Chronik des Dorfes Körbecke / Teil 3

In einer gerichtlichen Zeugenaussage bekundet eine hiesige Frau, sie habe in ihrer Jugend bei 3 hiesigen Schäferherren gedient, deshalb dem Schäfer das Essen aufs Feld getragen, auch morgens und abends die Schafe melken müssen. Nach ihrer Altersangabe war das von 1769 bis 79. Damals weideten hier 6 Schafherden.

Ein zweimaliges Melken setzt eine gute Weide voraus, wofür man bei 6 Schafherden nach einer Erklärung sucht.

Es möchte zutreffen, daß nach der Entvölkerung und Verarmung durch den 7jährige Krieg die verminderte Bevölkerung entfernte Grundstücke nicht bestellte und diese in erheblichem Umfang als gute Schafweide dienten.

Damit stimmt überein, daß von 1770 bis 1780 im Durchschnitt mehrerer Fälle für nur 11 Taler Darlehn ein Morgen Land versetzt wurde.

Noch ein Bild aus jener Zeitperiode.

Ein größerer Bauer war mit seinen Heuerlieferungen an das Kloster Hardehausen im Rückstand geblieben, nach seinen Angaben wegen der mißlichen Jahre 1770/71. Nun hat der Rezeptor Ulrich zu Borgentreich ihm eine Schweinsmutter und drei Häßlinge aufschreiben lassen und will diese wirklich zwangsweise verkaufen lassen. Der Pfichtige wendet sich mit einem Bittgesuch an Hardehausen. Er führt an, daß er wegen der mißlichen Zeiten bei mehreren Heuerherren im Rückstand gewesen sei und nun habe nachliefern müssen. Dadurch sei sein Kornboden derart in Anspruch genommen, daß es ihm völlig unmöglich sei, ein mehreres zu leisten. Er bittet um Nachsicht bis zur nächsten Ernte, dann wolle er alles berichtigen. - Antwort: "Weil Suplicant die Sache zur größten Extremität hat kommen lassen, so kann dessen Gesuch kein Gehör gegeben werden."

Nun wird der Schutzjude Moyses Wulff wahrscheinlich wieder mit einigen Talern "raren Geldes" in die Bresche springen müssen. Er hat sich schon oft als Helfer in der Not erwiesen, daß er Hausfreund geworden ist und sich auf den Tisch setzen darf. Es müssen ihm als Gegenleistung nur die Verkaufsgegenstände reserviert werden. Das ist umso angängiger, als er stets einen Preis zahlt, daß er wahrhaftig keine halbe Centine daran zu verdienen weiß.

Im Felde befanden sich früher nicht wenige sogenannte Kriegerkuhlen. Als man auf dem Strambrook Gräben aushob zur Herrichtung von Tannenkämpen, kamen Reste von Waffen zum Vorschein.

Mit dem Namen "Landfert" (Landwehr) bezeichnete man einen Dammweg, der durch Aufwurf 2 großer Seitengräben geschaffen war. Teilweise hat man sie als Römerwege angesprochen, die auf den Kriegszügen der Römer zu Anfang unserer Zeitrechnung entstanden seien.

Ein Stück gut erhaltener "Landfert" diente hier als Wegestrecke zwischen den jetzigen Grundstücken des Gutes Marienburg, die zu der Borgentreicher Gemarkung gehören und schon früher Eigentum hiesiger Eingesessener waren. Nach der Separation ist diese Landwehr eingeebnet. Eine ansehnliche Strecke gut erhaltene Landfert befand sich früher zwischen den hessischen Dörfern Ostheim und Friedrichsdorf, die ebenfalls nach der Separation eingeebnet ist.

In der Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, von der mir ein Auszug vorliegt, wird über die hiesige Landwehr folgendes gesagt:

Durch Urkunde vom Jahre 1429 sei durch den Administrator des Bistums Paderborn den Städten Borgentreich und Borgholz die Anlage einer Landwehr genehmigt und deren Richtung angegeben. Was die Richtung betrifft, so solle sie bei Borgholz den Anfang nehmen, und, soweit die Körbecker Feldmark in Betracht kommt, ist die Rede von dem Land des Abtes von Hardehausen, das hinten an das Loe geht. (Ein hiesiges Feld hinter Lütkenbühne hieß früher "im großen Lohe", daneben war "das kleine Lohe", auch eine Lohwiese, dahinter der Meierloh). Von dem Lohe sollte sie niedergehen durch das Corbekesche Bruch und dann fort zwischen Dinkelburg und Rösebeck her, "wo die alte Landwehr in Vorzeiten henne gegan hefft".

Auf dieser Landwehr sollten zwei Warttürme erbaut werden, davon einer "uf den libenoweschen Weg tuschen Corbaeke und Rosebicke".

Ferner wird noch gesagt, diese steinernen Warttürme sollten 60 Fuß hoch und 20 Fuß dick - sodann mit einer Ringmauer von 4 Fuß Dicke, 20 Fuß Höhe und 30 Fuß weit - dahinter noch mit einem Graben, 16 Fuß tief und 60 Fuß weit umgeben sein.

Diese Landwehr sollte also, teilweise wenigstens, den Spuren einer vorzeitlichen Landwehr folgen. ( Altertumskunde Westfalens , Band 44).

An Berghängen und auf hochgelegenen Waldflächen, z. B. Hofgeismarer- und Reinhardswald, sind die Lagen und Formen früherer Ackergrundstücke - in der Mitte höher, an den Furchen tiefer - noch deutlich erkennbar. Manche dieser Stellen zeigen eine für den Ackerbau ungünstige Lage. Das legt den Schluß nahe, daß zu der Zeit, in der jene Grundstücke als Acker dienten, eine zahlreiche Bevölkerung vorhanden war. Vielleicht ist die Annahme zutreffend, die damalige Bevölkerungszahl sei seither nicht wieder erreicht worden, mit Ausnahme der jüngsten Zeit, in der Lebensmittelzufuhren aus fernen Ländern möglich geworden sind.

In den Kriegen zu Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts, als Europa unter der Heerfolge Napoleons seufzte, und unter den Tritten seiner Heerzüge und deren Schlachtendonner erzitterte, mußten mehrere junge Männer von hier am Kriegszuge nach Spanien teilnehmen. Sie dienten in Regimentern des damaligen Königreichs Westfalen.

Einer von ihnen fiel einst spanischen Guerillas in die Hände. Diese führten ihn unter einen Baum und schickten sich an, ihn an einem Ast aufzuknüpfen. Als sie ihm die Schlinge über den Kopf warfen, entrang sich der Brust des erschreckten jungen Kriegers ein Notschrei in seiner plattdeutschen Muttersprache. Daran erkannten die Guerillas mit Sicherheit, daß ihr Gefangener kein verhaßter Franzose war, sondern einer von Napoleon ebenfalls gepressten Nation angehörte. Das milderte ihre Rachsucht und erweckte einiges Mitleid. Sie gaben ihren Gefangenen frei, und da der fernere Kriegslauf sein Leben schonte, sah er sein Vaterland wieder.

Im Jahre 1812 wurde die waffenfähige Jugend in großer Zahl nach Russland geführt. Keiner von den hiesigen sah sein Vaterland wieder, alle fanden in den Schlachten oder auf Russlands Eisfeldern den Tod. Ihre Namen hörte ich oft nennen, es war eine ansehnliche Schar. Zu den Befreiungskriegen wurden knabenhafte Jünglinge unter die Fahnen gerufen. Es erscheint russische Einquartierung, zum Glück nur für kurze Zeit wegen des raschen Kriegsganges.

Die Anwesenheit fremdsprachiger Kriegsvölker ist immer den Einwohnern ein Schrecken. Das bestätigen auch in unserem Falle mehrere Erzählungen. Eine sei hier wiedergegeben:

Eine mannhafte Wirtsfrau, die sich im Wochenbett befand, hatte sich aus Furcht mit ihrem 3tägigen Knäblein in den Garten geflüchtet und die Nachmittagsstunden zwischen den Vitsbohnen versteckt gehalten. Am Abend klagte sie dies ihrem unverheirateten Bruder, der sie besuchte. Dieser, ein finderischer Kopf, sprach ihr Mut zu. Andern Tags sollte sie ruhig zu Bett bleiben, er wolle zur Stelle sein und sorgen, daß kein Russe das Haus betrete. Er suchte möglichst alte Kleidungsstücke zusammen und zerriß diese noch geflissentlich, daß die Fetzen herunterhingen und das Futter sichtbar war. In diesem Indianerkostüm ging er, mit einer Lanze bewehrt, als Schildwache vor dem Hause auf und ab und maß annähernde Russen mit grimmen Blicken. Diese mußten den Verwilderten, der von hünenhafter Gestalt war, für einen halb oder ganz Wahnwitzigen halten, mit dem anzubinden nicht ratsam sei. Die Absicht gelang vollständig; am folgenden Tage mußten sie weiter marschieren.

Zu der Flucht der Wöchnerin gesellt sich der Gedanke, vielleicht habe das Gardinenbett, wie damals allgemein war, in der Wohnstube gestanden.

Aus einer Nachbargemeinde erzählte ein Mann, sein damaliger Dienstherr sei von einer Kriegsfuhre erst nach Wochen heimgekehrt, nachdem man ihn bereits für verschollen gehalten hatte. Die Russen hätten ihm die Pferde nicht zurückgeben wollen. In weiter Ferne sei es ihm endlich gelungen, nachts mit denselben zu entkommen.

Es wurden Lieferungen von Armeebedürfnissen ausgeschrieben, welche die Gemeinde Körbecke an die Militärmagazine zu Beverungen, Karlshafen, Kassel und Paderborn abführen mußte. Außer mehrmaligen Geldbeträgen stehen verzeichnet: Mehl, Roggen, Hafer, Erbsen, Rindvieh, Brot, Branntwein, Salz, Heu, Stroh, Schuhe, Stiefel, Hemden, Socken und Säcke. Nach wiederholten Lieferungen wird bemerkt, die Gemeinde sei an Naturalien völlig erschöpft und müsse die erneuten Lieferungen nun an einen Unternehmer verdingen. Dem willkürlichen Ausrauben von ehemals war hiermit entsagt.

Nach der Wiederkehr ruhiger Zeiten war der Staat am Werke, für die Kriegslieferungen Entschädigung zu leisten. Zur Abwicklung dieser Angelegenheit scheinen die Gemeindevorstände unerfahren und die Behörden nicht auf ihren Posten gewesen zu sein. Zur rechten Zeit erschien ein zuvorkommender Helfer in der Person des Bankiers Spanier aus Paderborn.

Dieser führte sich ein als Bevollmächtigter verschiedener Gemeinden zur Regelung der fraglichen Sache. Die einleitenden Schritte seien von ihm in Berlin bereits persönlich gemacht und zum Zwecke definitiver Abwicklung begebe er sich demnächst wieder dorthin. In gewinnender Gefälligkeit erbot er sich auch zur Regelung für Körbecke. Die Gemeinde solle dann gar keine Umstände damit haben. Vertrauensvoll wurden Obligation und Vollmacht gegeben und Spanier hielt Wort. Die Gemeinde bekam gar keine Umstände mehr damit, denn - Roß, Reiter und Entschädigung sah man nimmer wieder. "Dat kümmet mek so spanisch für" pflegt der Volksmund zu sagen, wenn eine Sache Mißtrauen und Mißbehagen einflößt. Es mochte ihnen auch (zu spät) spanisch vorkommen, daß Mosje Spanier sie so schmählich betrogen hatte.

Der Chronist schätzt die Summe, die der Sohn Israels auf diesem Beutezug unserm Kreis entnahm, auf 30.000 Taler. Damit war die unerfahrene, ehrlich vertrauende Landbevölkerung mal wieder gründlich hineingefallen.

In den vielen frühern Kriegen waren sie von der Willkür zügelloser Kriegsvölker unsäglich geschunden, "verwüstet, veräschert, verarmt, verdorben". Um ihr Wiederaufkommen kümmerte sich niemand. Als sie nach dem Aufkommen gerechter Ansichten entschädigt werden sollten, lassen die Behörden sie in Gaunerhände fallen, denen es an äußerer Glattheit und kirrenden Worten nicht fehlen mochte.

Unsere letzten Kriege seien hier angeschlossen. Es waren:

Im Jahre 1864 in und um Schleswig-Holstein gegen Dänemark.

Im Jahre 1866 gegen Österreich und die süddeutschen Staaten.

Von hier nahmen daran 22 Mann teil. Außerdem standen 3 Nichtkombattanten unter den Fahnen. Alle kehrten unversehrt zurück.

Im Jahre 1870 bis 1871. Alldeutschland gegen Frankreich.

Körbecke stellte:

Geborene Körbecker, die verzogen waren, sind nicht mitgerechnet.

Im abgelaufenen Jahrhundert beteiligte sich ein Mann von hier an einem Bürgerkrieg in Portugal, wo sich 2 Prätendenten um die Krone stritten. Ein Anderer diente 13 1/2 Jahre in der Holländischen Armee in Indien.

Als kaiserliche Werber mit der Werbetrommel das Land durchzogen, um junge Leute anzuwerben, hatten sie jene für gebunden erklärt, die es genehmigt hatten, daß sie ihnen ihren Militärhut aufsetzten. Dies geschah im Kruge, nachdem junge Leute sich - gewiß nicht ohne lebhaften Zuspruch der Werber - Mut angetrunken hatten. Häufig genug mag damit Mißbrauch getrieben worden sein. Hier hatte Försters Anton beim Krüger Flotho an der Lieth sich den Hut aufsetzen lassen. Nebst einem Genossen aus Muddenhagen wurde er eingestellt zu Linz an der Donau. Im letzten Dezenium nachdem die französische Revolution Königsmord verübt hatte, zogen sie aus zum Kampf gegen die französische Republik.

Bekanntlich blieb die Republik in diesem Kampf siegreich. Nach jedem Gefecht erkundigte sich der eine bei des anderen Kompaniekameraden nach dem Ergehen seines Landsmannes und suchte ihn auf. Einmal erhielt Anton die Antwort, sein Muddenhagener Genosse sei auf dem Blachfelde gefallen. Das stimmte den Anton, dem der Kriegstanz nicht mehr zusagte recht unbehaglich. Er entschloß sich, Abstand vom Kriegshandwerk zu nehmen. Als daher seine Truppe zur Nachtzeit ausrückte, blieb Anton zurück und hielt sich versteckt. Es war zu Pickelnberg in der Nähe Pfalzburgs im Elsaß. Eine Recherche konnten die Kaiserlichen dort auf französischem Gebiet nicht veranlassen. Anton befreundete sich mit seinem Quartierwirt, vertauschte die Uniform mit Zivilkleidern und blieb jahrelang. Anton war ein großer Mann und noch im Alter eine ansehnliche, sympathische Erscheinung. Daher ist es nicht verwunderlich, daß Schanda (Jeanne), des Hauses Töchterlein, Gefallen am Toni fand und ihn ehelichte.

Nach Jahren wollte Adam, Tonis Vater, die Försterstelle niederlegen. Da sein anderer Sohn Schöneberg eine Försterstelle in Bühne innehatte, lud er den Toni zur Rückkehr und Übernahme der Försterstelle ein.

Toni lud nun einige Habe auf einen Wagen, setzte die Schanda und 4 Kinder dazwischen, spannte einen Schimmel ein und nach gebührender Verabschiedung von den elsässischen Verwandten und Nachbarn zogen sie nordwärts, Tonis Heimat entgegen.

Bald gelangten sie nach Mainz und an den Rheinstrom. Es war die Zeit staatlicher Umwälzungen und Napoleon hatte Frankreich bis an den Rhein ausgedehnt und diesen zur Grenze zwischen Deutschland und Frankreich gesetzt. Vor der Rheinbrücke, die von Mainz nach Kastel führt, hielten Grenzwächter den Toni zurück und wehrten ihm den Übergang. Der Grund ist mir unbekannt geblieben. Ein mehrtägiges Parlamentieren blieb erfolglos.

Toni ließ nun Fuhrwerk in etwas veränderter Gestaltung durch einen Dritten über die Rheinbrücke führen. Vorher schon hatte Schanda mit den Kindern die Brücke passiert und zog nun mit dem Schimmel nach dem verabredeten Treffpunkt Kostheim, dem nächsten Dorf von Kastel ab. Als Toni dann bei einem erneuten Passierungsversuch angehalten, die Frage nach Frau und Kindern dahin beantwortete, diese seien weit jenseits, ließen Sie ihn auch passieren. Somit gelangte er wieder nach Körbecke und in die Försterstelle.

Die Schanda war in ihrem elsässischen Dialekt schwer verständlich. Von den mitgebrachten Kindern waren 2 Buben. Diese seien sehr schlimm gewesen, erzählten ihre Altersgenossen.

Die Entdeckungen und Erfindungen in Erkennung und Nutzbarmachung der Naturkräfte waren im letzten Menschenalter wahrhaft staunenerregend. Ihre Nutzanwendung brachte die mannigfachsten und bedeutsamsten Veränderungen in die bestehenden Verhältnisse, vielfach förmliche Umwälzungen. Und in immer rascherer Aufeinanderfolge scheint der rastlose Forschergeist neue Einblicke in die unendlichen Geheimnisse der Naturkräfte zu gewinnen, deren Nutzbarmachung damit näher gerückt wird. Damit kommen weitere Umgestaltungen in die Voraussicht. Die gewesenen Zustände und Verhältnisse scheinen in baldige Vergessenheit zu kommen. Daher möchte es für die kommenden Geschlechter nicht ohne Interesse sein, über frühere Zustände und Verhältnisse unterrichtet zu werden, um die erfolgten Wandlungen und Unterschiede ermessen zu können.

Diesen Zweck können manche der voraufgegangenen Aufzeichnungen dienen.

Zur Vervollkommnung will ich fortfahren, über Zustände und Vorkommnisse der Vergangenheit unserer engeren Umgebung einiges niederzuschreiben nach Erinnerungen über das,

Was uns die Älteren erzählten und was wir selbst beobachteten seit den Jugendtagen.

Hierin bestärkt mich ein gefeierter Schriftsteller der Gegenwart. Dieser behauptet, indem er das Leben armer Landleute im Zusammenhang mit den Verhältnissen ihrer dürftigen Dorfgemeinden beschreibt, auch das Leben und die Verhältnisse gewöhnlicher Dorfbewohner entbehrten nicht des Interessanten und seien beschreibenswert.

Zudem empfiehlt sich bei einer Häufung unzufriedener Klagen auf die schlechte Gegenwart ein Rückblick in die Vergangenheit, die von den spätern Verhältnissen in mancher Hinsicht stark absticht.

Die Häuser waren kleiner, in den Stockwerken niedriger, fast die Hälfte hatte Strohdächer, vereinzelte einen Schornstein. Auch die großen Bauernhäuser hatten nur eine Wohnstube, die ziemlich allgemein auch als Schlafgemach diente (Bucht oder Gardinenbett). Als einzelne Leute begannen, gesonderte Wohnhäuser zu bauen widersprachen die Älteren und prophezeiten schwere Nachteile daraus, wenn Mensch und Vieh nicht mehr unter demselben Dach wohnen würden.

In manchen Häusern wenig Bemittelter war die Wohnstube unbedielt, der Fußboden war aus Tonstampfung. Tapeten waren völlig unbekannt. In manchem kleinen Hause wohnten neben dem Eigentümer noch Mietsleute, häufig demnach 2 bis 3 Familien in einem Hause.

In den letzten 60 Jahren sind 18 Wohnstätten eingegangen, dagegen 36 Wohnstätten neu gegründet. Von den eingegangenen Wohnstätten waren 4 Eigentum von Tagelöhnern, während von den neu gegründeten 24 im Eigentum von Tagelöhnern oder kleinen Handwerkern sind. Bei abnehmen- der Bevölkerung hat also eine Vermehrung der Wohnstätten stattgefunden. Vornehmlich ist die ärmere Bevölkerung dadurch aus dem Mietverhältnis zu einem eigenen Heim gelangt.

Von den zugekommenen Wohnstätten entstanden 2 infolge Vergrößerung und Teilung des elterlichen Wohnhauses, 6 infolge Abzweigung resp. Teilung des elterlichen Grundvermögens.

Beim Passieren sämtlicher Türen mußten hohe Schwellen überschritten werden, weshalb man gewohnt war, die Beine aufzuheben. Somit konnte es kommen, daß Vaters Großknecht einst in dunkler Winternacht, nachdem er mit dem Zunder an der Stubenuhr nach der Zeit zum Dreschen gesehen und bei der Rückkehr die Stubentür verfehlte, in den nebenstehenden Kleiderschrank geriet. Dieser mochte wenig gefüllt sein.

Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, befand er sich in einer Falle, aus welcher nicht zu entkommen war. Die unversehene, allseitige und unerklärliche Einschließung in stockfinstrer Mitternacht mußte verwirrend und beängstigend auf ein schlafbefangenes Gemüt wirken. Im Schwachmute rief er dann auch laut nach Hilfe und Licht, da nach dem Durchschreiten der Stube er plötzlich festgemacht sei und weder vor- noch rückwärts könne. Mit Hilfe und Licht gelang es, ihn in dem ungeahnten Verließe zu finden und unbeschädigt daraus zu befreien.

Manches große Bauernhaus, damals alles Fachwerk, enthielt im 2. Stock ein Gelaß, welches an kriegerische Zeiten erinnerte. Es hatte die Größe eines Wandfachs und besaß weder Tür noch Fenster. Nur von oben herab, von der Balkenlage konnte man hineingelangen. Bei einer etwaigen Durchsuchung der größeren Räume durch Fremde war anzunehmen, es würde ihnen nicht zu Bewußtsein kommen, daß noch ein schmaler Zwischenraum vorhanden sei.

Somit konnten bei einem feindlichen Anzuge Gegenstände und Waren in ihn hinabgelassen werden. Dann wurden die eichenen Bohlen, die ehemals den Bodenbelag bildeten, wieder darüber gelegt, diese mit Heu und Stroh überbanst. Damit war das Geborgene vorerst feindlichen Blicken entzogen.

Ehemals kamen die Kriegsoperationen des Winters zum Stillstand. Im Frühjahr bargen die Böden nur noch geringe Erntevorräte. Somit stand das Versteck rechtzeitig zur Verfügung.

In der Bauernküche war ein kupferner Kessel eingemauert, der zum Kochen für die Schweine diente. Er führte den Namen "Brautopf", weil früher eine Art Bier zum Selbstgebrauch in ihm hergestellt war, das den Namen "Getränk" führte. Gerste zum Mälzen hatte man, auch Hopfen wuchs dazumal an den Hecken und Zäunen der Gärten in ziemlicher Menge. Der Hopfen diente später nur noch zum Einlegen von Käse.

Über dem Küchenherd hing am Arm eines drehbaren Baumes der Kesselhaken. Sägenartige Einschnitte an einer eisernen Stange ermöglichten die höhere oder niedrigere Stellung des Hakens, je nach der Höhe des anzuhängenden Kessels oder eisernen Henkeltopfes.

Eine bauliche Einrichtung, wonach vor der Stirn der breiten Hausdiele die Küche liegt, die zugleich Wohnraum ist, wie in manchen Gegenden Westfalens gebräuchlich, habe ich hier nur in einem Haus gekannt.

Gebäudeinschriften befanden sich an jedem Hause über dem Einfahrttor, an kleineren Häusern über der Eingangstür. Meist waren sie in vorstehender, sogenannter Reliefschrift ausgeführt. Zunächst waren die Namen der Baueheleute und das Baujahr angeggeben. Daran schlossen sich Wünsche und Sprüche religiösen Sinnes. Zuweilen war die Inschrift lateinisch und offenbar von dem zeitigen Pfarrherrn verfasst. Vereinzelt lief sie über die ganze Vorderfront, einmal um das ganze Haus.

In den Städten sind die Hausinschriften früher besonders ausgedehnt und reich gewesen, wie an einzelnen alten Gebäuden noch ersichtlich ist. So sah ich u. a. in der ehemaligen Kaiserresidenz Goslar am Harz an vielen Gebäuden früherer Jahrhunderte ausgedehnte Inschriften, alle religiösen Sinnes, manche in wechselnden reichen Farben.

Küchen- und Eßgeräte waren in den bessern Bauernhäusern für sonn- und festtäglichen Gebrauch aus Zinn. Ein reicher Vorrat zinnener Geräte,als Näpfe, Schüsseln, Teller, Kaffeekannen gehörte zur Mitgift der Braut und war der Bauernfrauen Stolz. Zinngießer italienischer Herkunft kamen von Warburg, Hofgeismar, Herstelle, um neue Waren abzusetzen und gebrauchte umzugießen.

Für den Alltagsgebrauch dagegen dienten irdene Geräte. Näpfe und Teller, inwendig glasiert, enthielten auf dem Grunde eine Blume oder einen Vogel, die Teller auf dem Rande ein Sprüchlein. Milchtöpfe und Milchfetten waren aus Ton, letztere später aus besseren Steingut. Kaffeekessel waren von Kupfer, Wasserkrüge von Steingut, Eimer von Holz.

Kleine Leute trugen das Mittagessen im irdenen Henkeltopfe - Bauern in hölzernen Gefäßen zu Felde. Eßlöffel aus Holz waren teils rund, andere flach. Im Hause wurde mittags mit dem flachen hölzernen Rundlöffel vom Teller gegessen, des abends mit dem langgestielten hölzernen Rundlöffel kurzer Hand aus dem Napf - im Felde desgleichen aus dem Lepen.

Inzwischen sind zinnerne und Tongeschirre außer Gebrauch gekommen und durch Porzellan ersetzt. Von Zinn behauptet sich der Eß- und Vorlegelöffel, von Steingut der Wasserkrug und Schmalztopf, von Holz der Feldlöffel und der große Küchenlöffel. Milchtöpfe, sowie Gefäße zum Austragen des Mittagessens, ferner Kaffeekessel, Kannen und Wassereimer sind jetzt aus Eisen, inwendig emailliert - teilweise auch auswendig.

Stubenuhren waren derzeit auf dem Lande nur in einzelnen größeren Bauernhäusern anzutreffen. Taschenuhren waren unbekannt. Alljährlich erschien ein fahrender Uhrmacher und unterzog die Stubenuhren einer Revision. Nebenbei berichtete er über bemerkenswerte Vorkommnisse aus der weiteren Umgebung und dem Universum. Diese Tätigkeit nahm auf der einzelnen Stelle in der Regel 24 Stunden in Anspruch und kostete eine Mark. - Nachdem die Stubenuhren später auf uns übergingen, sind sie 40 Jahre lang ohne Anrufung eines Uhrmachers im Gange erhalten und von kleineren Gebrechen geheilt worden.

Feuer und Licht beschaffte man auf folgende Weise: Einem Feuerstein wurde ein Stückchen Zündschwamm aufgelegt und dann mit dem Feuerstahl oder dem Rücken einer Taschenmesserklinge kräftig auf dem Feuerstein heruntergeschlagen. Dadurch entsprangen dem Feuerstein Funken. Sobald ein Funken an den Zündschwamm sprang, fing dieser an zu glimmen. Nun wurde dieser glimmende Schwamm mit bereitgehaltenen Flachsabfall (Werg oder Heede) umhüllt, dann kräftig hin- und hergeschwenkt, auch hineingeblasen, bis der Werg aufflammte. Feuerstein, Zündschwamm und Feuerstahl waren damals unentbehrliche Taschengeräte. Unter Umständen wurden auch die letzten Abendkohlen sorgfältig mit Asche umdeckt, vielleicht glimmte dann am nächsten Morgen noch die eine oder andere. Ferner holte man vom früher aufgestandenen Nachbarn eine Kohle, zu welchem Zweck in jeder Küche ein "Feuerscherf" (Scherbe vom Topf) vorhanden war.

Danach kamen Schwefelhölzchen. Hielt man eins an den glimmenden Zunder, so flammte es sofort. Das war ein Fortschritt, mit dem die Mühe des seitherigen Anschwenkens und Anblasens fortfiel, also müheloser und dazu auch schneller zu einer Flamme zu gelangen war. Bald nachher wurde dem Schwefel Phosphor zugemischt. Nun bedurfte es bloß des Streichens über eine trockene Fläche und die Flamme lebte. Feuerstein, Zündschwamm und Stahl wurden damit dauernd pensioniert.

Zur Stubenbeleuchtung diente ein handgroßes Kräuseln, in welchem ein baumwollener Docht in Oel lag. Dies Deckelkräuseln hing an dünner Kette vom Milchbrett herunter. Das Milchbrett zog sich längs der Hinterwand der Stube unter der niedrigen Decke entlang. Seinen Namen führte es davon, daß zu Ausgang des Winters die Milch auf ihn hingestellt wurde.

Bald kamen Stehlampen von ungefährer Höhe der gegenwärtigen Schirmlampen in Gebrauch, die auf den Tisch gestellt wurden.

Nach 1860 erschien das Petroleum und mit ihm die jetzige Schirmlampe. In den Städten leuchtet elektrisches Licht, vereinzelt auch in Nachbardörfern der Städte. Elektrische Kraft hat man zu Leistungen nutzbar gemacht, uns zunächst im benachbarten Liebenau zum Dreschen und Holzschneiden.

Fleischtage, an denen ein Stück Fleisch verabreicht wurde, waren der Sonntag, Dienstag und Donnerstag jeder Woche. Beim Mähen wurde indes täglich Fleisch verabreicht. In den Spülstein wurde aber damals kein Fleisch geworfen. Den Schluß des Abendessens bildete ein Butterbrot. Außer der Erntezeit wurde die Butter oftmals durch einen halben Handkäse ersetzt.

Zum Vesperbrot im Sommer auf dem Felde war ein halber Handkäse regelmäßiges Zubrot, auch im Erntemähen, wie ich als beteiligter Sichelknabe bestens weiß. Zuweilen war der Käse inwendig von Milben verzehrt.

In der Mähezeit oder an Fleischtagen wurde das Mittagsfleisch ganz oder teilweise zum Vesper aufgespart. In seiner Mischung war das Brot schmackhaft und geschmeidig.

Von Allerheiligen bis zum nächsten Frühjahr kam das Frühstück in Wegfall. Da in dieser Zeit der Dreschflegel Nacht für Nacht geschwungen wurde, von 1 bis 2 Uhr an, so pflegten die jungen Leute zu den minderzähligen Mahlzeiten einen sehr regsamen Appetit mitzubringen. Da gab es keine Kost, die nicht schmeckte.

Gegen Ausgang des Winters mußte nach beendetem Dreschen ein Vorrat von Häcksel mit der Hand geschnitten werden. Bei dieser schweren, nachts 3 Uhr beginnenden Arbeit und den längeren Tagen kam ein Frühstücksimbiß wieder schüchtern zu Ehren. Es erschien wieder etwas Branntwein, das Brot wurde in Salz und Oel getunkt, dem zuweilen noch etwas Zwiebel zugesetzt wurde. Das schmeckte vorzüglich - und murreten also nicht!

Des Winters hatte die Buttergewinnung völlig aufgehört. Einige Wochen fehlte es ziemlich regelmäßig an Milch. Der Cichorienkaffee mußte dann schwarz getrunken werden. - Und murreten nicht ! -

Ein Stellmachermeister erzählt mir aus seiner Gesellenzeit bei einem hiesigen Meister im Jahre 1854. Von seinem damaligen Meister kann ich aus eigener Kenntnis vorausschicken, daß er als alleiniger hiesiger Stellmacher viel Arbeit hatte, übermäßig fleißig und strebsam war, sich im Besitz von Grundstücken und in anständiger Wohlhabenheit befand.

Der Geselle erhielt beim Getreidemähen als einziges Zubrot für sich und die Magd für den Tag einen einzelnen Handkäse. Bei richtiger Teilung entfiel davon auf Frühstück und Vesper jedesmal a Person 1/4 Käse. Fleisch bekamen sie an Wochentagen nicht, nur an Sonntagen. Als einmal die Ackersleute Dünger ausfuhren an einem Abstinenztage, mußten ausnahmsweise Pfannkuchen gebacken werden. Gesell und Magd erhielten davon nichts obwohl sie an einem Tisch speisten. Ein Ackersmann (Gründer) gab seinen Pfannkuchenteil dem Gesellen mit den Worten: " Da, Junge, Du hast das meiste geleistet ( Dünger aufgeladen), nun sollst Du auch Pfannekuchen haben."

Als Lohn erhielt der Geselle wöchentlich eine Mark. Davon kaufte er sich etwas sogenannten Nechterkuchen, der damals im Kramladen feilgehalten wurde, weil sein jugendlicher Appetit bei der meisterlichen Beköstigung seine Rechnung nicht fand.

Zählten besagte Verhältnisse wahrscheinlich zu den schroffsten, so waren doch ähnliche Zustände damals keineswegs vereinzelt, sonst wäre es undenkbar, daß sich auf solchen Stellen Leute gehalten hätten. Und das taten sie, waren fleißig - und murreten nicht!

Unbemittelte Häusler, Tagelöhner, kleine Handwerker stachen niemals ein Schweinchen. Das konnte sich vereinzelt auf das eine oder andere zweispännige Bauernhaus ausdehnen. Ein Mann von meinem Alter wußte, daß in seinem Elternhause von nahe 70 Morgen guter Ackerfläche in einem Jahr mal das Schlachten unterblieben sei. Warum? Das Geld zum Ankauf junger Schweine habe nicht beschafft werden können! Heute klingt das märchenhaft. Welchen Lärm würde der Allergeringste erheben, wenn er sich derart eingeschränkt sähe? Jeder Tagelöhner schlachtet nicht nur alljährlich ein Schweinchen, sondern zwei, meist recht gute Schweine und mästet in der Regel noch ein oder mehrere Schweine zum Verkauf. Zudem soll der auswärtige Metzger im Spätsommer und Herbst aus diesen Kreisen eine lebhafte Kundschaft für frisches Fleisch und Würste haben.

Eine Bauerntochter gab der Nachbarin über ihr welkes Aussehen folgende Erklärung:

Das bißchen Schweineschmalz mußte diesen Frühjahr der erkrankten Kuh eingegeben werden. Die Bläß war güste geworden. Nur gut, daß sie gerettet wurde, aber kein Krümchen Butter konnte diesjährig gemacht werden. Die Schlachtschweine waren heuer etwas schlecht geblieben, daher reichte das Fleisch nur zum Fetten des Kochtopfes und zu einem Sonntagshäppchen. Somit mußte bei der ganzen sommerlichen Feld- und Erntearbeit stets trockenes Brot gekauet werden. Der Vater, der zuweilen murrte, mußte sich beschwichtigen lassen mit dem Vorhalt, daß er einen "hellen Drüppen" zugoß, während die Tochter auf "en bitten Spigge" zur Anfeuchtung beschränkt war.

Nun kaue mal einer den ganzen Sommer immer trocken Brot, dann werden die Kinnbacken müde, die Kehle rauh und lahm und es ist kein Wunder, welk und blaß zu werden.

Kommt Bläß nächsten Frühjahr wieder zu Milch für einige Butter, glänzt auch einiges Schweineschmalz im Grüppen, und gibt es dazu hin und wieder noch ein Krömmele Fleisch, so wird hoffentlich einige Glättung und Farbe wiederkehren. Diese Hoffnung fand Erfüllung, die nächste Frühlingssonne beschien wieder rund, rosenfarbene Bäcklein.

Solche Sparsamkeit war damals geboten, wenn die Habe zusammen bleiben sollte. - Mit gutem Gewissen darf man sagen, daß auf besagter Stelle jetzt Wohlhabenheit vollauf herrscht und eine ähnliche Einschränkung nicht mehr gut denkbar scheint.

Als Sonntagsspeise wurden ehemals regelmäßig Graupen und Kartoffeln durcheinander gekocht, später für die Herrschaft Graupensuppe. Kartoffeln wurden ausgeschöpft, um zum Fleisch gegessen zu werden. Sie waren völlig einwandfrei, wenn das Ausschöpfen zur rechten Zeit und unter Anwendung einiger Regeln geschah, welches nicht immer zutraf.

Schreiber ds. hielt möglichste Schmackhaftigkeit, sowie accurate und vollständige Servierung für Ehrensache, wenn er reihenmäßiger Sonntagskoch war. Erforderlichenfalls kamen kleine Hilfsmittel eigener Erfindung zur Anwendung. Hat etwa das Fleisch nicht genügend Knochen, so will die Speise weder weiß, noch seimig und schmackhaft werden.

Ein mäßiger Milchzusatz leistete dann vorzügliche Dienste. Das notwendige Gewürz ist Salz und seine zutreffende Verwendung eine unerläßliche Bedingung. Auch die Befriedigung der Augen verdient Berücksichtigung. Dem Knaben fiel einmal beim Einholen von Suppenkraut aus dem Garten das feingezackte Kraut der Speisewurzel vorteilhaft ins Auge. "Ei, wage mal einen Versuch!" Nachdem dieser mehrfaches Lob erntete, wurde das Geheimnis preisgegeben, welches zu allgemeinem Gaudium veranlaßte.

Den meisten Mägdeköchinnen, womit ich langjährig in Konkurrenz kam, glaubte ich über zu sein. Und sang Präfation, Pater noster und Ite missa est hinzu, in Sopran und Tenor, piano und fortissimo.

Einmal zupfte lüsterne Neugier mich auf ein unerlaubtes Feld. Das so häufig vernommene Lob eines Eierkuchens hatte die Versuchung gereift zu einer selbsteigenen Herstellung. - Nun zeigte sich aber, daß ich auf diesem Gebiete meine Küchenkenntnisse überschätzt hatte - der Back mißriet. Zum Überfluß heftete sich an das Mißlingen auch noch Verrat. Ein jüngerer, jetzt in Amerika seßhafter Bruder, der noch nicht kirchenpfichtig war, kam von einem Aussand zu früh zurückgesprungen. Staunend heftete er seine neugierigen, verlangenden Kinderaugen auf mein mißratenes Kunstprodukt und forschte nach seinem Namen. Ich band ihm Verschwiegenheit auf die Seele, die er umso unverbrüchlicher gelobte, als ich unter dieser Bedingung mit ihm teilte. Er hielt nun auch auf seine Weise getreulich Wort, indem er der aus der Kirche heimkehrenden Mutter schon auf der Straße entgegensprang mit der Versicherung: "Mutter, Clemens het aber kiene Pankoken backen, ganz gewiß nich." - - Wat ist dat, Junge? usw. - Weest et nau, Ignaz?

Das Oberkleid der männlichen Bevölkerung war der hellblaue Kittel der von den meisten auch an Sonntagen außer zum Kirchgang und zur Stadt getragen wurde. Zwei Sommerhosen, am obern und untern Saum zusammengenäht, bildeten eine Winterhose.

Knaben besser situierter Eltern erhielten im Alter von etwa 12 Jahren eine erstmalige Kopfbedeckung. Das war ein Ereignis, wenn mehrere Freunde an einem Sonntage in eigener Angelegenheit nach Warburg gingen. Mit der neuen Kappe auf dem Kopf waren wir nach unserm Dafürhalten in der menschlichen Gesellschaft gleich um mehr als Haupteslänge gestiegen.

Unsere Väter besaßen hohe, langhaarige Zylinderhüte, die sie nur an den höchsten Feiertagen trugen. Sie kamen bald aus der Mode. Hatten sie nun vorher auf den Häuptern unserer Väter zur Erweckung von Respekt gedient, so wurden sie später noch einem ähnlichen Zweck dienstbar gemacht. Sie sollten nämlich der Spatzensippe Respekt und Furcht einflößen, weshalb sie langjährig im frühlingsbestellten Garten auf einer Stange oder eines Strohmanns Haupt thronten.

Vereinzelt sahen wir auch noch den Dreispitz (Dreitimpenhut). Andere Hüte waren nicht bekannt.

Ältere Männer trugen im Sommer und Winter an Werktagen Strumpfmützen, grauwollene, weiche Mützen von Pyramidenform mit Doppelrand, deren Spitze mit einer Quaste endete. Sie waren lang, weshalb die obere Hälfte herabfiel und die Quaste neben dem Ohr hing. Bei ungestümen Wetter ließ sie sich leicht über die Ohren ziehen und widerstand wohltuend der größten Kälte und dem stärksten Sturm. Einige waren aus leichterer Baumwolle und weiß.

Im benachbarten Hessen waren zu unserer Knaben- und über die Jünglingszeit hinaus Strumpfmützen und weißleinene Schürzen bei den Männern fast allgemein. Schürzen dienten zur Schonung der Hosen.

Zum Knechtelohn gehörten Schürzenlieferungen wie Pfeffer zur Wurst.

Während hier Schürzen nur bei besonderen Arbeiten, z. B. beim Dreschen Binden etc. getragen wurden und nur Vereinzelte sie ständig trugen, umschürzte sich im Hessischen die Männerwelt auch beim Pflügen, Säen, fast immer.

Die Borgentreicher Bürger liebten es, sich gewohnheitsmäßig mit der weißen, baumwollenen Strumpfmütze und der geblümten Kattunjacke zu zieren, nachdem anderwärts längst andere Gebräuche Geltung hatten. Kniehosen waren bei alten Leuten noch viel gebräuchlich. Weitere weiße Wäsche, als der Hemdkragen, war auf dem Lande nur bei Einzelnen gebräuchlich.

Bei einem jungen Großbauer sprach einmal ein sicherer Häusler vor um eine zeitweilige Anleihe von 50 Talern. Hierüber Verwunderung bei dem Angesprochenen, daß man bei ihm, dem jungen Anfänger, überflüssig Bargeld vermuten könne. Nachdem der Häusler die Sachlage begriffen hatte, kleidete er seine Enttäuschung in folgende Worte: " Na hör mal, wenn du nicht mal 50 Taler verborgen kannst, dann braucht Du auch nicht alle Sonntage mit "Witt innen Busmen" aus der Twete zu kommen. "Witt innen Busmen" imponierte also vor 40 bis 50 Jahren wegen seiner Seltenheit. Heute tuns die allerduddelichsten Jüngelchen nicht anders, als mit Vorhemd, Stehkragen und Manschetten.

Unsere Väter würden staunen, wenn sie die Garderobe der gegenwärtigen Generation sähen und sich erinnerten, daß einige ihrer Altersgenossen in blauleinenen Hosen ihre Erstkommunion feierten.

In Schnitt und Farbe ist unsere Garderobe - im Gegensatz zur weiblichen - von denkbarster Einfachheit - aber in Stückzahl und Qualität?

Frauen und Mädchen trugen ihr selbstgesponnenes - früher auch selbstgewebtes - Linnen zum Färber, der es mit Blumen, Streifen, Ranken in blau, grün, weiß, rot oder braun bedruckte. Dann wurden Sonn- und Werktagskleider daraus gefertigt, die ihre rotwangigen Trägerinnen aufs vorteilhafteste kleideten. "Der Frauen ein gedrücket Kleid" notiert unser Meister.

Das Tragen von Hüten seitens der Weiblichkeit auf dem Lande war damals noch nicht erfunden. Pelze, Muffen, Litzen und Kinkerlitzen, die jetzt unter den Mägden und Schulkindern wuchern, wären erst recht unerhört gewesen.

Unsere Mütter bewahrten im Koffer ihre frühern Nebelkäppchen, kleine seidene Häubchen mit durchwirkten Goldfäden. Der Kleinheit entsprechend hatten sie nur aufs Haupt gestülpt werden können. Ein fremder Händler kaufte sie später alle auf, vielleicht der Goldfäden halber.

Inzwischen trugen die Frauen Mützen. Die Bessersituierten ließen ihre Sonntagsmützen alljährlich neu besetzen. Zu diesem Zweck erschien in jedem Frühjahr "Bändjoseip", ein mittelloser Sproß Israels aus Lütgeneder mit einer großen Schachtel voll Seidenbändern in mattfarbiger Blumenbemusterung. Diese ließ er vor den Augen der Frauen in wechselndem Lichteinfall glänzen und kitzelte ihr Herz mit der angenehmen Empfindung ihres vorteilhaftern Aussehens in neuen Mützenbändern.

Aus dem Hausstand des Gutshofsbesitzers trugen 3 bis 4 Personen Hüte ohne emporragende Bänder und Blumen. Den einzigen Kopfschmuck der Mädchen bildete ihr Haar. Gegenwärtig erscheint die versammelte weibliche Bevölkerung einschließlich der Schulmädchen unter einem Wald aufragender Hutbänder und Blumen von den grellsten Farben. Ein wachstumshemmender Reif wie er in der Natur häufig auftritt, überzieht ihn niemals.

Der Viehbestand überstieg in Pferden und Schafen die gegenwärtige Zahl; dagegen war die Haltung von Rindvieh und Schweinen geringer. Zur Arbeit wurden Kühe nur ganz vereinzelt eingespannt, etwa in 3 Häusern.

In den nächsten zwei Monaten nach Maria Lichtmeß wurden die Kühe frischmilchend, nachdem sie vom voraufgegangenen Maimonat an auf der Weide Bekanntschaft mit dem Bullen gemacht hatten.

Im Winter war es mit Viehfutter schwach bestellt. Die Kühe erhielten vom Herbst bis Nachwinter meist nur Getreidekaff, Stroh und Wasser. Gegen Annäherung des Melkwerdens kam einiges Grummet, Runkeln, die wenigen Oelkuchen, die beim Schlagen des eigenen Samens zu Gebrauchsöl gewonnen waren, hinzu. Der Zukauf von Kraftfutter war gänzlich unbekannt.

Bei einigen waren diese besseren Futtergaben recht gering. Das bezeugte der Umstand, daß in solchen Häusern das eine oder andere Stück Rindvieh sich gegen Ende des Winters nicht mehr allein aus liegender Lage zu erheben vermochte. In den ersten Tagen des Weideganges mußten dann einige Hausgenossen zugegen sein, um Hilfe leisten zu können, wenn solch ein kraftloses Tier sich aus einer Sumpfstelle allein nicht wieder heraushelfen konnte. Das junge Maiengras, Frühlingssonne und Luft halfen den entkräftesten bald wieder auf die Beine.

Als Beispiel ehemaliger Futterknapphheit wurde vom größten Bauerngut erzählt, einmal sei gegen Frühjahr der Schafdung ausgeschüttelt und der strohige Teil nach einiger Lüftung zu Häcksel geschnitten. Ein anderes Mal seien die Strohdocken unter den Dachziegeln hierzu verwendet. Sobald es angängig war, wurden den Pferden dann die Wiesen eingeräumt.

Da jenes Bauerngut sich zum jetzigen Gutshof ausgewachsen hat, wird es an genügender Aufsicht und Einteilung voraussichtlich nie gemangelt haben.

Auch der Esel war ehemals ein geschätztes und verbreitetes Haustier.

In Körbecke waren zwar nur ein oder zwei Exemplare heimisch. Zu hiesigen Handelsjuden kamen aber zuweilen ganze Karawanen mit Getreide beladenen Eseln, vornehmlich aus dem benachbarten Borgentreich, wo dies Lasttier in großer Zahl heimisch war. Wir Knaben bewunderten das kräftige Stimmorgan der edlen Grautiere. Bis über die Mitte des vergangenen Jahrhunderts sah ich in gebirgiger Gegend den Verkehr von Kundenmühlen durch eine Eselschar vermitteln. Mit Mehlsäcke beladen stiegen die Tiere unter dem Kommando des stockbewehrten Eseljungen in der Reihe steile und holprige Waldpfade hinauf zu benachbarten Dörfern. Korngefüllte Säcke trugen sie auf der Rückkehr zur Mühle hinab. In den Zwischenpausen lagen sie karger Nahrungssuche ob auf einer Rasenfläche um die Mühle. Hierbei zeigten sich die Tiere einiger Kurzweil und Belustigung nicht abhold.

An der Alster stehen noch Gebäudereste der ehemaligen "Eselsmühle" und der nahe Eselsberg diente den Eseln zur Nahrungssuche.

Das Spinnrad war ein angesehenes und viel benutztes Hausgerät. Auf dem Möbelwagen der Braut durfte es nicht fehlen. Es stand zuoberst gewissermaßen als Krönung des Ganzen.

Wo zwei Mägde waren, wechselten sie sich des Winters wochenweise darin ab, daß die eine das Vieh besorgen, die andere spinnen mußte. Die Spinnerin mußte ein gewisses Wochenquantum Garn schaffen. War sie geübt, so hatte sie es Samstag mittag oder nachmittag geschafft.

Die Spinnmädchen leisteten sich häufig in der Nachbarschaft oder in Bekanntenhäusern Gesellschaft ohne männliche Gefolgschaft.

Wenn bei Schneeflockenwirbel oder hinter eisblumigen Fenstern die Mädchen sich die Zeit unter lebhaften Räderschnurren durch Erzählung und Gesang kürzten und würzten, so war das ländliche Poesie.

Kommt nach strenger Winterperiode weicheres Wetter, so kommt am frühlingsheimelnden Tagen die Meise aus dem Tannendickicht in die Dörfer und läßt als allererste ihren Frühlingsgesang in öfterer Wiederholung von 2 oder 3 Tönen erschallen. Das kann schon im Januar zutreffen, sicherer und vermehrt aber im Februar und März. Da um diese Zeit das Spinnrad allerorts am eifrigsten im Betrieb war, bezogen die Landleute den Gesang der Meise auf das Spinnen und nannten den Sänger und seine Strophe "Spinnlüttik". In andern Gegenden, auch schon in unserer Nähe heißen Vogel und Sangweise "Spinndicke". Mit dem dünnern oder dickern Garnfaden scheint es zusammenzuhängen.

Gebrauch und Bedeutung des Spinnrades haben inzwischen sehr abgenommen.

Die Wege mit Steinen hart zu bauen, hatte man noch nicht versucht.

Auch die Kommunikationswege von einem Ort zum andern waren eingleisig, d.h. von der Breite einer Wagenspur, vielfach auf langen Strecken Hohlwege. Gelangte der Fuhrmann vor eine längere Strecke Hohlweg, worin kein Ausweichen möglich war, so forderte er mit Peitschengeknall ein Zeichen, ob sich bereits ein Fuhrwerk in besagter Strecke befinde; oder der zweite Mann mußte vorauslaufen, um zu besagter Information nachzusehen. Auf tieferen Stellen, wo sich Wasser sammelte, entstanden Löcher. - Die Feldwege waren sicher nicht besser.

Auf den grundlosen Dorfstraßen war bei schlechtem Wetter mittwegs schlecht gehen. Daher ging man nach Erzählungen der Älteren an den Gartenzäunen entlang, wo es etwas höher und trockener war.

Die schlechtesten Wegstrecken wurden zuweilen mit Holz ausgebessert, indem Knüppel an Knüppel gelegt wurde. Hierzu diente Erlenholz welches auf nassem Boden gedeiht. Hier befand sich ein Erlengehölz in dem Winkel, der einerseits vom Bruchgraben, anderseits von dem Weg nach Dinkelburg gebildet wurde. Im Winter hatte es nahegelegene Eisbahnen und lieferte das Holz für Knüppelstrecken, wovon ich noch einige kannte.

Es wurde erzählt, manchmal hätte man 40 Bund Roggen hinter 4 Pferden nicht nach Hause bringen können.

In einem nassen Herbst seien 7 Erntefuhren auf dem Bruch liegen geblieben und hätten erst bei eingetretenem Frost, vor Weihnachten, wieder flott gemacht werden können.

Der erste Wegebau mit Steinhärtung beginnt in Körbecke im Jahre 1819.

Eine Verordnung der fürstbischöflichen Regierung zu Paderborn vom Jahre 1777 ordnet die Verbesserung der Post- und Landstraßen an.

Hierzu werden sämtliche Gemeinden des Bistums spann- und handdienstpfichtig gemacht. Für unseren Kreis kommen folgende Strecken in Betracht:

Nr. 1 von Paderborn nach Warburg und Kassel; Nr. 5 der sogenannte Eisenweg über Warburg, Lütgeneder, Borgentreich, durch den Eichhagen nach Haarbrück und Beverungen; Nr. 13 der Hellweg von Warburg über Hohenwepel, Peckelsheim, Schweckhausen nach Brakel; Nr. 14 von Arolsen über Warburg und Germete, Peckelsheim, Niesen, Siddesen, Riesel, Bellersen. Es ist die Rede von Grand, Sand, Steinen und Holz als Ausbesserungsmaterial und von Gräbenanlegung zum Wasserabfluß.

Körbecke wird zur Dienstleistung an dem Weg Nr. 1 bestimmt.

Des Winters bei Schneelage und Frost kam zu Holz-, Getreide- und Steinfuhren, desgleichen im Spätwinter zuweilen zu Düngerfuhren der große Holzschlitten in Gebrauch. Dieser existiert hier nicht mehr.

Fruchtverkaufs- und Düngerfuhren gingen häufig 6-spännig, wenn nötig neben den Wegen über die Äcker. Schreiber ds. war zuweilen Reitknabe der beiden Spitzenpferde. Die schlechtesten Wegestellen wurden im Trab unter starkem Hallo und Geschrei genommen.

Jetzt macht man die Gespanne kleiner, 2- und 3-spännig.

Der Weizenhandel ging häufig zur Weser und weiter nach England. Dabei hatten unsere Väter oft, nachdem sie in Sumpfstellen festlagen, die Fruchtsäcke 2 bis 3 mal nach einer trockneren Stelle vorantragen und umladen müssen. Auf der Fahrt nach Herstelle und Karlshafen hatte es ihnen das nasse Lammert hinter Bühne gar häufig angetan. Dem mehrmaligen Vorantragen und Wiederaufladen, denen beschwerliche Fahrversuche voraufgegangen waren, trugen sie einen langen Haß nach, der durch den bessern Weizenpreis nicht getilgt war.

Zuweilen hatten sie auch an genannten Weserorten übernachten müssen . Ein wohlhabener Großbauer erzählte, im Übernachtungsfalle habe er sich abends für 7 Pfennig Bier geben lassen, von Hause mitgenommenes Brot hineingebrockt und dies von der Wirtsfrau warm stellen lassen. Das sei für ihn und seinen Großknecht ein Abendessen gewesen, womit sie ihren dicken Frieden gehabt hätten. Bei solch einem Abendessen vergaßen sie die Mühsal des Tages.

Über des Erzählers Gesicht glitt ein Strahl heiterer Nachempfindung bei der Rückerinnerung an den einstigen Wohlgeschmack.

Solch billige Nummer, a Person 3 1/2 Pfennig, würde man heute vergebens auf einer Speisekarte suchen.

Als später der Weizenhandel nach Kassel ging, wurde bei stärkerer Schneelage der Weg über Warburg genommen, weil die Erreichung der großen Heerstraße in Obermeiser über Liebenau unmöglich oder höchst unsicher war.

Es wurde über das Abtragen geklagt, welches zuweilen über teils enge teils steile Treppen ging.

Bei dem Zustand der ehemaligen Wege spielte die damalige Nässe eine Rolle. Nach allem, was darüber verlautete, herrschte ehemals mehr Nässe. Die Ernten verspäteten sich oft sehr. Es wurde erzählt, zuweilen habe man den Schnee von den Haferhaufen abkehren müssen. In gebirgiger Gegend seien die Leute nachts mit Laternen zu Felde gegangen, um das nasse Getreide umzuwenden. Am Tage hätte es dann wieder geregnet, bis das Getreide faul gewesen sei.

Gutspächter seien dieserhalb völlig verarmt.

In einem nassen Herbst vermochten ich und manche andere das Grummet nicht völlig einzuernten. - In spätern Gegenden winterte Getreide auf den Feldern ein.

Bei den schlechten Wegen war es ehedem nicht gebräuchlich, in der Saatzeit sich der schweren Wagen zu bedienen. Unseres Wissens noch wurden die Eggen auf einem besonderen Eggeschlitten, das Saatgut in Säcken auf die Pferde gelegt und so ging es zu Felde.

Inzwischen hat eine Klimaveränderung in der Richtung verminderter Niederschläge stattgefunden. Hierzu haben zweifellos die vielen Entsumpfungen das ihrige mit beigetragen, nachdem sie durch die Separationen eingeleitet waren.

Danach erfolgte eine frühere Aussaat, eine frühere Reife und Ernte. In einem Zeitraum von 30 Jahren der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fiel die Beendigung der Getreideernte 2mal in den Monat August, 23mal in den September, 5mal in den Oktober (auf dem Gute des Schreibers).

An das letzte Getreidefuder knüpfte sich die Feier des Erntehahnen. An einer kurzen Stange befestigten die Mägde einen Kranz von Grün und Blumen. Darüber thronte ein hölzerner Hahn. Diese wurden auf dem meist kleinen Fuder von der Magd hochgehalten. Die Pferde wurden mit Grün an den Zäumen besteckt. Die Kinder gingen in der Regel mit. Vor der Ausfahrt hatte der Knecht einen etwas reichlicheren Trunk erhalten oder mitbekommen. In gehobener Stimmung wurde nun auf dem Heimweg ein über das andere Mal gerufen: "Arnehahne he! Vivat hoch! Juhu!" Hieran nahmen die Kinder den Löwenanteil vorweg.

Zuweilen wurde im Dorf auch ein kleiner Umweg gemacht, damit die Sache weiter in die Erscheinung trete.

Zu Hause wartete dann eine bessere Abendbewirtung, wobei der Trunk nicht fehlte. Knechte und Tagelöhner erhielten - abgesehen von dem voraufgegangenen Branntwein - 2 , die weiblichen Personen und Kuhjunge je eine Flasche Bier. Zu meiner Knabenzeit ließ ein größeres Bauernhaus den Erntehahnen mit Musik durchs Dorf fahren.

Diese Sache ist in unserer Zeit leider sehr in Verfall gekommen.

Im persönlichen Verkehr mit der Stadt (Warburg) bestand wegen mangelhafter Wege der Brauch, zu gehen oder zu reiten. Die Frauen hatten mit der Stadt nur geringen Verkehr. Festkleider und Tücher hielten lange vor, Werktagskleider lieferte das eigene Linnen.

Als sich die Wege besserten und die Bedürfnisse wuchsen, steigerte sich auch der Verkehr mit der Stadt, an welchem nun auch die Frauen wegen Beschaffung neuer Kleidungsstücke und Haushaltsbedürfnisse fleißigen Anteil nahmen. Das Fahren mit dem Ackerwagen kam in Gebrauch.

Zur Stadtfahrt und zum Besuch auswärtiger Verwandter wurden zwischen die Leitern 2 Strohwische gelegt. Über diese kam ein häckselgefüllter Sack zu liegen als Sitz für 2 Personen. Somit bot der Wagen bequem Raum für 3 Sitze und 6 Personen, wenn Verwandte und Bekannte gemeinschaftlich fuhren, welches oft geschah.

Es mußte alles Notwendige in der Stadt eingekauft und abgenommen werden, während gegenwärtig die Kaufleute ihre Waren zum Überfluß in den Häusern offerieren und das Bestellte mit eigenem Fuhrwerk oder per Post ins Haus liefern.

Nach 1860 begannen Einzelne, sich einspännige Wagen zuzulegen. Als Aufsatz hatten sie einen grün gestrichenen Kasten und ein oder zwei Lehnsitze die in Lederriemen an den oberen Leiterbäumen hingen. Mit ihnen fuhr sein Besitzer im noblen Abstrich gegen die Düngerwagen.

Diese Einspänner fanden später Verbreitung bis in jedes zweispännige Bauernhaus.

Außer zu Reisefahrten dienten sie zur Ausfuhr von Saatfrucht und Eggen, zum Grünholen usw. und kamen am meisten in Tätigkeit.

Auf der weitern Etappe kamen Federwagen lediglich zu Personenfahrten in Gebrauch. Bis jetzt sind außer dem Gutshofe 17 Stück vorhanden.