Chronik des Dorfes Körbecke / Teil 4

Als die Feldmark noch viele heckenumsäumte Wiesen hatte und diese zur Pferdeweide dienten, hatten Knechte vom Vorsommer bis Herbst allnächtlich bei den weidenden Pferden verweilen müssen. In der einfacheren Form schliefen sie unter der Hecke in einem Sack. Nachdem sie diesen etwas über den Kopf gezogen, war er ihnen Unterbett und Zudecke nach allen Seiten für alle Unbilden und Gefahren. Die Stundenzeit lernten sie nach dem Stand der Gestirne schätzen, oder hörten sie aus einem der umliegenden Dörfer am Glockenschlage oder vom Nachtwächter ins Wachthorn tuten.

Eine bessere Schlafvorrichtung war eine Strohhütte, die auf einem niedrigen Schlitten errichtet war. Diese Nachtwohnung wurde nomadenartig aus einer abgeweideten Wiese in eine andere gefahren.

Hieraus war ein Schlagwort entstanden. Konnte nämlich ein zahlungsmatter Schuldner seinen drängenden Gläubiger nicht befriedigen, so rückte er schließlich in störrischem Anflug mit dem Trumpf heraus: "Ich habe doch noch nicht auf den Schlitten gebaut". Das sollte besagen: Da ich nicht wegziehe und Dir entschlüpfen kann, so bist Du doch sicher und was willst Du mehr? Das war auch ein Trost.

Kam der Herbst so mußte sich der Knecht nachts am Dreschen beteiligen.

Daher ließ man nun die Pferde in den heckenumsäumten Wiesen nachts ohne Aufsicht, weil auch das abgeerntete Feld die Tiere zu verbotener Nahrungssuche weniger anlockte und bei einer etwaigen Abwanderung weniger Schädigung zu erwarten war. Frühmorgens indes mußten die Pferde zum Anspannen wieder zur Stelle sein. Somit mußten sie im Abenddunkel nach den Wiesen gebracht, im morgendunkel wieder heimgeholt werden, welches bei nächtlichem Dunkel vielen Einzelverkehr im Freien veranlaßte.

Weitere nächtliche Wanderungen veranlaßte der Verkehr mit den Mühlen.

In einer Mühle stand über dem Munde, der die Kleie ausspie, eingeschnitten: "Ich, Müller H.G., nehme von einem Scheffel zu mahlen den 16ten Teil". Da der Scheffel 16 Becher hielt, war das vom Scheffel ein Becher.

Hatte man nun Mahlgut oder Samen zum Ölschlagen oder Gerste zur Graupenherstellung in einer der 3 Mühlen vor Lamerden, so ging jemand, meist abends, zur Mühle, um das Mahlen zu überwachen und aufzupassen, daß der Müller beim "Bechern" sich im Aufzählen nicht irre.

Ein benachbarter hessischer Bauer hatte von seinem Vater die Belehrung empfangen, es sei wohlgetan, wenn der Ackersmann 4 Pferde ruhen ließe und seinem Mahlgut nachgehe. Kein Müller machte dazu eine unfreundliche Miene. Vielleicht waren ihm Gegenschachzüge nicht unbekannt.

Mit der Waage zu kontrollieren, scheint damals nicht bekannt gewesen zu sein, auch mochte es an entsprechenden Waagen fehlen, da der Getreideverkehr sich nach Gemäßen abwickelte. Am Spätnachmittag oder abends begab sich also die betreffende Person zur Mühle, am meisten von Herbst bis Vorsommer, wo sich die Zeit besser erübrigte.

Waren nach vollbrachtem Mahlgeschäft Mehl und Kleie im Sack eigenhändig mit wiedererkennbarem Quast oder Knoten verschlossen, so konnte der Heimweg angetreten werden. War es zur Zeit sehr finster, so wurde eintretendes Mondlicht oder die anbrechende Morgendämmerung abgewartet. Bis dahin war der Bankkasten hinter dem Ofen zur Lagerstatt eingeräumt, vielleicht fand sich auch ein Unterschlupf beim Mühlenknecht im Pferdestall.

Bei heutigem nächtlichen Gang von einem Ort zum andern hat man harten und gleichmäßigen Weg unter den Füßen, Baumreihen seitwärts, passiert keine Hecken und Gebüsch und kann auch bei großer Dunkelheit im sichern Gleichschritt marschieren. Damals waren die Wege ungleichmäßig, schlecht, wegen fehlender Steinlage dunkel, hie und da tief eingeschnitten und führten häufig an Gebüsch und Hecken vorbei. Im nächtlichen Dunkel mußten Gebüsch und Hecken nicht wenig unheimlich wirken. In ihren täuschenden Formen und Umrissen waren sie geeignet, in der aufgeregten Phantasie in Anlehnung an vernommene Erzählungen die verschiedensten Bilder und Gestalten hervorzurufen und anzunehmen.

Somit waren Erzählungen von Gespenstern, Wehrwölfen, Meister Hänschen, die vielfach gesehen waren, an der Tagesordnung. Meister Hänschen zog nachts mit glühendem Schweife von Heubaumslänge durch die Lüfte, stahl seinen Feinden Wertgegenstände bis zu ausgemachten Kartoffeln und trug das Gestohlene seinen Freunden zu, durch deren Dach man ihn deutlich fahren sah. Verschiedene Heckengegenden waren stark verrufen als besondere Stellen für unheimliche Erscheinungen. Wehrwölfe holten unter anderm Schafe aus den Hürden und Ställen und fraßen sie auf einmal auf. Gelang es, einen Stahlgegenstand z.B. ein Taschenmesser über einen Wehrwolf zu werfen, so stand nun der Mensch da, der sich in einen Wehrwolf verwandelt hatte, um einen großen Raubschmauß zu halten.

Nachdem die Figuration geändert und der nächtliche Aufenthalt im Freien beschränkt worden, sind Wehrwölfe, Gespenster, Meister Hänschen völlig außer Kurs gekommen, nachdem sie vorher die Gemüter lange und lebhaft erregt hatten.

Zu Brotfrucht war eine Mischung von 3/4 Roggen und 1/4 Gerste ziemlich allgemein in Gebrauch. Zuweilen wurden auch noch etwas Bohnen oder Erbsen in geringer Menge zugemischt. In einzelnen Häusern sollten nach allgemeiner Aussage und Bestätigung durch die Müller auch Wicken zugemischt werden.

In nassen Jahren wuchs dazumal auf den nassen Äckern viel Trespe im Roggenfelde. "Wenn ich alle dazwischen weg mache, so behalte ich nichts" hörte man zuweilen sagen. Die Trespe veranlaßte Streit bei Ablieferung von Heuerfrüchten. Der Pflichtige wollte liefern, wie es der Pflichtacker im laufenden Jahre gebracht habe -hatte vielleicht noch etwas Trespe zugesetzt. Der Rezeptor dagegen streifte sich auf den Wortlaut "Roggen" und wollte von Trespe wenig wissen.

Ein Zeit- und Gesinnungsgenosse des Rezeptors war jener hessische Pfarrer, der seinen Gläubigen einst von der Kanzel folgenden Text las:

In nassen Jahren wächst immer noch Trespe im Roggen, jedoch gegen früher in verschwindender Menge.

Zu Brotfrucht erhält guter, reiner Roggen jetzt meist eine Weizenzugabe, damit das Brot nicht getadelt werde. Auch wird längst nicht so rein aus der Kleie gemahlen, wie ehemals.

Bei ehemaligen Heuerlieferungen mochte es auch zu anderweiten Zerwürfnissen wegen Gemäßes etc. kommen. Nach einer gerichtlichen Urkunde aus dem Jahre 1778 führt ein pflichtiger Einwohner von hier folgendes aus:

Als der Obermarschall von Haxthausen zu Welda seine Heuerberechtigung langjährig an die Wittib Leif Schmuel verpfändet, habe besagte Wittib bei der jeweiligen Ablieferung 8 Groschen, einen Branntweintrunk und etwas Brot gereicht. Dieses prätendiere Pflichtiger anitzo ebenfalls bewürket zu sehen. Der herrschaftliche Rezeptor aber will sich durch das Beispiel der Judenwittib zu keinerlei Gewährung bewegen lassen.

Sensengestelle zum Getreidemähen hatten 3, im Hessischen 4 Bügel von Eschenholz. Diese wurden in aufrechter Richtung mit 4 durchgehenden Eschenstäben auseinander gehalten und in waagerechter Richtung mit je einem geflochtenen Draht enger oder weiter gerichtet (gespannt).

Sie hießen "Heck" und waren schwer.

Auch die damaligen Schleifsensen waren dicker und schwerer als die nachfolgenden Klopfsensen.

Roggen und Weizen wurden beim Mähen mit der Sichel abgenommen, Hafer und Gerste dagegen vom Mäher in Schwaden geworfen und später mit der Harke gewalkt.

Roggen und Weizen wurden nach dem Mähen in große Lagerhaufen gesetzt. Den Roggenhaufen schloß ein Knickwalk, über diesen wurde ein Doppelseil gespannt und verknüpft, welches an 2 Seiten aus dem Haufen gezogen und gedreht, mit diesem noch verbunden war.

Der Weizenhaufen wurde mit einem Hut - der Docke - aus Weizen die nach allen Seiten mit den Ährenenden auseinanderhing, überstülpt und ebenfalls mit 2 aus dem Haufen gedrehten Seilen verknüpft.

Regenwetter konnte diesen Haufen wenig schaden. Waren keine Mäuse, fehlte es an Platz und Zeit, so konnten jene Haufen monatelang draußen stehen bleiben.

Garben waren völlig unbekannt, alles wurde in Bunde gebunden. Sollte eingefahren werden, so mußte der Kleinknecht binden, eine Magd einlegen. Zumeist wurde früh ausgerückt, damit zum Morgenkaffee das erste Fuder im Hause war. Die Magd mußte beim Einlegen besonders rührig sein. Kam der Wagen aufs Land, so mußte der Kleinknecht die Bunde aufgabeln, währenddes die emsige Magd 1 bis 2 Haufen allein einlegte und band. Roggen 15 bis 18 - Weizen um 12 Bunde vom Haufen.

Man rühmte sich, an einem Tage bis 1000 Bund heimgebracht zu haben.

Das Feld durfte dann aber nicht sehr weit, die einzelnen Grundstücke nicht zu weit auseinanderliegen. Gegenwärtig möchte sicherer auf Beifall gerechnet werden können, wenn man sich der Renitenz rühmt, als des Fleißes. - Das Heben vieler Bunde an einem Tage mit der eisernen Schmiedeforke, z.B. wenn eine Dieme gebaut wurde, war sehr anstrengend.

Als Bindematerial wurde vielfach Holzwiede zu Hilfe genommen, bei Rauhkorn stets. Ihre Verlängerung wurde durch Einschlingung einer schwachen Handvoll Stroh in das Zweigende bewirkt. In der Länge bestand also eine Hälfte aus Stroh, die andere aus einer Holzwinde. Die geeignetsten Holzarten waren Hasel, Eiche, Hainbuche, Linde und Weide. Manche dienten 2 Jahre. Die Stelle, welche zum Schließen des Bundes dienen sollte, mußte gedreht werden, damit sie nicht brach.

Pflugwiede, die Vorder- und Hinterpflug verbanden, auch die Stündelwiede am Erntewagen wurden alle aus eichenen Ruten geflochten und hielten gewöhnlich 1 Jahr. Diese Ruten und Wiede lieferten die vielen Hecken und das Braunsholz. Letzteres wurde damals nach einer Reihe von Jahren immer als Schlagholz abgetrieben und enthielt das bunteste Holzgemisch. Der Stockausschlag trieb dann stets so dicht, daß einige Lichtung im jugendlichen Alter völlig unschädlich war.

Jetzt wird das Braunsholz zu Hochwald kultiviert, wodurch die Weichhölzer völlig verschwinden und zunächst nur Buche, Eiche und Birke verbleiben. Auf Stellen mit geringerem Boden wird anstelle der bisherigen Laubhölzer Nadelholz angelegt. Somit sind später wahrscheinlich nur Buche und Tanne ersichtlich, wo früher ein ungewöhnlich vielseitiges Laubholzsortengemisch und Unterholz existierte, welches außerordentliche Deckung bot, und in welchem Vögel sich an wilden Kirschen labten, junge und alte Knaben im Herbst dem ergiebigen Sammeln von Haselnüssen nachgingen.

Sommersamen wurde ehemals viel gebaut. Sein Abwälzen vom Erntewagen bis unter die Balkendecke, das nächtliche Ausreiten mit Pferden auf der Dehl, das Losreißen der festgetretenen Masse waren ungemütliche Herbstarbeiten.

Der Verkauf des Samens brachte die erste Herbsteinnahme. Ferner wurde aus dem Samen gutes Speise- und Beleuchtungsöl gewonnen - die wenigen Ölkuchen hiervon leisteten die einzige Tränkeverbesserung für die Kühe in der Frühjahrskalbezeit.

Diebstahl kommt gegenwärtig nur noch selten vor. Abends wird nicht mehr alles ins Haus genommen, Linnen und Wäsche liegen nachts unbewacht auf der Bleiche oder hängen auf der Hecke zum Trocknen. In frühern, bedrängten Zeiten war es nicht immer so. Da durfte beim Pfluge im Felde nichts Loses liegen bleiben. Linnen und Wäsche mußten nachts auf der Bleiche immer bewacht werden. Zu diesem Zweck waren für die bewachenden Mädchen auf den Bleichplätzen in den Eckernwiesen und unter den Thünen immer mehrere Strohhütten errichtet. Zuweilen kam doch etwas abhanden, auch Einbruchdiebstähle wiederholten sich alljährlich.

War nun jemand bestohlen, so empfahl es sich nicht immer, amtlich danach suchen zu lassen. Aber der Bestohlene mochte, wenn die Sache von Belang war, doch gern wissen, wer ihn heimgesucht hab.

Da gab es nun ein Männlein und Weiblein, welche das zu erfragen verstanden. Vermittels eines geerbten Kreuzschlüssels, d.i. ein Schlüssel mit kreuzweise geschlitztem Bart, erschlossen sie das Geheimnis. Das Kreuz des Schlüssels wurde auf eine bestimmte Stelle des Gesang- oder Gebetbuches derart gelegt, daß der Griff des etwas langen Schlüssels aus dem Buch hervorstand. In dieser Lage wurden Buch und Schlüssel durch Umschnürung befestigt. Nun wurde der Griffbügel auf 2 Finger der geöffneten Hand gelegt, daß das Buch unter der Hand hing. Zunächst wurden dann Probefragen gestellt, in deren Beantwortung man nicht fehlzugehen meinte. War alles in Ordnung, so mußten Buch und Schlüssel im Bejahungsfalle sich drehen, im Verneinungsfalle dagegen unbeweglich bleiben.

Hatte man sich auf diese Weise von der zuverlässigen Funktionierung überzeugt, so ging Fragesteller auf den vorliegenden Fall über, indem z.B. bei einem Wurst- oder Fleischdiebstahl die Namen derjenigen Personen befragt wurden, die selbst kein Schwein fetteten, denen aber Geschmack auch an gestohlener Wurst pp. zugetraut wurden. Wenn sich nun Buch und Schlüssel auf einen Namen drehten, so war die Frage gelöst. Fragesteller zog mit einem guten Frühstück von dannen und der Bestohlene vermeinte zu wissen, wer aus der Dorfgemeinschaft sich seine Würste oder Speck gut schmecken ließ.

Überzählige Arbeiter, die in der Nähe Verdienst suchen mußten, wandten sich ehemals ausnahmslos ins Hessische. Knechte dienten in Ostheim, Sielen, Hümme, Hofgeismar, - ein Mann erzählte, seinerzeit hätten 22 aus Bühne gebürtige Knechte gleichzeitig in Hofgeismar gedient. Mädchen hatten nicht wenige in Hofgeismar gedient und manche den Beweis mitgebracht, daß sie und die kurfürstlichen Dragoner Gefallen aneinander gefunden hatten.

Ältere Arbeiter waren dabei gewesen, als es gebräuchlich war, daß ein Arbeitertrupp nach dem Rittergut Schachten hinter Grebenstein in Tagelohnarbeit zu gehen pflegte.

Eine Windmühle, die zum Gut Dinkelburg gehörte, stand diesseits der Anhöhe zwischen Dinkelburg und Borgentreich. Die umgebende Anhöhe, Windmühlenweg, lag in ziemlicher Ausdehnung unbebaut und diente dem Windmühlenesel zur Nahrungssuche.

Ortsübliche Bekanntmachungen wurden früher in der Weise bewirkt, daß die Einwohner durch das Läuten einer Glocke um die Kirche zusammengerufen wurden. Unter einer Linde stehend machte der Bauermeister, später der Vorsteher, den Versammelten dann Mitteilung.

Eine Aufzeichnung besagt, am 18. Juni 1663, morgens 4 Uhr, sei die Gemeinde versammelt worden, um sich für eine Anleihe zu dem im Werk befindlichen Kirchenbau zu erklären und zu verbürgen. Neben 38 namhaft gemachten Personen hätten sich noch sämtliche Kötter und Halbkötter zu der Bürgschaft bereit erklärt. Niemand wollte sich also ausschließen, bis zum letzten Halbkötter wurde das ganze Privatvermögen eingesetzt, wahrscheinlich für einige hundert Taler.

Man wird daraus schließen dürfen, daß damals des Morgens um 4 Uhr die gesamte Einwohnerschaft gewohnheitsgemäß auf den Beinen war. Diese Annahme ist umso statthafter, als unsere Eltern ehemaliges, ungewöhnlich frühes Aufstehen als Regel hinstellten.

So früh wird jetzt nicht mehr aufgestanden. Bekanntmachungen erfolgen jetzt durch Ausruf des Polizeidieners nach voraufgegangenem Schellenklingeln.

Gemeindearbeiten wurden im Scharwerk in der Weise bewirkt, daß die Hausbesitzer der Reihe nach je eine Arbeitsperson auf ganze oder halbe Tage nach Bedarf stellen mußten. Nach vortägiger Bestellung wurde zu den Vor- und Nachmittagsarbeitspausen ein Glockenzeichen gegeben, auf welches sich die Arbeiter aus der Wohnung zur Arbeitsstelle begeben sollten. Die Aufsicht führten die Gemeindeverordneten abwechselnd mit Assistenz des Polizeidieners.

Auf diese Weise wurden die Bruchgräben gereinigt, Maulwurfhaufen gestreut, Schnee geschaufelt, die erste Tannenpflanzen am Strumbook und Heiberg bewerkstelligt.

Bei den ersten Wegechaussierungen, die hier auf behördlicher Anordnung im Jahre 1819 begannen, wurde die Steinanfuhr nach Pferden verteilt. Auf jedes Pferd mußte eine bestimmte Anzahl Steine gefahren werden. Die Handarbeiten geschahen wie vorher bemerkt.

Das kostete der Gemeinde keine baren Ausgaben.

Es dauerte bis in die 1870er Jahre, daß alle Dorf- und Kommunikationswege mit Steinhärtung versehen waren. Inzwischen hatten die Scharwerkleistungen aber aufgehört.

Kindtaufen wurden als Familienfeste unter Teilnahme von Verwandten und Nachbarn bei Nachmittagskaffee und Abendschmaus gefeiert. Der Gevatter (Pate) mußte neben dem üblichen Kuchen und Anderem einen Schinken stiften. Da diese Kindtaufsfeiern häufig die Ursache böser Folgen für die Wöchnerinnen waren, die sich vernünftigerweise leicht vermeiden ließen, ist die Teilnahme an ihnen auf das geringste Maß beschränkt worden. - Nicht allenthalben.

Neulich trug eine Frau auf einer Platte einen ansehnlichen Kuchen in das Haus ihres Sohnes, eines Tagelöhners. Bald danach ging sie den Weg nochmals mit einer Mulde voller Kuchen. Da kein Feiertag bevorstand, fehlte mir dafür ein Verständnis. Eine Nachfrage ergab, daß am folgenden Tage Kindtaufe gefeiert werden sollte. Hierauf wäre ich bei der herrschenden Einschränkung nicht gekommen. Der Kuchenmenge nach rechnete man mit einer ausgiebigen Beteiligung. Die Annahme, fragliches Ehepaar habe aus dem elterlichen Vermögen kaum über Null empfangen, mag der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen. Der Mann hat ein Häuslein gekauft und vielleicht einiges aus erspartem Verdienst an der Kaufsumme gezahlt. Ungeachtet der Klagen über ungenügenden Verdienst, die häufig von Ausfällen gegen Besserbegüterte begleitet werden, gestatten es die Verhältnisse, daß sie es sich bei der dritten Kindtaufe leisten können.

So findet eine alte Sitte, die von den Begüterten aufgegeben ist, in den minderbemittelten Ständen ihre Fortsetzung.

Steht eine Hochzeit bevor, so wird der Vorabend als Polterabend dadurch gekennzeichnet, daß an die Haustür der Brautwohnung tönende Gegenstände mit viel Geräusch geworfen werden. Hat der Bräutigam vorher ein anderes Mädchen umworben oder die Braut sich von einem anderen Bewerber huldigen lassen und haben die Betreffenden den Ehehafen noch nicht erreicht, so wird nachts vor der Hochzeit von deren Wohnung bis zur Kirche Flachs- oder Getreidekaff gestreut.

Als in einem der vornehmsten Bauernhäuser einmal die Hochzeit der Tochter gefeiert wurde, hatten Angehörige unlängst auf dem Wege zur Stadt ein Kistchen Zigarren gefunden. Infolge einer Verirrung kam zum erstenmal damit ein Kistchen Zigarren in ein hiesiges Bauernhaus. Es wurde als imponierende Neuigkeit für Alt und Jung besprochen, daß den Hochzeitsgästen ein volles Kistchen Zigarren vorgesetzt war.

Bis zum Einzug einer bezahlten Kiste mag noch ein anständiger Zeitraum verflossen sein. - Heute ist ihre Zahl Legion.

An Sonntagen und bei Fuhren nach auswärts fehlt die Zigarre nicht, hat auch an Wochentagen manche Verehrer. Vereinzelt sieht man Zigarren rauchende Knechte - Knaben - Dünger fahren.

Ein unbemittelter Raucher beauftragte seine Enkel mit Einholung großer Huflattichblätter vom Bachgrabenrande. Getrocknet sollten sie zum Rauchen dienen, wahrscheinlich mit einiger Tabaksmischung. Auch Kleeköpfe, Rosenblätter, Kartoffelkraut wurden als Tabaksurrogate bezeichnet.

Soldaten erhielten weder Geld noch Pakete nachgeschickt. Die karge Löhnung und Verproviantierung mußte genügen. Erhielt der Soldat in den 3 Dienstjahren einmal Urlaub, so lief er in überquellender Freude in mehreren Fällen in einem Tage von Minden zu Fuß nach Körbecke. Aus entfernten Garnisonen, wie Berlin, Düsseldorf, konnte der Soldat ehemals nicht auf Urlaub kommen. Zuweilen sandte er stattdessen sein Bild.

Zu unserer Militärdienstzeit empfingen die Wohlhabenderen heimatliche Zulagen an Geld und Paketen in sparsamer Abmessung. Bei vielen Unbemittelten war es noch wie ehedem. Inzwischen hat die elterliche Verproviantierung sehr zugenommen.

Als Schreiber ds. einmal zur Ziehung in Warburg erscheinen mußte, verwaltete er das gräflich von Bocholtz'sche Gut Niederalme im Kreis Brilon. Das Gut hatte am Almeflüßchen viele Wiesen. Es war im Juli Hochsaison der Heuernte und heißes Wetter. Da es an Vertretung fehlte, wurde im jugendlichen Eifer der Antritt des Fußmarsches nach Warburg bis nach vollbrachtem Tagewerk verschoben. Von Alme bis Bleiwäsche war es noch hell. Bald aber umfing Nacht- und Walddunkel den einsamen Wanderer, der auf gut Glück völlig unbekannte Wege durch Felder, Weideflächen und Wälder verfolgte und keine andere Führung hatte, als seine Meinung von der einzuhaltenden Richtung. Unter den damaligen Wegen darf man sich keine gehärteten Chausseen oder auch nur in Seitengräben gefasste Wege vorstellen. Es waren einspurige Wege von vielfach schlechtester Beschaffenheit. Auf einer Weidefläche stand ein verwitterter Wegweiser zwecks Orientierung aus vielfachen Wegeverzweigungen. Durch Aufklettern wurde das Auge in möglichste Nähe der Schrift gebracht - vergeblich - es war kein Buchstabe erkennbar.

Damals war man gegen die Jetztzeit in mehr wie einer Beziehung rückständig. Über 2/3 der Männer waren Nichtraucher. Kein Jüngling wagte vor 18 oder 19 Jahren zu rauchen. Zeigte ein Versuch stark üble Folgen, so wurde es verschoben bis in die oder nach der Militärzeit, unterblieb vielleicht auch ganz. In unserm Falle zählte der ziehungspflichtige zu den Rückständigen, war ohne Rauchutensilien und konnte deshalb den verwitterten Wegweiser auf der Weidefläche nicht beleuchten. Heute könnte ihm wahrscheinlich ein Knabe aushelfen. Einzelne Knaben hat man an Sonntagen, mit herausfordernder Miene kräftig Zigarren rauchend, auf der Straße gesehen, nachdem sie unlängst aus der Schule entlassen waren. Die Erlernung war also im schulpflichtigen Alter erfolgt. Mit dem Können und Leisten von Arbeit stehen sie zu der früheren Zeit in einem umgekehrten Verhältnis.

Auf dem weitern Marsch gab ein Schäfer, der wegen heftigen Bellens seiner Hunde halb aus seiner Feldhütte kroch, die angenehme Auskunft, der Weg sei noch nicht verfehlt. Bei nächtlichem Passieren zwei weiterer Dörfer - Meerhof und Oesdorf- wurde bei anbrechender Tagung ohne Irrungen das Diemeltal und die große Heerstraße zwischen Marsberg und Westheim erreicht.

Von Alme bis Warburg zeigt eine Karte in der Luftlinie etwas über 6 geographische Meilen. Am Ziehungstage kommt bekanntlich kein Bein zur Ruhe. Danach wurde der Fußmarsch nach Körbecke angetreten. Spätabends mußte mit ehemaligen Genossen und Freunden Diskurs gepflogen werden bis nach Mitternacht. An Ermüdung wurde nicht gedacht.

Bei geringer Besoldung, ohne Aufforderung und ohne besondere Anerkennung wurde damals anvertrautem fremdem Gut übereifriges lnteresse gewidmet unter Hintansetzung eigener Interessen.

Einem hiesigen Ackersmann brachte der Polizeidiener die Ladung zu einer militärischen Übung mit der Weisung: "Nächsten Donnerstag muß er in Paderborn sein". Damit legte die Frau den Schein weg und berichtete ihrem Mann mündlich. Dieser brachte es im großen Eifer fertig, 70 Morgen Grundstücke ohne Knecht und Tagelöhner ordnungsmäßig zu bestellen und zu bewirtschaften. Und hatte eine kranke lahme Frau, die wiederholt wochenlang in Krankenkliniken lag und sich Operationen unterzog. Der Mann leistete zu dem Feldarbeitsquantum noch Haushaltsarbeiten. Das war nur möglich bei kräftiger Körperkonstitution und Anspannung der äußersten Energie unter Zuhilfenahme von Teilen der Nacht.

Hiernach ist zu verstehen, daß der Mann nicht Zeit fand, die Gestellungsordre zu lesen - auch die Sonntage bringen der Anforderungen viel.

Die Ordre lautete auf Dienstag, nicht auf Donnerstag. Dienstag morgen zog der Pflichtige zur fernen Alster und pflügte. Als der Vorsteher das zufällig erfuhr, sandte er den ersten habhaften Mann zur Alster der den Säumigen heimrufe. Eine dringende Reklamation hatte er ihm angefertigt. Hiermit eilte der Säumige nun in Sturmschritt zunächst nach Warburg aufs Landratsamt, dann nach Paderborn. Da die Gestellungsstunde nicht eingehalten war, hatte er die wahre Ausrede, er habe morgens für die kranke Frau zum Arzt müssen und sei dann zur Benutzung des Bahnzuges nicht früh genug eingetroffen. Da das Attest sich über die Krankheit der Frau ausließ, erschien dies glaubhaft. Mit Erzählung der Wahrheit würde er schwerlich Glauben gefunden haben. Beamte, deren Dienst sich in wenigen Tagesstunden abwickeln läßt, dennoch aber von ihnen für beschwerlich gehalten wird, kann eine solch enorme Arbeitsüberlastung mancher Bevölkerungsschichten nicht begreiflich gemacht werden.

Die Freilassung glückte und sofort gings im Sturmtempo wieder heimwärts. Bei Annäherung an Körbecke war noch eben wahrnehmbar, daß die Frau sich mit den Kindern auf dem Bruche am Flachsauswaschen befand. Also zuerst zum Bruche, um die Hauptleistung am Auswaschen zu übernehmen.

Der Flachs wurde damals im Bruchgraben geröstet. Das Wasser wurde dadurch für einige Zeit blauschwarz, von üblem Geruch und tötete das in ihm lebende Getier. Deshalb ist es behördlich untersagt worden.

Von Gottsbüren im ehemaligen Kurfürstentum trugen arme Leute einigen Streusand nach hier zum Verkauf für einige Groschen oder tauschten einige Lebensmittel dafür ein.

Händler trugen ihre Waren in Kiepen, Riff oder Kasten durchs Land und auf die Märkte, z.B Eierhändler die Eier von hier und weiteren Entfernungen nach Kassel. Sie kannten und wählten die kürzesten Wege, meist Fußwege. Diese waren besser als die zerfahrenen Fahrwege, enthielten aber stärkere Steigung. Ein starker Stock mit Handriemen diente zur Stütze der Traglast, wenn bei Steigung minutenlang Atem geschöpft wurde. Im übrigen ging es rüstig weiter. Manche Hausierer tragen auch jetzt noch Waren auf dem Rücken im Lande umher - die meisten Waren aber, besonders schwerere, werden gefahren.

Arme Leute trugen das unentbehrliche Brennholz auf den Schultern und dem Kopfe heim, gesammeltes und gefreveltes. Es käuflich zu beschaffen, war völlig unmöglich. Woher das Geld zum Kauf und zur Anfuhr nehmen? Ohne einige Erwärmung der Wohnung zur Winterzeit und ohne einiges Kochen von Nahrungsmitteln kann aber der Mensch nicht leben, am wenigsten die Kinder. Somit unterlagen sie dem Zwang, anderweiter Beschaffung nachzugehen.

Da das hiesige Wäldchen klein war und als Niederwald wenig Fallholz hatte, wurde der Liebenauer Steinberg - mehr noch das Sieler Holz hinter Muddenhagen lebhaft in Anspruch genommen. Auch ältere Schulkinder, Knaben und Mädchen mußten in der Woche an schulfreien Tagen oder Nachmittagen nach dem "Sielerholze", sammelten trockenes Windfallholz und trugen es auf der Schulter oder Kopfe heim. Die Entfernung beträgt etwa 1 1/2 Stunden.

Das war ein weiter Weg zum Sielerholze und mit einer Welleholz zurück. Da bedurften die Kinder unterwegs einiger Stärkung.

Diese leistete ihnen ein Stück Brot, wozu ein Quell am Wege erfrischenden Trunk sprudelte. Das mochte dem hungrigen Kindermagen vortrefflich munden. Ging aber das Brot im Elternhause zur Neige, so mußte nach Aussage von Teilnehmern häufig eine Scheibe Kohlrabi Ersatz leisten. Auch dieser Bissen besänftigte den knurrenden Kindermagen und befriedigte das anspruchslose Kindergemüt.

Wenn die Stare bei ihrer Wiederkehr im März unsere Wälder durchstreifen und die Sonne durch eine Wolkenlücke und durch die Zweige strahlt, so beginnt das lebhafte Völkchen sogleich, seiner Lebenslust und Freude durch anmutendes Geschwätz und Gezwitscher Ausdruck zu geben. Dies geschieht in honorer Kinderstimme, die allen gefiederten Sängern in jeder Anfangsperiode eigen ist.

Ähnlich mochte es bei der leichtlebigen Kinderschar lauten, wenn sie nach Überwindung der längsten Wegstrecke mit der schmacklichen Letze in den Händen um den sprudelnden Quell gelagert auf der Holzwelle saßen oder diese in jugendlicher Lebhaftigkeit umkreisten.

Nach vollbrachter Stärkung hatte die Karawane noch zwei Hügel zu überschreiten, auf dem letzteren grüßte ihnen das Elternheim in kurzer Entfernung entgegen. Die Kinder armer Eltern gingen damals den ganzen Sommer hindurch barfüßig.

Zwischen den holzsammelnden Kindern und dem Forstaufseher bestand ein stillschweigender Pakt. Zeigte sich der Forstmann polternd und struppig, so war das den Kindern eine Mahnung, das nächste Mal einige Schnapspfennige mitzubringen, womit dann seine Borstigkeit wieder für einige Zeit geglättet war.

Das Sieler Holz war kurhessischer Staatswald.

Auswärtige Männer kamen zuweilen mit einer Bürde Holz, um sie beim Gastwirt, Krämer oder Juden für 50 Pfennige und einige große Schnäpse zu verkaufen. Der Erlös gestattete einen ersehnten Labetrunk stärkeren Geistes, wie ihn der Quell am Pfade den Kindern bot. War die Sehnsucht lange und stark gewesen, so konnte es kommen, daß der gesteigerte Durst sich eine Überschwemmung zuzog. Nach vielen Mangeltagen folgten also einige frohe Stunden. Der Holz- und Sorgenbürde ledig, ging es frohgestimmt auf den Heimweg. Die Tasche barg noch ein paar Groschen oder ein Fläschchen, eine geschätzte Letzte für einige Tage, die der Versucher dann meist gebührend zu kürzen verstand.

Branntwein wurde für hiesige Wirte und Krämer von Hofgeismar und Borgholz im Faß auf der Schulter getragen. Ob das in bessern Sorten oder in welchem Umfange geschah, mag dahingestellt bleiben.

Von Borgholz wurde der Weg in gerader Richtung durch die Felder genommen. Von Hofgeismar führte ein holpriger, steigender Fußweg, der stellenweise auch Fahrweg war, durch das Hofgeismarer- und Braunsholz.

Als einmal der Faßträger in dem Hofgeismarer Walde strauchelte, entglitt das Faß seiner Schulter. Im Sturze auf den hartgefrorenen Boden bekam es ein Leck und sein Inhalt strömte dahin. Auf das Jammergeschrei des Trägers eilten in der Nähe beschäftigte Holzhacker herbei. In rascher Erfassung der Sachlage sanken sie eiligst zu Boden und schlürften das köstliche Naß, damit es seiner ursprünglichen Bestimmung nicht nutzlos entrinne und nach Möglichkeit gerettet wurde, was noch zu retten war. Als sie nach getaner Anstrengung Atem schöpften und vernahmen, der Eigentümer sei ein Jude, priesen sie in gehobener Stimmung den Zufall, der den Sturz in ihrer Nähe bewirkt und ihnen die köstliche Erquickung ermöglicht hatte. Den gesunkenen Mut des Trägers suchten sie wieder aufzurichten mit dem Trostspruch, dem Juden schade solch kleiner Unfall nicht im geringsten - armen Leuten müsse auch mal eine Freude zukommen. Er fügte sich dann auch ins Unvermeidliche und mochte an der Unfallbotschaft nicht schwerer heimwärts tragen, wie an dem gefüllten Faß.

Als der Amtmann einmal seinen versammelten Vorstehern ein Bündel neuer Polizeivorschriften und Anordnungen über Reinhaltung einschärfte, ganz besonders über Aborte, tat ein Vorsteher den ungeduldigen Ausspruch, so es noch ein wenig toller komme, wolle er sein "Zick" abbrechen und wieder zum früheren Freisitz übergehen.

Den Luxus eines Aborts hatten sich ehedem nämlich nur ganz Vereinzelte zugelegt. Im allgemeinen herrschte altgewohnte Freihändigkeit. Daß dies aber auch seine Schattenseiten hatte, zeigt folgender Vorgang:

Ein älterer Bauersmann nahm eines abends in gewohnter Urgemütlichkeit freihändigen Sitz am Rande seiner Düngerkuhle. Man war gerade am Düngerfahren, die Kuhle war leer. Wegen hügeliger Dorflage fiel diese und manch andere Düngerkuhle vom Hausniveau aus stark und tief ab.

Unser Bekannter war im besten Zuge, als der hünenmäßige und zu losen Streichen stets aufgelegte Großknecht sachte aus der Stalltür herauskam um noch Schleichwegen nachzugehen. Als er die hockende Figur mit dem heller schimmernden Unterteil gewahrte, vermeinte er seinen Nebenknecht vor sich zu haben, den zu schikanieren ihm Gewohnheit war. Rasch durchfuhr ihn der Gedanke wie spaßhaft es sei, mit dem nebenstehenden Mistbrett, womit der Dünger auf dem Wagen festgeschlagen wurde, dem Hockenden unversehens und kräftig vor dem gespannten Hinterteile herzuhauen, wozu der hellere Schimmer einzuladen schien.

Gedacht, getan! Der Getroffene, der im Geschäftsdrange stark vornübergebeugt saß, kippte und purzelte den steilen, glitschigen und tiefen Abhang hinunter. Unten angekommen, ließ er seinen Gewohnheitsruf:

"Mein Gott und Alles!" aus Leibeskräften erschallen, diesmal mit dem Zusatze: "Welche Spitzbuben in dieser Welt!"

Der verblüffte Knecht verschwand schleunigst, dagegen kam nun die Hausfrau mit der Leuchte, um nach dem Rufenden zu sehen. Sie schlug die Hände zusammen, als sie ihren stöhnenden Ehemann halbkostümiert und beschmutzt im Aalpütt erblickte und den Zusammenhang erfuhr.

Nach provisorischer Hebung des Unterkostüms und Auffindung der Strumpfzipfelmütze, die sich im Hinabrollen vom Herrscherhaupte gelöst hatte, war der Grollende soweit wieder perfekt geworden, daß sie unter Zornausdrücken gegen den Verbrecher dem Hause zusteuern konnten. Einer Wiederaufnahme des gestörten Geschäftes bedurfte es nämlich nicht. Klaps und Schreck hatten das Dringendste entführt und im übrigen eine Rückstauung bewirkt. Unter der wohligen Bettdecke mochten sich die Nachwehen des empfindlichen Gewaltstreiches nach und nach mildern. Der Schalk von Knecht erzählte erst nach dem Heimgange seines unschuldigen Opfers, dann aber nicht ohne einiges Behagen, der Streich sei einem andern gemünzt gewesen. Das Rufen seines Herrn habe ihn doch sehr erschreckt.

Wer nun schließen wollte, der Vorgang habe die baldige Anlegung eines "Zicks" bewirkt, würde im Irrtum sein.

Als die oben erwähnte Instruktion des Amtmanns stattfand, waren hie und da böse Krankheiten aufgetreten. Es wurden nun Kommissionen eingesetzt, die mit den Vorstehern an der Spitze auf Reinlichkeit kontrollieren sollten, besonders scharf die Abörter, die in einen bösen Verruf gekommen waren.

Nun gibt es ja überall Leute, die ihre Nasen gern in alles hineinstecken, besonders wenn damit die Ehre verbunden ist, einer Kommission anzugehören. Ob sie nun ihre Nasen empfohlenermaßen gründlich in die Abörter gesteckt haben, ist mir nicht bekannt geworden. Wahrscheinlich blieb es ein totgeborenes Kind, wie eine Mäusekommision, die die Vertilgung der Feldmäuse kontrollieren sollte und nie gesehen wurde.

Einige Grundstücke unserer Gemarkung ähnelten in ihrer Form Tieren oder anderen Dingen und führten die entsprechenden Namen. So gab es eine Koh, einen Kohrüg, eine Gaus, einen Gantenhals, einen Giebelspeier, einen Krümmling, einen Wegenfoot, Häwenteken ( d. i. Regenbogen) hieß ein Grundstück um die Mühlenwiesen wegen seiner Bogenform. Ein stumpfes unregelmäßiges Dreieck vor der Pohlwiese führte den Namen "Dunnerkiel". Davon mochte es kommen, daß sein Besitzer, ein Vierspänner, abwechslungshalber zuweilen "Dunner" genannt wurde.

Der Volksmund gebraucht zuweilen den geduldigen Ausdruck, es möge ein Donnerkeil einschlagen. Ob es eine Ableitung hiervon war das "Dunner" auch zuweilen mal dreinschlug, wenn ihm die Galle überbrodelte? War sonst im Grunde ein harmloses, friedsames Männlein das in gewöhnlichen Zeiten dem kraftvoll geschwungenen Zepter seiner Mitregentin unterstand. Von Vorkommnissen seines Hauses tragen manche über den Rahmen der Alltäglichkeit hinaus und gaben einigen Gesprächsstoff, z.B. folgende:

Unser Vierspänner hatte die Gewohnheit, oftmals seinen Kaffee in einen langen Milchseihetopf zu tun, um eine auskömmliche Brotportion mundgerecht darin zu erweichen. Als der damalige Kreisphysikus Dr. Dammann einmal hinzukam, als er seinen Seihetopf auf dem Stuhl zwischen die Beine postiert hatte und mit dem langgestielten hölzernen Rundlöffel den Inhalt herauslöffelte, sprach der Arzt in seiner schnellen Redeweise "Borgentreicher! Borgentreicher!" Darauf der Angeredete: "Nei, Herr Dochter, ik seihe nie van Berentreiche, mien Vahdr was van Berentreiche". Hierauf Damann: "Borgentreicher Bastard, Borgentreicher Bastard! Gleich gesehen, Borgentreicher!"

Einmal nahm seine Kaffeemahlzeit eine spaßhafte Endung. Als er den an die Lippen gesetzten Topf zum Austrinken des Restes senkrecht aufrichtete, entglitt er seinen Händen und hatte sich über den Kopf gestülpt, wie ein eingetriebener Zylinderhut. Er sah aus, wie ein ehemaliger verkappter Ritter. Das wäre nicht zu weiterer Kenntnis gekommen, wenn er den freiwilligen Zylinderhut alsbald hätte wieder abnehmen können.

Das wollte aber nicht gelingen, Kopf und Topf wollten sich nicht trennen lassen. Da die Ritterkappe ohne Visieröffnung war, konnte ihr Träger auch nicht sehen. Er stak tatsächlich in einer fatalen Klemme und mußte Hilfe in Anspruch nehmen. Aber auch diese mühte sich vergebens, den steifen Topfrand über die Ohren zurückzuziehen. Die versammelten Hausgenossen wußten keinen anderen Ausweg, als die Zertrümmerung der stolzen Kopfbedeckung, die dann auch beschlossen wurde. So schaffte man dann den Bindeknüppel herbei und nach der Mahnung: "Nu halt mal den Kop sturr!" führte ein Hausgenosse Hiebe gegen den Turmhelm, bis er in Scherben vom Haupte sank. "Hä, wat drühnde dat" stöhnte der Befreite.

Solch heiteres Begebnis konnte nicht verschwiegen bleiben. Die dienstbaren Geister trafen sich bald am gemeinsamen Brunnen, wo gewohnheitsgemäß das Neueste ausgetauscht wurde. Die weitere Verbreitung ließ dann nichts zu wünschen übrig. Somit rückte unser Freund in der Vorstellung mit dem Ritterhelm für einige Zeit als Held des Tages ins Vordertreffen. Im Anschluß an das "Drühnen" nannten schalkhafte Zungen ihn zuweilen "Drünner".

Eines Tages wurde die Entdeckung gemacht, daß in "Drunners" Hause ein nächtlicher Einbruch verübt worden war. An einer sogenannten Abseite war ein Wandfach ausgeschlagen und die Beute durch diese Öffnung entführt. Das war ein erschütterndes Ereignis. Unter lebhafter Zwiesprache stand die versammelte Nachbarschaft staunend vor der unheimlichen Tatsache. Als Nachbarknabe war ich auch dabei. Es ergab sich, daß von mehreren Säcken Sommersamen ein Sack entführt war. Die Hausfrau schlug einen gewaltigen Lärm, wogegen der Mann verhältnismäßig ruhig war. Dieser ging nach einiger Umschau zu den Saatsäcken, band einen davon auf und holte mit süßsaurer Miene einen Geldbeutel mit nicht unwesentlichem Inhalt aus dem Samen hervor, den er unter gewohnheitsmäßigem Pfeifen in seine Tasche überführte. Als die Frau des bekannten Beutels mit Inhalt ansichtig wurde, ging sie vom Lärm crescendo zu höchstgestimmten Gekreisch über, weil das liebe Geld in solch furchtbarer Gefahr geschwebt habe. Unser Pfiffikus dagegen, als er seines Geldes wieder versichert war, ging getrost von dannen, der Sack Saat imponierte ihm nicht mehr. Vielleicht war seine nächste Sorge die Wahl eines neuen Geldverstecks etwa eines Zimmermannszapflochs oder eines Dachsparren etc.

In dem Mangel eines Geldverschlusses stand unser Vierspänner in Kollegialität zu den Einwohnern eines hessischen Nachbardorfes. Dort mußte nämlich die Wahl eines neuen Gemeindeerhebers resultatlos verlaufen, weil niemand ausfindig zu machen war, der einen "verschlatenen Disch".hatte Ob unser Held nun durch Beschaffung eines "verschlatenen Disches" sich der Sorge um Ausfindigmachung sicherer Geldverstecke fürderhin enthoben hat, ist mir nicht bekannt geworden.

Über den Einbruchdiebstahl bildete sich übrigens die Meinung, er sei von Helfershelfern der Hausfrau ausgeführt, um mit dem Erbeuteten die notwendigen Aufwendungen zu bestreiten zur Bekämpfung des Durstes, von dem sie gar oft heimgesucht wurde. Daher mochte ein "verschlatener Disch" noch keineswegs Sicherheit bieten. Wie leicht konnte von intimer Hand der Schlüssel erlangt und zu einem Angriff auf die Kasse mißbraucht werden. Daher vermute ich die weitere Bevorzugung eines örtlichen Versteckes.

Die Frau, die zu meiner Knabenzeit in Drunners Hause atmete, war von einem Nachbardorf gekommen. Am Hochzeitstage kam vor Ankunft der Braut ein Bruder von ihr und schlug ein Wandfach am Kuhstalle ein. Den Nachbarn fehlte hierfür das Verständnis und wunderten sich. Als der Hochzeitszug anlangte, wurde die Braut vor das offene Wandfach geleitet und mußte durch dieses ihren Einzug in die neue Residenz nehmen. Hinter ihr wurde die Porta triumphalis wieder zugemauert und damit hatte man vorgebeugt, daß das Vöglein dem neuen Bauer wieder entfliege.