Chronik des Dorfes Körbecke / Teil 1

K ö r b e c k e liegt am nördlichen Ausgang eines nördlichen Seitentals der Diemel, etwa 200 Meter über Mehreshöhe. Nach der Zählung von 1895 hatte es an 200 Gebäude, davon 155 Wohnhäuser mit 167 Haushaltungen und 946 Einwohner.

1 Mühle, 3 Gehöfte und 1 Kleinhaus liegen etwa 3 Minuten außerhalb nach Süden, 1 Gehöft liegt etwa 3 Minuten außerhalb nach Südwest, 1 Gehöft liegt ca. 20 Minuten nach Nordwest. 1 Gehöft liegt ungefähr 25 Minuten nach Ost. Von diesem ist jetzt ein zweites Gehöft abgezweigt worden.

Alle übrigen Gebäude bilden eine zusammenhängende, geschlossene Dorfschaft. Vor dem Jahre 1860 stand außerhalb des Dorfes kein anderes Gebäude als die Mühle. Das Gehöft nach Osten und der Gutshof wurden nach vorangegangener Separation anfangs der 1860er Jahre nach außerhalb verlegt.

Als dann am 3. August 1868 bei einem durch Kinder verursachten Brande wegen ungewöhlicher Dürre 15 Gebäude in Asche sanken, haben unsere 3 Mitbetroffenen ihre Gehöfte nach außerhalb verlegt, weil man im Dorfe zu eng wohnt.

Die Religion ist die katholische mit Ausnahme von 2 einzelnen Protestanten und 3 jüdischen Familien; zuweilen kamen noch einige protestantische Dienstboten hinzu.

Schaffensunfähigkeit wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen war bis vor kurzem niemand. In letzter Zeit aber hat ein 13-jähriges Mädchen leider das Augenlicht gänzlich verloren.

Das hohe Alter von 90 Jahren hatte in länger als 130 Jahren niemand erreicht. Neuerdings aber erreichte Heinrich Hagemeyer ein Alter von über 90 Jahren; bald nach seinem Heimgange übertraf ihn Friedrich Kröger mit 91 Jahren. Unsere Kirchenbücher verzeichnen in dem Zeitraum von 1664 bis 1760 19 mal ein Alter von 90 bis 100 Jahren -,mal ein Alter von 100 Jahren -, einmal gar einen Heinrich Hundertmark mit 106 Jahren. Indes dürfte mit Recht bezweifelt werden dürfen, ob die Kirchenbuchangaben in dieser Hinsicht damals zuverlässig sind.

Die Einwohnerzahl befindet sich seit 50 Jahren wegen Aus- und Abwanderung in der Abnahme. In den 1850er und 1860er Jahren ging der Abwanderungszug nach Nordamerika zumeist in den Staat Missouri und dessen Hauptstadt St. Louis; daneben auch nach Texas Illinois, Baltimore usw. Mit Einrechnung einiger Vorgänger und Nachzüchler suchten gegen 10 Familien und um 250 Einzelpersonen in Amerika eine neue Heimat.

2 mittellose Familien paktierten wegen ungenügender Überfahrtsmittel mit einem Agenten über das Reiseziel Australien. Nach der Überfahrt sollten sie für die vorgelegten Reisekosten eine bestimmte Zeit in ein Dienstverhältnis treten. Sie wurden aber nicht in Australien sondern in Afrika gelandet. Ihre Nachrichten kamen aus der Nähe von Kapstadt, wo es ihnen anscheinend gut ging. Es hätte schlimmer auslaufen können. Nachdem die überseeische Auswanderung aufhörte, ist es die westliche Industriegegend von Essen, Bochum, Dortmund, Witten, Gelsenkirchen, Köln etc., die fortgesetzt eine lebhafte Abwanderung anzieht.

Im letzten Dezenium des abgelaufenen Jahrhunderts gingen 6 junge Landwirte nach der Provinz Posen. Dort gründeten sie sich ein Heim durch Ankauf von Grundstücken ( 70 bis 215 Morgen pro Person ). Dann holten sie sich westfälische Mädchen zu Frauen. Das wird regierungsseitig vermittelt und finanziell unterstützt, angeblich zur Stärkung des Deutschtums im Osten.

Unter unserer angesessenen Bevölkerung zähle ich, einschließlich der Verwitweten, 60 Frauen und 21 Männer, die von auswärts stammen. Die Hausstände des Pfarrherrn der Lehrpersonen, des Gutshofes und der Juden sind nicht eingerechnet. An erster Stelle steht Rösebeck dem 16 Frauen und 3 Männer entstammen. Bühne lieferte 6 Frauen und 7 Männer; das unscheinbare Muddenhagen folgt mit 7 Frauen und 5 Männern. Danach folgt Manrode mit 5, Dössel und Borgholz je mit 3, Eissen und Menne je mit 2 Frauen, die übrigen vereinzeln sich. 10 Personen kamen von außerhalb des Kreises Warburg.

Die Hauptbeschäftigung gewährt der Ackerbau.

15 Häuser bestellen ihren Acker mit 4 und mehr Pferden,
9 " " 3 Pferden
20 " " 2 Pferden
12 " halten je 1 Pferd, teils zum Acker, Teils zum Handel,
31 " bestellen ihren Acker mit Kühen,
14 " spannen Kühe nur zum Fahren ein,
55 " benutzen vorläufig noch keine Tiere zur Arbeit.

Die Hausstände des Pfarrherrn, der Lehrpersonen und einiger Einzelhäupter blieben ungerechnet.

Der Viehbestand betrug nach Zählung vom 1. Dezember 1900:

202 Stück Pferde und Fohlen In Wirklichkeit ist der Viehbestand wahrscheinlich etwas größer. Aus Furcht vor Besteuerung werden die Angaben etwas niedrig gehalten.
885 " Rindvieh
801 " Schweine
177 " Ziegen
208 " Schafe
3479 " Federvieh
33 " Bienenvölker
5437 " Obstbäume

Landwirtschaftliche Maschinen sind vorhanden:

2 Stück Dampfdresch- und Häckselmaschinen
7 " Dreschmaschinen für Göpelbetrieb
28 " Häckselmaschinen für Göpelbetrieb
18 " Sämaschinen
29 " Mähmaschinen (davon 1 Garbenbinder, 21 Ablegemaschinen und 7 Grasmäher
18 " Pferdeharken

Häckselmaschinen für Handbetrieb befinden sich fast in jedem Hause mit Viehhaltung bis herab zu 1 Kuh. In der Mühle arbeitete eine Kreissäge. Der Dampfpflug kam Anfang der 1880er Jahre auf den Gütern in Gebrauch, zuerst mit einer Maschine dann das Zweimaschinensystem. Bei starkem Zuckerrübenbau arbeitet der Dampfpflug in jedem Herbstauf den Gütern.

Maschinen und Geräte zum Ausführen landwirtschaftlicher Arbeiten kamen hier zuerst 1860 zu Gesicht. Bis dahin war alles Handarbeit. Nach und nach wurden die Maschinen angeschafft, vervollkommnet und vermehrt.

Es sei hier bemerkt, daß die Aufzeichnungen über gegenwärtige Verhältnisse sich anschließen an die Zeit der gegenwärtigen Niederschrift, an das Jahr 1904.

Weidegang des Viehes ist zusammengeschrumpft auf eine Schafherde. Bisher wurde immer noch eine Gänseherde geweidet, welche diesjährig mangels eines Hirten eingegangen ist. Das Vieh genießt also Stallfütterung. Ungehäckselte Fütterung ist noch nicht gebräuchlich. Früher weideten 2 Kuhherden, denen mehrere Jahrgänge von Fohlen zugesellt wurden - ferner 6 Schaf-, 1 Schweine-, 1 Ziegen-, 1 Gänseherde.

Kleinbauern weideten ihre Pferde zunächst nachts, dann aber auch am Tage in den Fällen, daß sie wenig oder leichte Arbeit oder kein Futter hatten, auf dem Vorbruche. Es war die Rede von gemieteten Pferdehirten für die Nachtzeit. Wenngleich die Pferde zu zweien mit einem Strick von Fessel zu Fessel zusammengespannt wurden, so verstanden sie es doch, im Gleichschritt unerlaubte Nahrungsgenüsse aufzusuchen. Der nächtliche Hirt mußte dies verhindern.

Die größeren Bauern hatten früher ihre Pferde ausnahmslos in ihren, mit starken Hecken umgebenen Wiesen geweidet, wovon noch viel die Rede war.

In neuester Zeit beginnt man hier nach dem Beispiel anderer Gegenden mit der Anlegung eingefriedigter Weidekämpe - bis jetzt 8 Stück.

Das Handwerk ist vertreten durch Schmiede, Wagner, Tischler, Schneider und Näherinnen, Schuhmacher, Sattler, Maurer, Zimmerleute, Holzschuhmacher, Hausschlachter, Hausbrotbäcker.

Eine Ausfuhr von Handwerkserzeugnissen beschränkt sich auf die Lieferung einiger Tischler-, Wagner-, Sattlerarbeiten in die nächste Nachbarschaft, auch einiges Brot wird ausgeführt. Maurer aber sind im Überfluß vorhanden und suchen in ansehnlicher Zahl Arbeit und Verdienst in der Industriegegend. Sämtliche Handwerker bewirtschaften Grundstücke, eigene, gepachtete oder beides zugleich.

Tagelöhner sind nur noch wenige. Auch die wenigen finden nicht immer volle Beschäftigung, weil die schwersten Arbeiten bei dem Arbeitermangel auf die Maschinen haben übertragen werden müssen. Sämtliche Tagelöhner bewirtschaften auch Grundstücke, eigene, gepachtete oder beides zugleich.

In höheren Stellungen befinden sich Körbecker Kinder:

3 Geistliche: Bremer, Bremer, Dr. Bremer. - 2 Ärzte: Dr. Göken und Dr. Bremer. - 1 Chemiker: Dr. Bremer. - 1 Rechtsanwalt : Bremer. 1 Rektor: Bremer. - 3 Lehrer: Plenge, Göken und Flotho. - 1 Lehrerin: Jürgens. - 1 Studiosus Bremer befindet sich auf einer technischen Hochschule und studiert Bergfach. - 1 Maschinenfach: Jakobi. - 2 Knaben: Bremer und Bremer, bereiten sich durch Gymnasialstudien zu höheren Stellungen vor. Ein Sekundaner Bremer starb vor wenigen Jahren an einem Herzleiden. Dem Postfach hat sich ein Jürgens zugewandt, einige widmen sich der Kaufmannschaft. 1 Mädchen: Götte bereitet sich vor auf das Lehrerinnenfach. - 4 Knaben: Scheideler, Göken Götte und Götte bereiten sich vor auf den Lehrerberuf. Dem Ordensstande gehört eine der obigen Geistlichen, Dr. Bremer - ferner 2 Barmherzige Schwestern: Bremer und Kröger an. Der Chemiker, mein Patenkind, ist Angestellter der weltbekannten Liebigs-Fleisch-Extrakt-Kompagnie, die ihren Hauptsitz in München hat. Zweimal war er bereits in Argentinien (Südamerika) zur Inspizierung der dortigen Massenherstellung von Fleischextrakt, war zuweilen auch längere Zeit in London und Antwerpen tätig.

Prädikate ( Privatansicht ): Die Einwohnerschaft ist mit geringer Einschränkung durchweg fleißig, nüchtern und sparsam. Letzteres jedoch bedarf der Einschränkung dahin, daß im Kleideraufwand überhaupt, namentlich aber von der weiblichen Bevölkerung bis zur Magd, Tagelöhnerfrau und Töchter, sowie mit den Kindern, Überschwänglichkeit herrscht. Eine simple Magd oder ein nasequellendes Tagelöhnermädchen am Werktag mit Bänderhut und Handmuff zur Kirche trippeln sehen, ist nicht neu. Und erst an Sonntagen! Die allerdämlichsten Jüngelchen tuns nicht mehr ohne Handmanschetten und anderes. Ferner machen sich in neuerer Zeit leider auch vermehrte Anzeichen wahrnehmbar, wonach in den wenigst bemittelten Klassen neben übertriebenen Kleideraufwand auch in der Lebensweise die unerläßlichen Gebote der Genügsamkeit und Einfachheit verlassen, dagegen ein luxuriöses Wohlleben bis zur Unhaltbarkeit eingeführt wird, wie es früher bei allen und auch heute noch bei vielen Vermögenden bekannt ist.

Vermögensverhältnisse. Es herrscht ein erfreulicher Wohlstand der besonders in den unteren Schichten gegen früher stark und wohltuend absticht. Um so abstoßender wirkt es, daß dieser befriedigende Zustand durch das, im Vorabschnitt Gesagte mutwillig in ernste Gefahr kommt.

Lebenshaltung. Mit Ausnahme des kirchlich verbotenen Freitags erhalten die Arbeiter täglich eimmal - an Sonn- und Feiertagen zweimal Fleisch; in der Zeit vermehrter Arbeit, also im Sommer zum Nachmittagskaffee Gelee und Butter. An Wochentagen werden Kartoffel und Gemüse etc. meist durcheinander gekocht. Es werden nur Schweine geschlachtet. Obwohl alle ohne Ausnahme reichlich zu schlachten pflegen, wird im Nachsommer und Herbst noch viel Metzgerfleisch und Wurst hinzugenommen von denen, die wegen ungenügender Einteilung zu früh auf die Neige gelangen.

Eine sparsame Lebensweise beginnt als schimpflich behandelt und empfunden zu werden, wogegen es sich als rühmlich auswächst, tüchtig was draufgehen zu lassen.

Das im letzten Satz Ausgesprochene beginnt jetzt in der jüngeren Generation aufzusprossen. Die Mägdlein trinken keinen Branntwein. Die männliche Arbeiterschaft ist bereit diesen Ausfall auszugleichen, indem sie gern möglichst viel trinkt.

In 3 Wirtshäuser ist Tagesverkehr ungefähr völlig ausgeschlossen. Abends und sonntags mäßiger Verkehr, etwas Kartenspiel um mäßigen Einsatz ohne mitternächtige Ausdehnung.

Außer einem hergebrachten Schützenfeste findet meist noch einmal im Jahre eine öffentliche Tanzbelustigung statt.

Es wird fast nur Bier getrunken. Gewöhnlich werden abends 2 Glas, zuweilen auch 2 1/2 bis 3 Glas a 10 Pfennig getrunken. Über die gegenwärtigen Trinksitten bin ich aber nicht mehr unterrichtet. Durch Fuhrwerke wird Flaschenbier in die Häuser geliefert und soll der Absatz bis vielfach in ganz kleine Häuser recht erheblich sein. Schreiber dieses leistet sich täglich eine Flasche von 1/2 Liter für 12 1/2 Pfennig, welche aber in den Wintermonaten entfällt. Bei völliger Aufgabe des Wirtshausbesuchs verursachte das im Jahr eine jährliche Ausgabe von 36 - 37 Mark. Nachdem der regelmäßige Besuch meines Jüngsten Sohnes während der Gerichtsferien oder an den Hauptfesten im Elternhause wegen seiner eigenen Etlabierung schwächer geworden ist, hat sich der Bieraufwand unter 30 Mark pro Jahr ermäßigt. Hier sind neben andern auch gleichgestellte Männer, die in Trinkleistungen erheblich schwächer eingeschätzt werden müssen.

Gegen die städtische Durchschnittsbevölkerung stehen wir in Gaumen- und Vergnügungsgenüssen allesamt als blasse Waisenknaben. Nur in Schaffensleistungen gönnt man uns den Vorrang. Wenngleich die Trinksucht schwerlich jemals völlig schwinden wird, so wurde ein öffentlich Betrunkener hier seit Jahren nicht gesehen. Über einen etwaigen Gelegenheitsrausch geht mir jedoch die Kenntnis ab.

Früher wurde nur Branntwein getrunken. Regel war abends 2 Schnäpse a 3, später a 4 Pfennig. Einzelne tranken nur einen. Dazu schmökten sie ihr Pfeifchen und tauschten Wissen und Meinung aus über neue und alte Vorkommnisse und Erlebnisse der Umgebung und des Universums. Auch bei besserer Situation in der sich fast alle Mitglieder der kleinen Schar Wirtshausbesucher befanden, empfanden einige zuweilen einen Anfluch von Gewissensskrupeln. Diesem gab ein wohlhabender Großbauer einmal dem Schreiber dieses gegenüber auf dem abendlichen Heimweg folgenden Ausdruck: " Ja man nimmt die Sache so leicht, und doch - wenn man zu 2 Abenden einen Pfennig zulegt, ist es schon ein Kleinenberger Besen". Dieser kostete damals 7 Pfennig und der Sprecher kam über einen Schnaps a 3 Pfenng abends niemals hinaus. Zu seiner Entschuldigung darf nicht unausgesprochen bleiben, daß er zu der Mehrzahl rechnete, die nicht allabendliche Wirtshausgäste waren.

Einmal jagte der animierte heimkehrende Wirt mit schimpflichen Worten einen bemittelten Juden zur Tür heraus, weil dieser die Gewohnheit übte, gar nichts zu verzehren. Der gemaßregelte mochte sofort ahnen, daß das für ihn ein schlechter Abschluß sei. Kehrte also kurzentschlossen vor der Tür um und forderte beim erneuten Eintritt von dem Gestrengen "1 Schnäpschen". Sofort war die Harmonie völlig wieder hergestellt, kein Wort erinnerte noch an die voraufgegangene Szene. Ein anderer Standesgenosse, der dürftig, aber redegewandt war, wurde freundlich geduldet, ohne daß er etwas verzehrte.

Von den Söhnen des Vorerwähnten wohnt einer in Köln, Hohenzollernring, einer in Kassel, Hohenzollernstraße; beide in den vornehmsten Teilen reicher Städte, beide mit nicht unbeträchtlichem Vermögen.

3 Lehrpersonen heben die Schuljugend auf die Wissensstufen. Zu diesem Zweck besteht eine 8-jährige Schulpflicht vom vollendeten 6. bis 14. Lebensjahr. Die gegenwärtige Schülerzzahl schwankt zwischen 170 bis 180 Köpfen.

Der Unterzeichnete und seine Altersgenossen resp. Genossinnen mußten bei stärkerer Volkszahl zwischen 1840 und 1850 sämtlich ein und derselben Lehrperson ihr Schulwissen abhorchen.

Ob sie Euch aus der Zeit dreier Lehrpersonen demnächst nach vollbrachter Pfugarbeit bessere Aufzeichungen hinterlassen, werdet Ihr sehen.

Kaufläden öffnen sich 6 zur Entnahme von Kram- und Kolonialwaren nebst Spirituosen. In einem Laden bieten sich Manufakturwaren in bescheidener Wahl.

Eine Postagentur mit Telefon vermittelt den Verkehr mit der Außenwelt. Die Postsachen laufen von Liebenau vermittels Fuhrwerk für Körbecke und Rösebeck täglich zweimal ein und in umgekehrter Richtung aus. Liebenau ist nächste Bahnstation.

Der Post- und Telegrammverkehr der hiesigen Postagentur ist mir von der Kaiserlichen Oberpostdirektion in Kassel aus dem Jahre 1902 wie folgt mitgeteilt:

Eingegangen Ausgegangen
1. Briefsendungen 29120 Stück 16562Stück
2. Paketsendungen 2002 " 1306"
3. Postanweisungen662 " mit 70.133 M1983"mit 79.471 M
4. Telegramme 375 " 180"

Zeitungen wurden in Körbecke in den Wintermonaten etwa 70 bis 80 Stück in den Sommermonaten etwa 50 bis 60 Stück aus ca. 12 Verlagsorten gehalten.

Zeitungen in Rösebeck in den Winterquartalen etwa 30 bis 40, in den Sommerquartalen zwischen 20 und 30 Stück.

Die meisten politischen Zeitungen erscheinen täglich in 2 Nummern.

Am Paketverkehr sei Rösebeck ungefähr im selben Verhältnis, am Brief-, Geld- und Telegramm-Verkehr dagegen in schwächerem Verhältnis beteiligt.

Als Umgangssprache war bisher das Plattdeutsch in breiter Mundart außer dem Gutshof allgemein. Neuerdings ist vielfach begonnen worden, den Kindern die hochdeutsche Sprache im gewöhlichen Verkehr anzugewöhnen.

Das Fahrrad wurde vor einigen 20 Jahren auf dem Lande selten gesehen und war wenig bekannt auf dem Lande. Gegenwärtig ist es ein Verkehrsmittel geworden, das auch auf dem Lande verbreitet ist und häufig gesehen wird. Es dürfte gerechnet werden, daß sich auf jedem Dorf Fahrräder und eine ganze Reihe geübter Fahrer befinden. Auch Zweiräder mit Motorbetrieb und Automobile sind auf dem Lande nicht nur selten gesehen.

Die Gemarkung enthält rund 6300 Morgen oder 1607 Hektar, wovon mit Einrechnung der neueren Anpflanzungen 450 bis 500 Morgen als Wald und Holzung anzusprechen sind. Der Gemeindebesitz beträgt ungefähr 770 Morgen. Hiervon sind gegenwärtig ca. 330 Morgen als Ackerland verpachtet, die in letzter Periode einen jährlichen Pachtertrag von 8100 Mark brachten. 100 Morgen sind Wiesen mit jährlichem Grasverkauf. Diese brachten in den letzten 10 Jahren einen Durchschnittsertrag von jährlich 3200 Mark. Was mit Holzung bestanden ist, mag sich etwa gegen 130 Morgen beziffern. 10 Morgen sind mit Obstbäumen besetzt. Hiernach würden zur Weidenutzung und als Unland noch ca. 200 Morgen verbleiben. Einnahmen aus Gemeindegrundstücken 1903: 13.096,-- Mark.

Das Strumbook war zu fürstbischöflicher Zeit Staatseigentum und Wald. Nach Ruinierung des Waldes scheint die Gemeinde in Ablösung eines Weiderechts annährend die Hälfte als Eigentum erhalten zu haben. Das übrige kaufte sie später hinzu. Über diesen Ankauf ist mir Urkundliches nicht bekannt geworden, nur die Tradition wußte davon.

Es diente lange als Ziegen und Gänseweide. Am zweiten Pfingsttage alljährlich hatten die Schützen dort Königschießen, während die jüngere Welt sich auf einem Rasentanzplatz vergnügte.

Vor 1850 beginnend, wurde der größere Teil allmählich mit Tannen, der südwestliche Hang mit Kiefern bestellt. Mit Zuhilfenahme des Tannenertrages - so hofften und sprachen unsere Väter - würden ihre Nachkommen eine neue Kirche bauen können. Die Tannenernte hat seit einer Reihe von Jahren stattgefunden, der Kirchenbau aber, das Vermächnis unserer Väter war bei den meisten völlig in Vergessenheit gekommen. Wenige Morgen vom Strumbook sind zu Ackerland verpachtet.

Ein Rest von 8 Morgen ist vor einigen Jahren mit Obstbäumen besetzt. Eine weitere Obstbaumpflanzung befindet sich am Heiberg in fragwürdigem Boden.

Außer dem Gemeindegrundbesitz gehören zur hiesigen Pfarrstelle nahe 80 Morgen, wozu noch 5 1/2 Morgen in der Borgentreicher Gemarkung kommen. Zur hiesigen Schulstelle gehören 5 Morgen 86 Ruthen; zur Küsterstelle 9 Morgen 128 Ruthen. Schul- und Küsterland waren in ihrer Nutzung bisher immer in der Hand des Schullehrers vereinigt.

Frühere Einteilung und Beschaffenheit der Gemarkung. Ehedem zeigte die Feldmark eine starke Zersplitterung der Grundstücke bis herab zu 3/4 und 1/2 Morgen auch im Bauernbesitz. Ein Gut von 120 bis 150 mochte in 60 bis 80 Parzellen durch die ganze Feldmark zerstreut liegen. Die Wege hatten nur die Breite eines Wagenspurs, auch die Kommunikationswege zwischen den Ortschaften. Manche waren tief ausgeflossen und gefahren, sogenannte Hohlwege. Nicht jedes Grundstück hatte einen Wegezugang, sondern der Weg mußte über andere Grundstücke genommen werden. Deshalb mußte eine größere Feldkoppel stets mit gleichartiger Frucht bestellt werden damit die Überfahrt ohne große Schädigung ermöglicht werden konnte. Die Grundstücke waren vielfach naß bis sumpfig, es mangelte an Wasserableitumgsgräben.

Außer den Fahrwegen führten Fußwege in gerader Richtung nach den Nachbarorten Bühne bis zur Hohenfelder Linde, Muddenhagen, Lamerden, Rösebeck und Daseburg, Ostheim, Borgentreich, nach dem Braunsholze. Ein gerader Weg nach Rösebeck und Daseburg war, wie noch heute, teils Fahr- teils Fußweg. Diese Fußwege vermittelten auch raschere Zugänglichkeit zu vielen Grundstücken.

Die zahlreich, durch die Feldmarkt verstreuten Wiesen waren größtenteils mit starken Hecken umgeben und durchsetzt. Auch zwischen manchen Äckern befanden sich Hecken meist in hängigen Lagen, einzeln aber auch in ebenem Gelände, und Kämpe. Somit bot die Gemarkung ein Bild wechselvoller Mannigfaltigkeit, Schutz und Unterkunft für allerlei Feldgetier und war für Vögel und nestsuchende Knaben ein wahres Paradies.

Die Hecken lieferten Material für die Gartenzäune und Brennholz für die Bräutöpfe und großen Kachelöfen, welch letztere ihren weiten Mund nach der Küche und dem Hausflur öffneten.

Im Jahre 1858 sind die Grundstücke in der Separation zusammengelegt und in größeren Parzellen neu ausgewiesen. Dabei wurden mehr Wege in größerer Breite ausgelegt. An den hängigen Wegen wurden mehr Gräben zur Aufnahme und Abführung von Wasser angelegt. Auch sonst wurden noch Gräben als Wasserzüge ausgelegt. Nun wurden die Hecken gerodet bis leider auf den letzten Busch. Es wurden viele Drainagen zur Abführung des Grundwassers gelegt. ( Schreiber dieses legte auf seinen Grundstücken von 154 Morgen gegen 5000 lfd. Meter ). Nicht wässerbare Wiesen wurden nach geschehener Entsumpfung in gutes Ackerland umgewandelt.

Durch all dieses erhielt die Gemarkung ein sehr verändertes, schlichteres Aussehen. Die größeren Flächen weckten das größere Wohlgefallen des Eigentümers und wurden ein kräftiger Ansporn zu fleißigerer Bestellung, die nicht unbelohnt blieb. Indem jedes Grundstück seinen direkten Wegezugang erhielt und von der Weidebelastung befreit wurde, war die Bestellungsart fortan völlig frei und unabhängig. Bei schlechten Wegen und schwacher Düngerproduktion war früher eine Düngung entfernter Felder völlig unterblieben. Daher konnten die Ernten nur sehr gering sein. Infolge der Separation aber brachten Düngung und sorgfältigere Bestellung auf bisher vernachlässigten Grundstücken doppelte und dreifache Erträge. Demgemäß stieg die Wertschätzung solcher Äcker, die früher verkannt waren.

Die Separation war lange vor ihrem voraussichtlichen Eintritt unsern Vätern ein Schreckschuß. Sie hat sich sehr wohltätig erwiesen. Ein rationeller Betrieb ist bei großer Zerstückelung ohne gute Wege und ohne Entwässerungsmöglichheit völlig ausgeschlossen.

Durch zweckmäßigere Anlage von Wegen und größere Zusammenrückung der Grundstücke desselben Besitzers hätte Sie noch erheblich vorteilhafter gestaltet werden können.

Die Kommunikationswege sind in die bessere Verwaltung des Kreises überführt worden, nachdem gemeindeseitig ihr Ausbau und ihre Instandsetzung vollzogen war. Vorher waren sie mit Obstbäume eingefasst, die im Eigentum der Gemeinde verblieben sind.

Feldwege sind auf schlechteren Stellen streckenweise chausseemäßig gehärtet, bislang auf etwa 12 Punkten.

Erntedurchschnitte der Hauptgetreidearten aus einem 7jährigen Zeitraum gegen Ende des abgelaufenen Jahrhunderts nach des Unterzeichneten Aufzeichnungen:

Weizen 12 - Roggen 8,50 - Hafer 9,50 - Bohnen und Bohnengemenge 8,26 Zentner vom Morgen.

Die günstige Haferernte des Jahres 1900, die im Vorstehenden nicht einbegriffen ist, brachte bei einem meiner Söhne den bis dahin nicht erreichten Durchschnitt von 15 - bei einem anderen von 14 Zentnern pro Morgen.

Ausfuhrartikel sind: Weizen, Roggen, Hafer, wenig Hülsenfrüchte Zuckerrüben, etwas Heu und Stroh, viel Rindvieh und Schweine, wenig Schafe und Wolle, Eier und Brot. Milch geht täglich eine Fuhre nach der Molkerei Liebenau, eine nach der Molkerei Borgentreich. Die Milch vom Gutshof geht nach Kassel. Von den Molkereien kommt die Magermilch nach erfolgter Entfettung an demselben Morgen zurück. Der Preis richtet sich nach dem Fettgehalt. Liebenau zahlte auf einer Stelle im Jahresdurchschnitt 7,25 Pfg pro Liter unter Rückgabe von 75 % Magermilch. Borgentreich dagegen zahlte in einem Jahresdurchschnitt 7,16 Pfg Pro Liter Vollmilch und gibt statutenmäßig 95 % Magermilch zurück. Ein geringer Unterschied besteht auch noch in der Preisstellung für empfangene Butter. Die Molkereigenossen erhalten einige Dividende. Vom Liter ist 1/2 Pfg Fuhrlohn zu zahlen. Körbecke lieferte in einem Jahr nach der Molkerei Liebenau 253.921 Liter welches einer Tagesleistung von 695 Liter entspricht. Das Liter nach Abzug des Fuhrlohns 6,75 Pfg gerechnet, ergibt einen Jahreswert von 17.14o Mark. Der Wert der Magermilch läuft nebenher, die notwendige Butter und Käse dagegen, welche man von der Molkerei zurückbezieht, muß abgerechnet werden.

Einfuhrartikel, land- und forstwirtschaftliche: Junge Schweine, Kunstdünger, Futterartikel ( Kleie, Oelkuchen, Mais ) Klee- und Leinsamen Brenn- , Geschirr- und Bauholz.

Grundstückpreise: Letztzeitig kamen selten Grundstücke zum Angebot oder in Aussicht. Das steigerte den Preis des Wenigen, das zum Angebot kam, sehr. Der Morgen besseren Ackers wurde je nach Lage, Entfernung und Güte mit 750 bis 1200 Mark bezahlt. Der Morgen wässerbare Alsterwiese trieb sich bis 1600 Mark.

Früher waren die Angebote häufiger, daneben schon wieder Künftiges in Aussicht, daher die Preise niedriger.

Pachtpreise für mittleres und gutes Land: 24 - 36 bis 4o Mark und mehr pro Morgen.

Sonstige Preise: Weizen 16,50 - Roggen 13,80 - Hafer 12,75 Mark für 100 Kilo. Weizenstroh 1,20 pro Zentner in der Kuhlemühle ( Papierfabrik in Warburg ).

Molkereibutter für Milchlieferanten 1 - 1,1o Mark pro Pfund. Margarine ist auch im Gebrauch.

1 Liter Bier kostet 25 Pfennig in Flaschen ins Haus geliefert. Branntwein im Faß 44 Pfg pro Liter. Kaffee im mittel hiesigen Gebrauchs 1,20, Zucker 23 - 24 Pfg pro Pfund. Eier kosten 4 - 7 1/2 Pfg pro Stück je nach Jahreszeit.

Eisen und Kleineisen im mittel etwa 10 Pfg, Achsen etwa 17 Pfg pro Pfund.

Ein gutes Ackerpferd kostet 800 bis 1000 Mark und mehr; eine gute, frischmelke Kuh mit Kalb 400 bis 500 Mark; fette Schweine 40 Pfg, Kälber 36 - 38 Pfg, gute Zuchtkälber 45 Pfg, fettes Rindvieh 32 Pfg, alles pro Pfund Lebensgewicht. Ferkel von 6 Wochen kosten pro Stück 8 - 13 Mark. Der Preis ist sehr beweglich.

Bei der Beweglichkeit der Preise für manche Gegenstände lassen sich unanfechtbare Zahlen kaum aufstellen. Die Fruchtpreise waren seit Jahren anhaltend auf einem Tiefstand wegen fremder Einfuhren.

Brennmaterialienpreise: Holz 5 1/2 bis 7 Mark pro Meter. - Steinkohle 1 Mark pro Zentner, Braunkohle 50 Pfg pro Hektoliter auf Zeche Herkules bei Wihelmshöhe-Kassel.

Vor wenigen Jahren noch waren die Brennmaterialpreise niedriger. Die meisten Öfen sind auf Steinkohle eingerichtet. Braunkohlen brennen allenthalben gut, sind aber erst seit wenig Jahren in einzelnen Häusern eingeführt.

Viehhaltung auf einer Bewirtschaftung von etwas über 80 Morgen: 3 Arbeitspferde, Fohlen nach Umständen, 14 bis 17 Stck Rindvieh, 8 bis 24 Schweine je nach Jahreszeit, 6 bis 10 Gänse, 50 bis 60 Hühner, sonst nichts.

Staatssteuern: Besitz kaum 80 Morgen: Einkommensteuer 31 Mark, Ergänzungssteuer 21 M = Se 52 Mark, oder auf den Morgen Besitz 68,5 Pfg.

Gemeindesteuern: Auf den Morgen Grundbesitz 122,5 Pfg. Die Gemeindesteuern stehen augenblicklich auf einer nie gewesenen Höhe wegen der Gemeindeschulden vom Schul- und Kirchenbau. Voraussichtlich werden sie aber nach Tilgung älterer Schulden in einigen Jahren ermäßigt werden können.

Kosten der Arbeiterversicherung, als Alters-, Invaliden- und Unfallversicherung: Gegenwärtig auf den Morgen Grundbesitz 52 Pfg. Die Unfallversicherung ist eine doppelte, einmal als gesetzlicher Beitrag zur landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, dann noch als freiwillige Haftpfichtversicherung. Ersterer Beitrag hat eine steigende Tendenz. Bei der Alters- und Invaliditätsversicherung ist, die dem Arbeitgeber gesetzlich zufallende Hälfte der Beiträge, berechnet.

Früher mußten anstelle der ehemaligen gutsherrlichen Gefälle als Heuern, Zehnten, Dienstleistungen, welche durch Vermittlung des Staates abgelöst waren, an die Staatskasse Renten gezahlt werden, die im letzten Dezenium des abgelaufenden Jahrhunderts getilgt waren. Bei Unterzeichneten betrugen sie etwas über 1 Mark pro Morgen. Außerdem betrug die an den Staat zu entrichtende Grund- und Gebäudesteuer bei dem Unterzeichneten pro Morgen 70 Pfennig. Auf diese hat der Staat jetzt zu Gunsten der Gemeinden verzichtet. Alles zusammengenommen sind die Abgaben jetzt niedriger, wie vordem. Dagegen schwellen die Arbeiterversicherungen in bedenklicher Weise an. Die Arbeiterversicherungen sind im Jahre 1891 für ganz Deutschland gesetzlich eingeführt. Sie sichern dem Arbeiter eine Alters- und gegebenenfalls eine Invalidenrente. Die Beiträge sind hier gegenwärtig für männliche und weiblich gewöhnliche Arbeiter und Dienstboten gleichmäßig auf 20 Pfennig für jede Woche festgesetzt: Hiervon soll nach den gesetzlichen Bestimmungen die Hälfte vom Arbeitgeber, die andere Hälfte von der versicherten Person getragen werden. Die versicherten Personen erstreben die Abwälzung der vollen Beiträge auf den Arbeitgeber.

Ferner bestehen Unfallversicherungen mit Beitragspflicht für den Arbeitgeber. Sie sichern eine Entschädigung bei Unfällen, die im Arbeitsbetriebe oder im Zusammenhang mit ihm entstehen. Nun wälzen aber die Versicherungsverwaltungen die Entschädigungen auf die Arbeitgeber ab in den Fällen, daß diesen ein Verschulden an dem Unfall nachgewiesen werden kann, z. B. durch nicht Einhaltung einer der vielen polizeilichen Schutz- und Unfallverhütungsvorschriften. Zudem ist die Haftung nach der neueren Gesetzgebung über die Maßen dehnbar geworden. Deshalb bestehen noch besondere Haftpflichtversicherungen, wodurch die Versicherten für alle Fälle gedeckt werden. Es wird noch geplant, für Zeiten etwaiger Arbeitslosigkeit eine Unterstützung - ferner den Hinterbliebenen von Arbeitern eine Rente zu verschaffen.

Von all diesen Versicherungen, Renten und Entschädigungen kannte man früher nichts. Daß bei kleinen Unfällen auf die Erlangung einer Invalidenrente hingedrängt wird, ist leicht verständlich. Sicher ist, daß kleinere Bauersleute und Handwerker, die für ihre Bediensteten Marken haben kleben müssen, in großer Zahl im Alter über weniger Barmittel verfügen, als die pensionsbeziehenden Arbeiter.

Lohn eines Großknechts im Jahre 1904: bar 300 Mark, 1/2 Morgen Kartoffelland, 1 Paar Schuhe, 2 Holzfuhren, einiges Land ausstellen. Letzteres muß auch in Nachbargemarkungen geschehen, wenn der Knecht von dort kommt. Wo Zugaben wegfallen, wurden 400 Mark gefordert und 370 Mark geboten.

Aus einem Schreibkalender des Jahres 1775:

" Auf Michaeli hat mein Mann einen großen Knecht gemietet für 10 Taler 2 Paar Schuhe, 2 Hemden. - Von Michaeli bis Petri hat mein Mann einen Kleinknecht gemietet für 3 Taler. " Eine Abrechnung daselbst mit einem anderen Großknecht zeigt einen Jahrlohn von 12 Taler. Einiges Landpflügen wird daran in Abrechnung gestellt.

In unserer Knaben- und Jünglingszeit standen die Großknechtslöhne auf 24 bis 26 Taler. Damals verharrten die Löhne auf dem gleichen Standpunkte.

Erbaulich waren die ehemaligen Verhältnisse nicht.

Lohn einer Magd: 150 bis 160 Mark, 1/4 Morgen Kartoffelland, 2 Holzfuhren, einiges Land ausstellen ( bis 4 Morgen samt Dünger- und Erntefuhren ). Ist das Mädchen erst 15 Jahre alt, kennt wenig Arbeit, ist dazu nicht gutwillig, so bildet das an der Landbestellung kein Hindernis.

Die Lohnkartoffeln mußten mit dem Pfluge behackt, behäufelt, auf Wunsch auch ausgepflügt werden .

Tagelöhner erhalten für Mähen, Hilfe in der Ernte oder beim Dampfdreschen meist Gegenleistungen in Fuhren oder Landbestellung; sonst 1,50 M und mehr pro Tag und Kost. Frauenpersonen, die selten Aushilfe leisten, erhalten 80 Pfg und 1 Mark. Die Löhne sind seit langem in immerwährendem Steigen - beim Gesinde in sprunghafter Weise. Einer Magd wurden, wenn sie auf die Zutaten verzichtete , 219 Mark offeriert ( 73 Taler ).

Arbeitskräfte mangeln in nie gekanntem Maße in ganz Deutschland. Das ist eine Folge gewaltiger Ausdehnung der Industrie, deren Arbeiterbedürfnis unersättlich ist. Deshalb werden Gesinde und Arbeiter bei ihrer Anwerbung zusehends anspruchsvoller, wogegen die frühere Leistungsfähigkeit und Gutwilligkeit in gleicher Weise verschrumpfen und verflachen.

Auch im Verkehrswesen, Eisenbahn und Post, wird ein Heer von Unterbeamten und Angestellten beschäftigt gegen besseren Lohn bei geringerer körperlicher Anstrengung. Den schwereren Beschäftigungen geht man deshalb möglichst aus dem Wege. Zu jenen Ständen, denen nur leichte oder gar keine körperliche Arbeitsanstrengungen zufallen, besteht ein überflüssiger Zudrang.

Viele der schwersten Arbeiten werden gegenwärtig mit Dampf- oder Pferdekraft bewirkt, z. B. Dreschen, Hächselschneiden, Säen, Mähen, Holzsägen, Kartoffeln- und Rübenhacken, häufeln, ausheben. Die Schleppharke wird nicht mehr durch die Getreidestoppel gezogen, das bewirkt die Pferdeharke. Das viele und schwere Verbrauchswasser für Menschen und Vieh wird nicht mehr aus der Brunnentiefe aufgewunden und langwegs auf den Schultern heimgetragen, sondern mit Pumpen gehoben und durch Röhren an den Verbrauchsort geleitet, teilweise direkt in die Viehkrippen.

Die Lebenshaltung ist bedeutend besser - der Verdienst aller Arbeiter beträchtlich höher geworden.

Mit dem höheren Verdienst sind Aufwand und Genußsucht in starke Zunahme getreten. Nach Abstreifung der früheren Sitten befinden sich die Ansprüche in steter Zunahme und Steigerung. Die Zügel, womit der angeborenen Neigung zu Genußsucht und Luxus die unerläßliche Hemmung vermittelt werden muß, sind entfallen. In den Industriegegenden und großen Städten werden Genußsucht und Luxus durch Wort und Beispiel gelehrt. Eine zahlreiche Partei predigt die Unzufriedenheit und gibt Zufriedenheit mit dem Bestehenden geradezu für ein Verbrechen aus. Durch Wechselbeziehumgen mit Personen, die in der Industrie und in größeren Städten wohnen und arbeiten, werden Luxus, Genußsucht und Unzufriedenheit auch auf dem Lande genährt. Deshalb wird der Mangel an gutem Willen immer ausgeprägter und augenfälliger.

Nach dem Übertragen der schwersten Arbeiten auf die Maschinen werden die verbliebenen Arbeiten wieder als riesenschwer hingestellt und beklagt.

Die Verkürzung der Arbeitszeit und Minderung der Leistungen kommen der Moral nicht zugute. Vielmehr fällt der Ungebundenheit und Ausgelassenheit mehr Zeit zu.

Nachdem das Gesinde, auch das weibliche, aufgehört hat, abends oder nachts für die Herrschaft zu arbeiten, wird auf möglichst frühen Eintritt des Feierabends gedrängt. Nach dem Abendessen erfolgt ein gründlicher Aufputz und dann gehts hinaus, um Zusammenkünfte in einzelnen Häusern und auf den Straßen, oder Spaziergänge zu pflegen. Die Rückkehr erfolgt erst spät, häufig zu spät. Das ist ein nicht genug zu beklagender Übelstand schwerster Art. Gegenseitige Verhetzung zu Unbotsamkeit, Trotz und größere Übel sind die schlimmen Folgen.

Das Dampfdreschen bringt eine beträchtliche Vermehrung moralischer Nachteile. Es wird soviel Branntwein dabei getrunken wie früher bei keiner Gelegenheit. Die Arbeit dauert gewöhnlich bis über das Abenddunkel hinaus, wo das Schnapsen seinen Höhepunkt erreicht. Eine Anzahl junger Leute beiderlei Geschlechts hat die Beschäftigung zusammengeführt. Nach beendeter Arbeit findet das Zusammensein in und außer dem Hause, auf dem Heimweg seine Fortsetzung in einem von Branntwein aufgeregten Zustand.

Eine hochgradige Kälte ist mehrere Jahre nicht mehr aufgetreten. Die früheren Kalender enthielten die wiederholte Mahnung, bei winterlichem Frost dem Dreschen fleißig obzuliegen, weil das Korn infolge des Frostes leichter ausfällt. Diese Mahnung wurde auch reichlich befolgt. Bei Frost mußte Weizen gedroschen werden. Das bedingte ein frühes Zubettgehen - stundenlanges Herumtreiben außer dem herrschaftlichen Hause war völlig unbekannt. Jetzt wird des Nachts, abgesehen von wenig einzelnen Häusern, nichts mehr geschafft. Mägde haben erzählt, während einer Frostperiode von 15 Grad Kälte seien ihnen von ihren Hausfrauen extra Bettstücke oder Decken verabfolgt mit der Weisung, sich vor dem Zudecken damit zu umwickeln. Das ist eine neue Fürsorge. Früher mußten sie fleißig dreschen, jetzt gehen sie stundenlang flanieren, dann erhalten sie eine vorsorgliche Sonderumwicklung im Bett, obwohl schlechte Betten oder ungenügend geschlossene Schlafkammern nicht anzunehmen sind. Setzt man etwa ein Erloschensein der natürlichen Jugendwärme voraus?

Auf gleicher Stufe steht es, wenn manche jetzt ihre Arbeiter bei halbwegs entfernten Grundstücken mit Extrawagen morgens aufs Feld fahren und abends wieder hereinholen. Die Jungen, die sich bei der Arbeit keineswegs zu übernehmen pflegen, sind dann abends und nachts auf den Straßen desto breitspuriger.

Für diese neuerlichen besonderen Fürsorgen ist kein anderer Grund erkennbar, als im eigenen Interesse bei den Arbeitern " lieb Kind " zu machen. Nimmt die Zahl solcher Fürsorgenden zu, so erwächst den Widerstrebenden ein immer stärkerer Zwang zur Nachfolge. So ist auch durch freundliche Duldung Einzelner der große, äußerst beklagenswerte Übelstand des allabendlichen Auslaufens nach und nach allgemein geworden. Zum Verlassen der fütterungsbedürftigen Pferde hätte früher nichts die Knechte vermocht. Gegenwärtig kümmert sich kein Knecht abends um die Pferde, sondern geht zweifelhaften Vergnügungen nach. Auch an Sonn- und Feiertagen kümmert sich kein Knecht am späten Tage weiter um die Pferde, als daß er vor und nach der Mahlzeit je ein Futter gibt.

Will die Herrschaft einen auswärtigen Besuch machen und empfiehlt dem Knecht an einem der 70 Sonn- und Feiertagen die Wartung der Pferde, so ist als Regel anzunehmen, daß der Knecht dem nicht nachkommt. Zur Rede wird er deshalb selten gestellt, weils vielleicht zu trotziger Auflehnung führen würde. Es empfiehlt sich daher, der Magd oder dem Kuhjungen, welche die Kühe füttern, auch die Pferdewartung noch aufzuladen.

Kommt das Mädchen am Sommersonntag vom benachbarten Schützenfest abends nicht heim, so muß die Hausfrau sich zum Füttern und Melken allein bequemen. Außer dem Gutshof mögen diese Verhältnisse allgemein eingebürgert sein.