eine Fehlernte in Halmfrüchten zu verzeichnen, die zwar strohreich, aber desto ärmer im Körnerertrage war. Im zeitigen Frühjahr habe ungekannt üppiges Wetter eingesetzt, wodurch die Erwartungen hinsichtlich der Ernte aufs Höchste stiegen. Vielleicht hatte eine sehr frühe Blüte durch Nachfröste gelitten. Die Druschresultate seien außerordentlich gering gewesen.

Die Folge einer Fehlernte bei Getreide und Kartoffeln zugleich war eine Teuerung im Jahre 1847.

Wegen mangelhafter Verkehrseinrichtungen konnten damals Getreide und Kartoffeln aus entfernten Gegenden nicht bezogen werden. Damals galten im Getreideverkehr Maße ohne Gewicht. Wenige Jahre später wurden Gewichtsbestimmungen eingeführt, wonach zum Scheffel Weizen 85, zum Scheffel Roggen 80 Pfund zu liefern waren. Der vorher gebräuchliche gemessene Scheffel wog in der Regel einige Pfund weniger.

Im Jahre 1847 stieg der Scheffel Roggen auf 6 Taler, Weizen noch etwas höher. Das waren unerschwingliche Summen für Leute, die von der Hände Arbeit leben mußten, zumal bei den damaligen geringen Arbeitslöhnen. Und zu solch enormen Preisen war Getreide noch nicht erhältlich. Die Preissteigerung setzte im Frühjahr ein, als die Bauersleute ihren Überschuß verkauft haben. Es mangelt an greifbarer Ware. Die Gemeinde beschaffte für 800 Taler Getreide, wahrscheinlich auf behördliche Anregung hin. Es soll wenig Nutzen damit gestiftet sein, wahrscheinlich weil Engherzigkeit in der Kreditgewährung herrschte.

Als weitere Folge der Mißernte erschienen die nachgeborene Zwillingsschwester der Teuerung, die

Hungersnot im Jahre 1847.

Zwischen den bejahrten Leuten mangelte es sicher nicht an Personen, die in ihrer Jugend im Jahre 1847 und auch früher oder später Bekanntschaft mit dem Hunger gemacht haben.

Die Kartoffelkrankheit blieb zunächst permanent. Man wußte kein Mittel dagegen. Bei hohen Fruchtpreisen und geringem Verdienst bestand ein Mißverhältnis zwischen der unbemittelten Bevölkerung. Daher war die genügende Brotbeschaffung nicht immer möglich. Der Kinderappetit aber ist immer lebendig, besonders in den bessern Jahreszeiten und an den längeren Tagen, wo kindliche Lebhaftigkeit Spiel und fortwährende Bewegung veranlaßt.

Sind die Eltern außer Stande, den stets erneuten Forderungen nach Brot gerecht zu werden, so preßt das ihnen zuweilen Worte aus, die hart scheinen wollen. So vernahm ich damals folgenden Gramspruch einer gequälten Mutter: "Ik woll, dat dek Hunne bedülsmeden un nieh freuer wieder wach wören, bis de Roggen riepe wöre." Bedülmen ist der Ausdruck für den Zustand der Betäubung.

Tagelöhnereltern hatten eines abends ihre Kinder früh zu Bett verwiesen, um ihnen über den Mangel an Abendbrot hinwegzuhelfen. Die Kinder konnten jedoch den Schlaf nicht finden und weinten, weil der Hunger stärker war als der Schlaf. Nun sprach ihnen der Vater Trost zu, aber eine Stunde müßten sie noch warten, dann wolle er ihnen zu essen schaffen. Nach dieser Zeit begab sich der Vater fort und kehrte danach heim mit einigen Kohlraben im Sacke. Nun konnte der Kinderhunger gestillt werden. Zum Einholen hatte offenbar erst genügend Dunkelheit abgewartet werden müssen.

Bettler waren in damaliger Zeit auch ohne Mißernten eine bekannte Erscheinung. Insbesondere kamen sie fleißig und nachhaltig aus den armen Nachbardörfern Muddenhagen und Bühne; auch das bedürftige Lamerden stellte seinen Teil. Im Hungerjahr 1847 folgten sich die Bettler scharenweise in täglicher Wiederkehr, einheimische und fremde, letztere im Übergewicht.

In den Litaneien folgt die Hungersnot der Pest und ist dem Kriege vorangestellt.

In Zeiten besserer Wohlhabenheit und steter Sättigungsmöglichkeit wird es am vollen Begriffe dafür mangeln, was es heißt, mit dauerndem Mangel am Notwendigsten, mit Hunger dauernd kämpfen zu müssen, das Begehren einer bleichen, hungrigen Kinderschar nach unentbehrlicher Nahrung langzeitig nicht stillen, Krankheit und Siechtum von den Seinigen nicht abwehren zu können und in Schulden zu geraten, deren Tilgung unabsehbar ist.

Dieser Zustand herrschte damals weithin und am schärfsten bei denen, die nicht zum Bettelstabe greifen wollten.

Auf der andern Seite war es nur wenigen möglich, die in rascher Aufeinanderfolge erscheinenden Bettlerscharen genügend zu befriedigen. Manche, die dafür angesehen wurden, mochten vielleicht wegen eigener schwieriger oder beschränkter Vermögenslage wenig oder nichts reichen können. Einem unverkennbaren Notstande gegenüber war das in seiner täglichen Wiederkehr auch ein Übelstand schwerer Art.

Das "Hungerjahr" erhielt sich lange im Gedächtnis und im Munde. Voraussichtlich wird es hierzulande das letzte gewesen sein.

Während in den Vorzeiten Mißernten und Hungersnöte eine oft wiederkehrende Erscheinung waren, läßt jetzt vermehrte Düngung und bessere Bestellung Mißernten höchstens in beschränktem Maße auftreten. Hungersnot aber wird wegen besserer Ernten, ferner wegen Ausgestaltung und Vervollkommnung der Verkehrsmittel voraussichtlich nicht wiederkehren.

Die Kartoffelkrankheit verlor an Bedeutung, nachdem neue Sorten eingeführt wurden, die widerstandsfähiger waren. In nassen Jahren tritt sie aber immer noch auf, wenn auch nicht so verderblich.