Chronik des Dorfes Körbecke / Teil 2

Gemeindeschulden existieren von der Bruchmelioration ( Bodenverbesserung ) und den Schulbauten noch in Höhe von 43.000 Mark. Sie tilgen sich in den Jahren 1906 bis 1911.

Der Gemeindeetat schloß in einem normalen Jahr vor dem Kirchenbau ab in Einnahme mit rd. 24.630 M und in Ausgabe mit 21.600 M.

Die Einnahmen setzten sich wie folgt zusammen:

Aus Steuern mit 3.027Mark
aus Grundvermögen mit 11.552"
aus Zinsen mit 240"
aus Insgemein mit 5.915"
Summe 20.734Mark

Hierzu sind wahrscheinlich ca. 4000 M Bestand aus dem Vorjahre vorgetragen.

Gemeindeetat aus dem Jahr 1903, also nach dem Kirchenbau:

Einnahme: 27.430 M - Ausgabe: 25.290 M.

Die Einnahme aus dem Grundvermögen bezifferte sich auf 13.096 M.

Die Einnahme aus den Steuern bezifferte sich auf 6.251 M.

Für Verzinsung und Amortisation sind 8905 M in Ausgabe gestellt. Die Verzinsung und Amortisation der Schulden von der Bruchmelioration und den Schulbauten beträgt 3580 Mark.

Zu dem Kirchenbau ist eine Anleihe von 106.000 Mark aufgenommen. Die Rechnung des Unternehmers enthält noch eine Forderung von 4000 M, die wegen eines noch nicht erbrachten Nachweises noch nicht beglichen sind. Wenn jene Restsumme in der Verzinsungs- und Amortisationsausgabe ad. 5325 M auf 106.000 M berechnet wird, so ergeben sich 5 %. Dem würde eine Tilgungsdauer von 41 Jahren entsprechen.

Gewicht der Fuhren zum Kirchenbau. Bei trockenen Wegen wurden für 2 Arbeitspferde 2 Kubikmeter Kalkbruchsteine, 50 und mehr Zentner Sand, Kalk, Zementsteine, alles von Liebenau gefahren. Für 3 und 4 Pferde entsprechend mehr.

Gardemänner hat Körbecke immer in überreichem Prozentsatz gestellt. Ich zähle mehr denn 40 mir bekannte Eingeborene, die bei einem preussischen Garderegiment gestanden haben, davon 5 beim Ersten Garderegiment z. F. - 2 beim Regiment Garde du Corps. Namen kehren wieder: Bremer 8mal, Jürgens 7mal, Witkop 4mal, Gründer 3mal. Die Zahl derer, die mit einem reichlichen Gardegrößenmaß bei Linienregimentern standen oder dienstfrei blieben, ist noch größer.

Wenngleich auch die Kleinen nicht fehlen, so ist doch eine Reckenhaftigkeit unverkennbar, welche von der Umgegend - auch in der prozentualen Gestellung von Gardemännern - nicht leicht erreicht werden wird. Unsere Nachbarstadt Borgentreich mag hinsichtlich gestellter Gardemänner zu Körbecke etwa im Verhältnis 1 zu 15 stehen. Einmal konnten hier 4 Gardesoldaten zugleich auf Urlaub kommen und ein fünfter blieb noch zurück.

Gewitter und Blitzschläge. Am 14. August 1856, abends, verursachte ein Hagelschlag die größte materielle Einzelschädigung des abgelaufenen Jahrhunderts für Körbecke und viele andere Gemeinden. Das schreckliche Unwetter erfüllte die Gemüter mit Entsetzen. Sämtliche Hasen und viele Vögel waren erschlagen, auch einige Schafe. Starke Bohnen waren derart in Grund und Boden geschlagen, daß nur einzelne Stengelreste an der Oberfläche sichtbar blieben und Nichtwissende das Land für unbestellten Acker hätten halten können. Das schlechte Brot aus dem beschädigten Roggen blieb jahrelang in klagender Erinnerung. Es war nämlich eine Späternte und dem Hagelschlag folgte eine wochenlange Regenzeit.

Hiernach wendete man sich nach und nach der bisher unbekannten Hagelversicherung zu.

Die Schädigung besagten Gewitters hatte schon im Sauerland begonnen, eine überaus schreckliche Zerstörungsgewalt aber entfaltete es auf der Linie Ossendorf-Körbecke. Seitdem sind noch manche Hagelwetter aufgetreten, keines aber mit solch elementarer Vernichtumgsgewalt. Durch Versicherungen verlieren die Schadengewitter an dem früheren Schrecken.

1879, am 24. Mai brachte ein schweres Gewitter das stärkste uns bekannte Hochwasser und schädigte abhängende Felder stark durch Bodenwegführung. Auf vielen Stellen lag die nackte Felsunterlage bloß. Das Wasser drang in viele Häuser, das Bachtal glich einem See.

Der hiesige Ackersmann Joseph Menne vg. Happen, wurde samt seinen beiden Pferden auf dem Lammert hinter Bühne vom Blitz erschlagen, als er sich mit seiner Holzfuhre auf dem Heimweg befand. Der Verunglückte war etwa 34 Jahre alt, Familienvater und einziger Sohn seiner hochbetagten Eltern.

Von einem durch Blitz verursachten Brand haben unsere Eltern uns nichts erzählt. Es schien ihnen weder aus Erfahrung noch Tradition davon etwas bekannt zu sein. In neuer Zeit jedoch zündete der Blitz hier:

1886, am 3. Juni - Christi Himmelfahrt - in der Morgenfrühe ein 16-jähriges Wohnhaus, unter dessen Dach leicht brennbares Material nicht gelagert wurde. Der Brand konnte daher gemächlich mit einem Eimer Wasser gelöscht werden.

1890, am 13. Mai, nachmittags, ein Wohnhaus, von welchem das Dachwerk abbrannte. Das große Bauernhaus gehörte einer Witwe und war 26 Jahre alt.

1895, am 10. Juni, nachmittags, ein ebenfalls einer Witwe gehören- des Bauernhaus, welches total niederbrannte. Ein Teil des Hauses war neu, der andere noch nicht alt und besonders solid.

1895, am 26. Juli, abends ein Bauernhaus, welches nebst Schule und 5 anderen Wohnhäusern total niederbrannte. Das blitzgetroffene Haus war 3 Jahre alt.

1897, am 5. Juni, am Nachmittage vor dem Pfingstfeste, ein Viehhaus, das bis auf die massiven Umfassungsmauern völlig niederbrannte. Das Gebäude war 27 Jahre alt.

Alle betroffenen Gebäude waren größere Häuser von Landwirten und keines konnte auch nicht halbwegs zu den alten Gebäuden gezählt werden.

Wenngleich in unserer westfälischen Nachbarschaft der Blitz in neuerer Zeit auch rundum zündete, so blieb das an jeder Stelle vorerst doch mehr vereinzelt. Für den Grund der Häufigkeit in Körbecke im obigen Zeitraum fehlt jede halbwegs stichhaltige Erklärung.

Hiernach hat man vereinzelt begonnen, sich durch Aufstellen von Blitzableitern zu schützen.

Den zündenden Blitzschlag begleitet ein heftiger Knall, und die betroffenen Gebäude, die Brennstoff unter dem Dach bergen, flammten nach dem Schlag sofort auf. Die Gemeinde besitzt 3 Feuerspritzen - etwas viel für ein Dorf.

1887, am 26. Januar trug der unverehelichte Ignaz Dierkes spätnachmittags 2 Ferkel in einem Sack von Ostheim gen Körbecke. Nach 5 Uhr gegen Abend war er gesehen worden, daß er oben den sogenannten Ostheimerweg erreichte. Unten in diesem Weg muß er aus einem Grunde rechts abgeirrt sein. Nachdem der Abend ihn erreicht hatte, blieb er auf Kneppers Plane - in der Mulde von Kneppers früherer Meerwiese - liegen und erfror, etwa 100 Schritte von der Chaussee Körbecke - Lamerden entfernt. Es war ruhiges, schneefreies Wetter bei etwa 2 - 3 Grad Kälte. Der Verunglückte war ein harmloser, nüchterner Mann von 47 Jahren und hatte die Feldzüge von 1864 - 1866 und 1870/71 mitgemacht. Er war schwächlich, welches der Lebenshaltung entsprechen mußte.

Etwa 40 Jahre früher blieb ein Einwohner von Ostheim auf dem Gang von Borgentreich am 1. Februar bei ziemlicher Schneelage und gelindem Frost kaum 5 Minuten von Körbecke entfernt liegen und erfror. Sein Rufen am Spätabend war mehrfach vernommen, aber nicht als Notruf erkannt worden.

Westfalens berühmtester Oberpräsident, Freiherr von Vincke, der im Volksmund fortlebte als der "alte Vincke" war auf seinen Informationsreisen nach 1840 einmal in Körbecke. Von Bühne kommend ging er unter Vorantritt der älteren Schulkinder an der Seite des Gutsbesitzers Derenthal nach dessen Wohnung, wo ihm von der Schützenkompanie der militärische Ehrensalut gebracht wurde. Sein Oberkleid war der damals auf dem Lande gebräuchliche Kittel von Bielefelder Leinen, etwas verschossen. Als Kopfbedeckung diente die ehemalige steife und breitdeckelige preussische Landwehrmütze. Unsere Kinderaugen gaben ihm unbedenklich das Prädikat " alt ". Der Nichtinformierte würde in ihm keinen hohen Herrn oder gar Oberpräsidenten vermutet haben.

Der Bischof von Paderborn, Dr. Konrad Martin, war am 30. April 1867 auf einer Firm- und Visitationsreise in Körbecke.

Ehemaliges Pfarrhaus war das Haus Nr. 116, nahe der Kirche. Auf Betreiben des Pfarrers Finkelnburg wurde es im Jahre 1829 gegen das jetzige Pfarrhaus umgetauscht. Das gegenwärtige Pfarrhaus hieß ehemals "Actuarius-Haus". Der letzte in ihm wohnende Actuar hieß Stubbe. Er übte Gerichtsbarkeit und besaß urkundlich eine halbe Schaftrift, hatte demnach auch Landwirtschaftsbetrieb. Ein Sohn von ihm, Gerichtsrat Stubbe in Paderborn, geboren zu Körbecke im Jahre 1774, gab in einem Schafhudeprozeß nach 1840 gerichtliches Zeugnis über seine Erinnerungen aus der Knabenzeit oder wenn er als Gynmasiast und Student seine Ferien im Elternhaus verbrachte.

Aus einem Notizbuch des Jahres 1818:

Der kleinen Tochter gemacht ein Kleid = 8; dem Manne eine Hose = 3; Johannes ein Linnen Stoffel = 6; der Frau ein gedrücktes Kleid = 6; der Frauen ein Wandrump = 3; Johannes ein Paar Kamaschen = 5; Theresen ein Rump und Rock = 6; Justine ein Rump = 2; Bärenhardus ein Linnen Stoffel, auch eine Linnen Hose - eine andere Hose geflicket - zuhaube = 2; der Frauen am Brustwammese geflicket = 2. ( Die Ziffern bedeuten wahrscheinlich Mariengroschen, deren 12 unseren gegenwärtigen Mark entsprechen). - Nachdem unser Meister seinen Kundenkreis, Männlein und Weiblein, mit Stöffels, Rümpen, Brustwämmesen pp. genügend versorgt wußte, ergriff er zu gegebener Zeit die Sense und nach seinen Aufzeichnungen ist es Gras, Grummet, Roggen und Weizen, Elsbeseth und Saat, welches der allseits Tapfere mit kräftigen Sensenhieben schonungslos niedermähte.

Fundstücke: 1. In den 1860er Jahren fand ein Grundstückseigentümer auf dem vorderen Goder, zunächst westlich dem Separationswege Nr. 59 einen goldenen Armring, in welchem ein Siegelring hing. Ein unternehmender hiesiger Handelsmann bot ihm dafür 10 Silbergroschen. - Kenner haben den Ring altrömischen Ursprungs zugesprochen. Schreiber ds. berechnete seinen Wert unter Voraussetzung des Goldbestandes im Vergleich mit Goldmünzen auf 134 Taler. Durch Vermittlung des Gutsbesitzers Versen, hier, und weiter des Professors Giefers in Paderborn ging der Fund in den Besitz des Altertumsmuseums zu Berlin. Der Goldwert wurde auf 136 Taler - der Altertumswert auf 100 Taler - geschätzt und dem vermögensschwachen Finder ausgezahlt - gleich 708 Mark.

2. Im Jahre 1880 fand Schreiber ds. auf seinem Grundstück auf dem vorderen Goder, östlich neben dem Separationsweg Nr. 59 - also unweit der Fundstelle Nr. 1 - eine Steinwaffe ( Steinaxt oder Steinhammer), 2 1/2 Pfund schwer. Auf einer Versammlung des Westfälischen Altertumsvereins in Warburg hatte ich ihn ausgestellt. Sein Alter wurde geschätzt in die Übergangsperiode der älteren in neueren Steinzeit. Damit kommen wir in graueste Vorzeit, die sich nicht ziffermäßig bestimmen läßt. Auch waren an der Vervollkommnung von Geräten nicht allein Zeitentfernungen, sondern auch räumliche Entfernungen und Kulturschritte beteiligt. Letztere machen sich noch heute stark bemerkbar Jahrtausende nach der Steinzeit. - Die Steinart meines Fundes wurde als Serpentin bezeichnet , der in Schlesien, Sachsen und der Rheinprovinz vorkommt.

Dem Ansinnen auf Abgabe des Steines mochte ich nicht entsprechen.

3. Beim Abbruch eines alten Backhause ist eimmal einiges Geld im Schutt gefunden, etwa 40 größere Silbermünzen, die wahrscheinlich in früheren Kriegszeiten dort versteckt und nicht wieder aufgenommen waren.

Erratische Steine, gelb, mit abgerundeten Flächen, sehr hart und schwer, befanden sich auch in hiesigen, höher gelegenen Feldern - nicht so groß und zahlreich wie in manchen Gegenden. Nach Ansicht der Naturkundigen wurden sie in ihrer norwegischen Heimat durch niedergehende Gletscher aus den Gebirgen gebrochen und dann in schwimmenden Eisbergen südwärts geführt in einer Vorzeit, als ein großer Teil des mitteleuropäischen Festlandes eine Meeresfläche war.

Eine Rieseneiche stand im Reinhardswalde zwischen Hümme und Beberbeck, die unter dem Namen "der dicke Förster" bekannt war. Am 4. April 1893 habe ich ihren Umfang gemessen. Sie hatte alle Äste verloren und besaß nur noch Stümpfe, die indes noch grünten. Aber nicht lange mehr; denn Zerstörungssüchtige hatten schon einige Male Reisig in den hohlen Stamm gelegt und angezündet. 4 Fuß über der Erde gemessen hatte der Stamm einen Umfang von 9,2o Meter, welches einen Durchmesser von 2,93 Meter entspricht. - Dieser Durchmesser entspricht der Höhe eines Zimmers. - Eine zutreffende Vorstellung gewinnt man, wenn man in einem geräumigen Zimmer oder Flur einen entsprechenden Kreis zeichnet. Zu diesem Zweck wird ein Nagel in den Fußboden geschlagen, hieran ein Stück Bindfaden befestigt, an diesem in der Länge des halben Durchmessers = 1,46 1/2 Meter ein Stück Kreide mit der Hand festgehalten und nun ein Kreis beschrieben. Der Augenschein lohnt sich.

Unser Bruch, früher eine sumpfige Weide für Kühe, Fohlen, Pferde und Gänse von 400 Morgen, nach der Separation noch ca. 345 Morgen, wurde in den Jahren 1879 bis 1882 mit einem Kostenaufwand von ca. 32.000 M entsumpft. Der Weidegang hatte inzwischen bis auf eine Gänseweide aufgehört. Seitdem brachte es als Acker und Wiese gute Erträge und der Gemeinde beträchtliche Einnahmen. Seit der Vollnutzung im Jahre 1884 bis einschließlich 1903, also in 20 Jahren brachte es 162.000 M.

Ohne diese Einnahmen hätte der Kirchenbau noch hinausgeschoben werden müssen weil ohnedem noch Gemeindeschulden vorhanden sind. Auch ein späterer Kirchenbau würde ohne diese Einnahmeverbesserung langzeitig erheblich höhere Gemeindesteuern erfordert haben, wie unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Die Bruchmelioration hat sich als sehr vorteilhaft erwiesen, nachdem sie vorher viel bekämpft und angefeindet war, wie das fast jeder Neuerung passiert.

In letzter Zeit scheinen übrigens die Ernteerträge auf mehreren Stellen des Bruches leider zurückzugehen, welches sich auch in den nächsten Pachtgeboten bemerkbar machen wird. In den flachen Sumpfstellen mangelte es in dem nassen Anfangsjahr 1879 bei der Drainage an einer soliden Grabensohle und nun funktioniert die Drainage nicht mehr richtig.

Der Kiebitz, der in den ehemaligen Bruchsümpfen scharenweise unser alljährlicher Sommergast war, kehrte fortan in unsere, ihm unwohnlich gewordenen Gefilde nicht wieder zurück.

Der General Wilhelm Heinrich Gottlieb von Rudorf war ein Kind unserer Gemeinde. Er wurde geboren am 10. April 1741 auf dem Amthofe, wo sein Vater als nichtadeliger Beamter wohnte. Er widmete sich der Militärlaufbahn, stieg zum General auf, wurde geadelt und starb zu Berlin am 19. November 1832, fast 92 Jahre alt.

2 Söhne unserer Gemeinde hatten sich im 18. Jahrhundert dem geistlichen Beruf gewidmet und waren in den Ordensstand getreten. Beide wurden im Laufe der Zeit an die Spitze ihrer Niederlassungen gestellt. Bernhard Göken war Prior zu Kloster Granhof am Harz - Friedrich Beßen Prior zu Kloster Hamersleben in der jetzigen Provinz Sachsen.

An einem Augustsonntag des Jahres 1856 wurde der Theologieprofessor an der Universität Bonn, Dr. Konrad Martin zum Bischof von Paderborn geweiht. Um auch mal einer städtischen Feier anzuwohnen, begab sich Schreiber ds. morgens früh von Alme zu Fuß auf den Weg nach Paderborn. Mit der steigenden Sonne wurde es recht heiß. Bei der Konsekration war ich im Dom anwesend, konnte aber wegen der Menschenmenge wenig wahrnehmen. Eimmal bekam ich den Konsekrator, Kardinal Johannes von Geissel, Erzbischof von Köln und den Neugeweihten zu Gesicht. Nachdem nachmittags die allseits beflaggte Stadt besichtigt war, gings am Spätnachmittag zu Fuß wieder zurück.

Die Karten sollen in der Luftlinie eine Entfernung von 31 Kilometer zeigen. Da die Wege aber nicht der Luftlinie folgen, sondern in Anpassung an das wechselvolle Gelände hin und her, über Höhen und durch Täler führen, auch möglichst Ortschaften anlaufen, so greift man mit 35 bis 36 Kilometer vielleicht noch zu niedrig.

Lütkenbühne heißt ein Feld unserer Gemarkung, ein Grundstück desselben "Der Kirchhof". Es sind schwarzgebrannte Herdsteine, eimmal auch eine Schelle dort gefunden worden. - Mit Sicherheit konnte angenommen werden, von einem vormaligen Dorf daselbst sei der Name übrig geblieben. Nach den vielen ehemaligen kriegerischen Verwüstungen, in denen Seuchen die Bevölkerung wegrafften, mochte sich in manchen Fällen der verbliebene Bevölkerungsrest zu einem selbständigen Gemeinwesen zu schwach fühlen und daher zu einer ebenfalls geschwächten Nachbargemeinde übersiedeln. Auf diese Weise mochte eine Verschmelzung von Lütkenbühne mit Körbecke stattgefunden haben, worüber hier nichts Näheres mehr bekannt war.

Als ich im März 1904 in der "Warburger Warte" einiges aus der Vergangenheit von Körbecke veröffentlichte und Lütkenbühne erwähnte, wurde darüber folgendes geantwortet:

Die Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Westfalens enthalte in Band 44, Seite 166 nachstehendes:

Nach einer Urkunde des ehemaligen Klosters Hardehausen aus dem Jahre 1559 habe Hardehausen in Lütkenbühne eine Villa besessen. Auf Bitten des Abts Martin habe Bischof Rembert von Paderborn die verwüstete Kirche zu Lütkenbühne und die Kapelle zu Emmerke bei Borgentreich der Pfarrkirche zu Scherfede einverleibt.

In einer mir abschriftlich mitgeteilten Urkunde Nr. 365 des Warburger Stadtarchivs vom 15. Mai 1493 werden Grundstücke des nähern damit bezeichnet, daß sie "an des Kerkheren van lutthingen bune lande" liegen und die Johann Tollen, Priester to Borgentrike, pachtweise unter habe.

Hierzu wäre zu bemerken: Nach mittelalterlichem Sprachgebrauch wird im vorstehenden Fall die Benennung "Villa" als Pfarrgut gedeutet werden müssen.

Die Pfarrei Scherfede unterstand vormals ebenfalls dem Kloster Hardehausen. Die Einverleibung der verwüsteten Kirche zu Lütkenbühne in die Pfarrkirche zu Scherfede sollte offenbar bezwecken, dem Kloster Hardehausen die kirchlichen Einkünfte von Lütkenbühne zu erhalten. Unsere Väter waren auch in der Tat dem Kloster Hardehausen heuerpfichtig, wie Tradition und Urkunde besagen.

Nach der gegenwärtigen Rechtsanschauung hätten die kirchlichen Einkünfte von Lütkenbühne, die zweifelsohne von den dortigen Eingesessenen für die Verrichtung kirchlicher Funktionen gestiftet waren an die Eingesessenen zurückfallen müssen, wenn genannte Funktionen sich nicht mehr erfüllen ließen, oder sie mußten der Pfarrkirche einverleibt werden, welcher die verbliebenen Einwohner sich anschlossen.

Aus Urkunden und Aufzeichnungen, soweit sie dem Unterzeichneten zu Gesicht kamen, sei noch folgendes wiedergegeben:

Im Jahre 1698, Sonntag, den 16. März, fielen einer Feuersbrunst 5o Häuser zum Opfer.

Im Jahre 1699 sei große Teuerung gewesen, der jedenfalls eine Mißernte vorausgegangen war.

Im Jahre 1701, am 18. Juni, ist ein großer Hagelschlag gewesen der 1/4 Stunde gedauert hat.

Im selben Jahr 1701 ist auf St. Laurentius "erschrecklicher Hagelschlag gewesen, daß das Stroh auf vielen Ländern nicht mal mit der Grassense hat gemäht werden können".

Der damalige Pfarrherr wendet sich an seinen Bischof und Landesherrn "aus höchster Not mit der flehendlichen Vorstellung", es fehle ihm am Notwendigsten zum Leben. Deshalb möge der Landesherr gnädigst gestatten, daß er eine Anleihe aufnehmen dürfe, unter der Bestimmung, daß die Schuld auf seinen Nachfolger im Amt überzugehen habe für den Fall, daß ihm selbst die Rückzahlung wegen etwaigen Ablebens unmöglich werden solle. Andernfalls werde er keinen Creditor finden. Des weiteren sei es unmöglich, aus der Gemeinde die gewöhnlichen Kircheneinnahmen, geschweige denn Mittel zur Erneuerung der hagelzerstörten Kirchenfenster und zum Ersatz einer gestohlenen Monstranz herbeizuschaffen.

Die Gemeinde sei durch einen, schier niemals gehörten, entsetzlichen Hagelschlag ruiniert, habe innerhalb 5 Jahren außer dem Kirchendiebstahl 5 schwere Plagen erlitten, nämlich eine große Feuersbrunst, 3maligen Hagelschlag, eine ihr von höchstfürstlicher Kanzlei auferlegte Geldstrafe von über 800 Talern - welch letzteres die Gemüter stark errege - und sei durch einen "erbarmungswürdigen Zustand auf den höchsten Gipfel der Armseligkeiten gestiegen, weshalb man sich ihrer erbarmen möge".

Was die Gemeinde in ihrem erbarmungswürdigen Zustand und in ihrer materiellen Bedrängnis, die schon von der großen Feuersbrunst datierte, verbrochen haben mochte, daß ihr eine Strafe von solcher Höhe auferlegt wurde, dafür fehlt es an jeder Vermutung.

Konnte hochfürstliche Kanzlei ohne richterliches Zutun solche Strafen auflegen, so war das ein gangbares Mittel, einer Ebbe in höchstfürstlicher Kanzleikasse aufzuhelfen. Auf diese "flehendliche aus höchster Not angetriebene Vorstellung" wird gnädigst gestattet, daß Pfarrer und Templirer die notwendigen Gelder aufnehmen dürfen. Zugleich wird verfügt und Creditoren angewiesen, den gegenwärtigen Zustand in mitleidige Erwägung zu ziehen und bis zum Eintritt besserer Zeiten in Geduld zu stehen.

Für unsern gegenwärtigen Vorstellungskreis ist eine solche Verfügung völlig unbrauchbar. Damals mag sie vielleicht einige Wirkung gehabt haben.

Nach dem Brand im Jahre 1698 waren als greifbare Hilfe zum Wiederaufbau des mitabgebrannten Pfarrhauses 4 Stck. Eichen aus dem landesherrlichen Forst Stubbig, der zwischen Lütgeneder, Großeneder und Eissen lag, unentgeltlich angewiesen worden.

Wahrscheinlich bestanden damals weder Feuer- noch Hagelversicherungen. Welche persönlichen Anstrengungen und Entbehrungen mußten unsere Vorväter doch einsetzen, welche Herzensstärke mußten sie besitzen, um einigen Mut zu bewahren zur Aufarbeitung aus solchen "erschrecklichen Unglücksstreichen", wie sie es mit Recht nennen. - Wie langsam mochte sich ein Emporringen ohne jegliche Unterstützung nach solch tiefem Niederdruck vollziehen! -

Eine Schatzrechnungstabelle aus dem Jahre 1798 besagt, daß in 11 1/2 Schatzungen jährlich 541 Taler einkommen sollen. Das war die damalige Staatssteuer.

Der Schatzeinnehmer - einer von des Schreibers Vorfahren - erhielt vom Hundert 1 Taler 12 Mariengroschen Hebegebühren, somit jährlich 7 Taler 12 Mariengroschen. Die Ablieferung dieses Schatzes an den Ehrenschatzeinnehmer Gleseker in Paderborn ist 8mal im Jahr in Rechnung gestellt mit je 24 Mariengroschen. Von Mariengroschen gingen 36 auf einen Taler. Demnach wurde jedes Hintragen nach unserm jetzigen Gelde mit 2 Mark berechnet. Hin und Rückweg nahmen 2 volle Tage in Anspruch, also mußte jedesmal in Paderborn übernachtet werden. Für das Hintragen einer Geldsumme 10 Wegestunden damaliger schlechter Wege, für Rückweg, Übernachtung und Zehrung zusammen 2 Mark. Da mußte die Zehrung in äußerst knappen Schranken gehalten werden, wenn keine Überflügelung der zwei Mark stattfinden sollte.

Frühere Grundstückspreise und Bewertungen. Im 30-jährigen Kriege (1639) hatte der Vorsteher von Körbecke für 3 Eingesessene, die "verwüstet, veräschert, verarmt, verdorben waren", Kriegskontribution in Höhe von etwas über 29 Taler auslegen müssen. Zu 5 % waren davon etwa 1 1/2 Taler Zins zu entrichten gewesen. Nach damaligem Brauch wurden an Zinsesstatt 2 Morgen Land zur Nutznießung übergeben, die sicher nicht schlecht waren.

Im Jahre 1653 ging die hiesige Mühle mit Zubehör, als Garten, Wiese- wachs Ländereien, so in einem Zirkel und lebendiger Hecke um die Mühle herumliegen - sogenannte Mühlenbreede , zusammen 8 1/2 Morgen enthaltend - von einer Witwe Vettens auf eine Witwe Hagemann käuflich über für 425 Taler, 1 Malter Roggen und 40 Bund Stroh.

Im Jahre 1894 wurden von dieser Mühlenbreede 1 1/2 Morgen verkauft zu einem Bauplatz für 1150 Taler, gleich 3450 Mark.

Der Amthof - Wohnhaus, Scheune kleines Nebenhaus und 110 Morgen Grundstücke - wurde seinerzeit von meinem Urgroßvater freihändig für 1000 Taler gekauft und einem seiner Söhne vererbt. Der Kaufpreis war in 1o zinsfreien Jahresraten zu zahlen. Demselben Urgroßvater wurde das Gut Dinkelburg, zu welchem damals 300 Morgen, die im Borgentreicher Felde liegen ( und in den 1860er Jahren für 7o Taler pro Morgen zugekauft sind ) noch nicht gehörten, für jährlich 300 Taler in Erbpacht angeboten. Das mochte er aber nicht riskieren.

Mit einer Handvoll Silber und etwas Unternehmungsgeist hätte sich damals leichtlich ein Vermögen erwerben lassen.

Im Jahre 1725 hatte ein Einwohner Menne das Meiergut Freienhagen in Waldeck auf 6 Jahre gepachtet. Zum Antritt der Pacht bedurfte er einigen Geldes, weshalb er vom Küster Haverkamp 240 Taler entlieh.

Zu 5 % würde das 12 Taler Zins betragen. Stattdessen erhielt der Darleiher folgende Gegenstände zur Benutzung: Ein Wohnhaus mit Nebenhaus und Garten auf der Lieht samt allen vorhandenen Mobilien und Immobilien lt. lnventarverzeichnis. Ferner 7 Morgen Grundstücke und 2 außerhalb liegende Gärten. Hiervon soll Nutznießer die gewöhnlichen Abgaben entrichten.

Menne scheint in Freienhagen keine Seide gesponnen zu haben. Im Jahre 1732 wird seine hiesige Habe zwangsweise versteigert. Wohnhaus mit Stallungen und Höfen, ebenso Öfen und Brautopf sowie 7 3/4 Morgen Land ersteht Küster Haverkamp auf erb und ewig für 455 Taler.

Im Jahre 1791 werden 6 3/4 Morgen Acker und eine halbe Morgen Wiese für 108 Taler verkauft.

Im Jahre 1818 werden 12 1/2 Morgen für 620 Taler verkauft.

Im Jahre 1840 werden 2 1/2 Morgen gutes Land 5 Minuten vom Dorf für 109 Taler verkauft.

Im Jahre 1861 kosten 15 1/2 Morgen weiter entfernt Land minderer Qualität 1730 Taler.

In früheren Subhastationen sind die Grundstücke anscheinend nie zur Vereinzelung gekommen. Auch erstand sie kein Spekulant, um sie mit Gewinn weiterzuverkaufen oder zu vereinzeln. Vielleicht hatte das seinen Grund darin, daß die gutsherrliche Genehmigung zum Besitzwechsel notwendig und zu Vereinzelungen nicht zu erlangen war. Den Kindern lsraels war ehemals Landerwerb nicht gestattet. Für die damalige Abstinenz halten sie sich jetzt schadlos. Durch allerlei Machenschaften und Zwischenläufer wissen sie Kauflustige durch Vorspiegelung von Konkurrenz anzuspornen. Damit schlagen sie große Gewinne heraus, womit die neuen christlichen Dauererwerber belastet werden.

Die Preise sind dadurch auf ungesunde Höhe getrieben. Diese Zwischengewinne sind zu einem wahren Krebsschaden geworden, der laut nach Abhilfe ruft.

Mit Zinszahlungen für Anleihen scheint es ehedem gehapert zu haben. Es war Brauch, bei Anleihen Land zu versetzen. Gegen Versatz eines Morgen Land wurden 15 bis 18 Taler geliehen. Zur Rückzahlung und Wiedereinlösung scheint es in den meisten Fällen nicht gekommen zu sein. Meist war der Schuldner nach einigen Jahren aufs neue geldbedürftig. Dann bewog er seinen Gläubiger zu weiterer Hergabe von 5 bis 6 Talern, wobei das verpfändete Grundstück dann in den Besitz des Gläubigers überging. Oder der Gläubiger forderte sein Geld zurück in der Voraussetzung, der Schuldner würde ihm das Grundstück gegen Draufgabe von einigen Talern als Eigentum anbieten.

Es gingen viele Erwähnungen von Grundstücksbestellungen "um den Halben". Wenn es nämlich einem Grundstücksinhaber an Vieh oder Saatfrucht mangelte, so einigte er sich mit einem Bekannten zur Bestellung um die Hälfte des Ernteertrags. Der eine gab das Grundstück, der andere Bestellung und Saatfrucht - die Ernte wurde gleichmäßig verteilt.

Die mündliche Überlieferung blieb in bescheidenen Grenzen. Als älteste erscheint diejenige vom Hexenwesen. Unter Anführung von Einzelheiten wurde ein Haus namhaft gemacht (Schlachts), dessen Frau als Hexe verbrannt sei. Als letztes Opfer jenes schrecklichen Wahns sei eine angenehm gestaltete Jungfrau von 17 Jahren aus Sauerlands Hause von der Flachsarbeit weg zur Verurteilung und zum Scheiterhaufen geführt worden.

Die Verbrennungen wurden auf dem "Sekenhofe" vorgenommen. Dieser liegt südlich vor Körbecke, war vor der Separation mit einer breiten Hecke umsäumt und soll ehedem gedient haben als Begräbnisplatz für diejenigen, die an ansteckenden Seuchen gestorben waren. (Seuchen, Siechen, plattdeutsch: Seken, daher Sekenkirche und Sekenhöfe). Ihre Entstehung reicht wahrscheinlich zurück in die Zeiten, in denen die Pest verheerend durch die Länder zog.

Im übrigen reichte die Tradition in die Zeit vor dem 7jährigen Krieg nicht mehr zurück. Vom 30-jährigen Krieg berichtete sie nichts mehr.

Verschont aber blieben unsere Vorfahren sicher nicht. Man braucht nur an die Raubzüge des "tollen Christian" von Braunschweig ins Paderborner Land zu denken.

Der "Paderborner Almanach", ein kleiner Handkalender, führt bis heute noch mehrere Gedenk- und Schreckenstage aus dem 30jährigen Krieg.

Eine Urkunde besagt folgendes:

"Johann Völcker oder Heithecker zu Körbecke hat bei seiner Vorsteherschaft Anno 1639 von Johannes Mennen Kötterei, weil dieselbe verwüstet und veräschert - dann von Töde Mertens verbrannten Gute, desgleichen von des kleinen Kaubs verdorbenen und verarmten Gute im ganzen 29 Taler 12 Groschen Kontribution und Kriegszulage aus seinem eigenen Beutel zahlen müssen".

Bis eine Rückerstattung möglich wird, werden ihm 3 Grundstücke statt Zinsgenuß verpfändet.

Es war also eine Verwüstung und Veräscherung vorhergegangen, wodurch einige verarmt und verdorben waren. - Danach wurde eine Geldkontribution beigetrieben, wovon die verwüsteten und verarmten nicht ausgenommen wurden.

Vom 7jährigen Kriege war unsern Eltern von Augenzeugen und aus dem zweiten Munde vieles erzählt. Englische Kriegsvölker bezogen ein Lager vor dem Braunsholze auf Bolten Kampe, jetzt noch Bolten Grundstück unweit des Witkop'schen Gehöfts. Daselbst befand sich ein immerwährender Wassertümpel. Früher wurden dort in jedem Frühjahr Flinten- oder Karabinerkugeln - es war die Rede von Reitersmännern - in beträchtlicher Zahl gefunden. Bis in die neueste Zeit hob ich einige auf, einmal auch ein Zaumgebiß mit Schild und Krone.

Die Ankunft der Engländer steht im Kirchenbuche mit 2 Worten vermerkt und erfolgte demnach Ende August 1760.

Die "Engelsmänner" räumten im Dorfe auf. Alsbald war keine Gans und kein Huhn mehr am Leben. Eine letzte übrig gebliebene Kuh stand im Keller eines vor wenig Jahren eingegangenen Hauses in der sogenannten "hohlen Weide". Ein Schrank auf der Falltür des Kellers verbarg Keller und Kuh vor feindlichen Blicken.

Eine Chronik in dem benachbarten Lütgeneder, wo sich im 7jährigen Kriege auch Kriegsvölker im Lager befanden, berichtet nach persönlicher Aussage eines W. Benne, sein Vater habe ihm geraten, um ein Pferd zu behalten, solle er sich mit dem Pferde als Soldat anwerben lassen. Dem lag die Idee zugrunde, nach dem Wegzuge der Truppe solle er desertieren und das Pferd wieder mitbringen.

Außerdem besagt jene Chronik u. a., viele Einwohner seien wegen Mangel an Lebensmitteln ausgewandert, die Soldaten hätten die leerstehenden Häuser abgebrochen und im Lager verbrannt.

Unsere Tradition besagte, Kinder hätten häufig das Lager besucht in der Erwartung, etwas Brot zu erhalten. Das besagt, daß die Eltern alles eingebüßt hatten. Waren die Soldaten verproviantiert, so gaben sie den hungrigen Kindern auch etwas ab.

Aus verschiedenen Umständen scheint hervorzugehen, daß auch Soldaten im Quartier gelegen haben, vielleicht schon neben dem Lagerbezug oder zu einer anderen Zeit. Behsen führt in seiner Geschichte des Bistums Paderborn an, in einem der letzten Kriege habe sich ein Hauptquartier in Körbecke befunden.

Den Leuten wurde alles Eßbare unter den Händen weggenommen. Da sie auch leben wollten und demnach essen mußten, kam es bei dem Angriff und der Verteidigung geringer Lebensmittel oft zu drohenden Gegenüberstellungen. Wo die List nicht half, wurde dem barschen Auftreten der Soldateska Trotz entgegengesetzt, zuweilen mit, zuweilen ohne Erfolg, wie einige Beispiele zeigen.

Meine damalige Ahnmutter, die ein starkes und herzhaftes Weib gewesen sei, folgte einmal englischen Reitern auf den Hausboden, um sich dem Wegnehmen einigen Fouragevorrats zu widersetzen. Ein hünenhafter Reitersmann habe sie an den Armen gefaßt, einige Sekunden freihändig in die offene Bodenluke gehalten und dann wieder neben diese gestellt.

Zwischen solch ernstem Fingerzeige und seiner Ausführung mochte in damaliger Zeit kaum ein Hindernis bestehen. Meine Ahnmutter war verständig genug, von weiterer Verteidigung ihrer Vorräte Abstand zu nehmen und schweigend leiterabzusteigen.

Ihr Mann, mein derzeitiger Ahnherr, kehrte einst hungrig vom Felde heim. Es mochten keine Vorräte vorhanden sein, somit mußte auf dem Küchenherde etwas zubereitet werden. Zweimal hatte die Hausfrau dies bewirkt, jedesmal aber war es eine Beute der Kriegsleute geworden. Ergrimmt griff der Ahnherr nun zu einer Düngergabel, stellte sich damit drohend in die Küchentür und schwur demjenigen Tod und Verderben, der ihm nochmals sein bißchen Nahrung streitig machen würde. Das Kriegsvolk lungerte zwar mit verlangenden Blicken umher, einen Angriff aber wagten sie unter den ersichtlichen Umständen diesmal nicht.

Hatten sie einige Brote gebacken und versteckt, so veranlaßte der Geruch die Soldaten zur Suche, meist mit Erfolg. Einige Male gelang es, einige frische Brote unter der kurzen Treppe, die vom großen Hausflur zur erhöhten Stube führte, mit Erfolg zu verstecken.

Im Dorf sollen viele Soldaten begraben liegen. Einige Skelettfunde mit vollständigen Zahnreihen bei Fundamentaushebungen bestätigen diese Tradition. In dem Garten zu Haus Nr. 15 oder 16 sollen besonders viele beerdigt sein.

Infolge Genusses von unreifem Obst - besonders Zwetschen - sei die Ruhr und ein Sterben ausgebrochen und habe auch auf die Einwohner übergegriffen. Mangel an gewohnter Nahrung und Beschränkung in den Wohnungs- und Schlafräumen mochten die Seuche fördern. Die Sterblichkeit beginnt gleich nach dem Eintreffen der Truppen und rafft in den Monaten September 176o bis einschließlich des folgenden Märzmonats 236 Personen weg. Von 1759 bis 1761 starben 323 Personen, sicher über 1/3 der Einwohnerschaft.

Es steht verzeichnet, einmal sei wegen mangelnder Sargbretter ein Ehepaar gleichzeitig in einer Strohumhüllung zu Grabe getragen.

Sonstige schriftliche Aufzeichnungen über die damaligen Begebnisse sind uns nicht hinterlassen.

Auf der Frankenei im Amensen, nahe dem Schnakenberge stand die Frankenmühle. Zu meiner Knaben- und Jünglingszeit war der beträchtliche Vertiefungsabsatz als ehemaliger Standort der Mühle, auch der Sondergraben abwärts der Mühle noch vorhanden. Oberhalb der Vertiefung befanden sich einige heckenumsäumte Gärten. Die Vertiefung ist noch vorhanden, da es aber Ackerland ist, ebnet sie sich mehr und mehr ein.

Ein Soldat verfolgte die Müllerstochter mit unlauterm Begehren. Als er gegen die widerstrebende gewaltig wurde, ergriff das Mädchen in entschlossener Gegenwehr eine Hacke und schlug in der Aufregung seinen Bedränger damit auf den Kopf. Der Kriegsmann wankte zu Boden, und in kurzer Zeit war es um ihn geschehen.

Alsbald nach dem Bekanntwerden stürmte eine Rotte zur Mühle, um den Erschlagenen zu rächen. Sie stürzten den Müller aus seinem Bodenversteck herab zu Tode und steckten die Mühle in Brand. Sie hat sich nicht wieder aus der Asche erheben können. Das Mädchen wird im Schlußakt des Dramas nicht mehr erwähnt. Wahrscheinlich hatte es sich waldwärts geflüchtet.

Bis vor nicht langer Zeit waren hier noch "Franken" vorhanden, wahrscheinlich Nachkommen aus der ehemaligen Frankenmühle. Der letzte hiesige Sproß, "Franken Mrikethrine", starb nach einem Leben voll Arbeit und Entbehrungen als hochbetagte Witwe im Jahre 1882 in ergebungsvoller Armut. Sie war ein starkes energisches Weib gewesen, als habe sie geerbt von dem Mut und der Entschlossenheit ihrer Ahnfrau aus dem 7jährigen Krieg. Ihre Söhne waren in die westliche Industriegegend ausgewandert.

Hierher möchte noch folgendes anzubemerken sein:

In einem Kaufbrief aus dem Jahre 1653 über die gegenwärtige Mühle wird gesagt , sie werde Heibergsmühle genannt. In meiner Knabenzeit hieß sie allgemein "die Wüstemühle". Das waren Unterscheidungen von der andern, hinteren oder Frankenmühle. Jetzt, da die Unterscheidung nicht mehr notwendig ist, heißt sie schlichtweg "die Mühle".

Eine landesherrliche Verfügung verordnet den Erlaß der Heuern und Pächte für die Gemeinheit Cörbecke pro 1760 "wegen erlittener vollständiger Ausfouragierung".

Mein Ahnherr mütterlicherseits hatte bei dem unruhigen Trubel, den die wilde Kriegszeit seinem Bauermeisteramte brachte, sich dem Trinken zugeneigt. Nun ging der Hausstand rückwärts und mußten immer Anleihen aufgenommen werden. Dem damaligen Brauche gemäß wurde meist bei jeder Anleihe ein Grundstück versetzt. Schwerlich konnten diese wieder eingelöst werden, weil die ruinösen Kriegszeiten noch andere Schäden hinterließen und Geld in den damaligen Zeiten außerordentlich knapp gewesen ist.

Nun hatte des Bauermeisters Bruder, Friedrich, sich dem geistlichen Stand gewidmet und war Prior im Kloster Hamersleben in der jetzigen Provinz Sachsen. Dieser gab seinem Bruder bei einem Besuch in Hamelsleben 90 Taler "aus seinen Spielgeldern", wie es in der Urkunde heißt, zur Einlösung einer halben Hufe Land von 18 Morgen. Nach diesem guten Anfang konnten unter dem fleißigen Beistand dreier Söhne später auch die übrigen Grundstücke wieder eingelöst werden.

Die zurückgelösten Pfandbriefe habe ich noch gesehen, es war ein ganzes Päckchen.